Studie: Stiftungen könnten mehr bewirken
Kleine Stiftungen dominieren den Sektor. Gesetzlicher Rahmen reformbedürftig.
Berlin - 19.04.2016 - Deutschlands knapp 19.000 Stiftungen könnten
ihre Unabhängigkeit von Staat und Markt noch besser nutzen, um gerade
in gesellschaftlichen Reformbereichen wie dem Bildungs-,
Wissenschafts-, und Sozialwesen sowie im Kulturbereich wirksame
Impulse zu setzen. Das gilt vor allem für die größeren
Förderstiftungen, die 10 Prozent des Sektors ausmachen und mehr als
90 Prozent der Gesamtausgaben der reinen Förderstiftungen (2,8 Mrd.
Euro) tätigen. Eine neue Studie der Hertie School of Governance und
des Centrums für soziale Investitionen und Innovationen der
Universität Heidelberg unter der Leitung von Prof. Dr. Helmut Anheier
kommt zu dem Schluss, dass diesen Stiftungen oft eine nachhaltige
Strategie fehlt, um sich erfolgreich als Reformmotor und Förderer
sozialer Innovationen zu betätigen. "Gerade weil ihr Budget im
Vergleich zu öffentlichen Mitteln minimal ist, benötigen Stiftungen
eine durchdachte Strategie, einen langen Atem und nicht zuletzt einen
stärkeren Willen zur Transparenz. Wer möchte, dass z.B. ein
Modellprojekt im Bildungsbereich nach der Erprobungsphase von
öffentlicher Seite fortgesetzt wird, muss sich von Anfang an in die
Karten schauen lassen", erläutert Studienleiter Anheier.
Die Studie, für die 1.000 repräsentativ ausgewählte Stiftungen zu
Zielen, Selbstverständnis und Ergebnissen ihrer Arbeit befragt
wurden, macht die Zweiteilung des Sektors deutlich. Jeweils über 70
Prozent der Stiftungen sind mit einem Jahresbudget von unter 100.000
Euro eher klein, lokal tätig und mit einem Gründungsdatum nach 1990
eher jung. Große, finanzkräftigere Stiftungen sind in der Minderheit.
"Das Herz des deutschen Stiftungswesens schlägt im Mittelstand. Wir
sehen hier eine ausgeprägte Engagement-Kultur, aber teilweise auch
eine Überschätzung der eigenen Kräfte", so Anheier. Besonders
hervorzuheben sei der Beitrag kleiner Stiftungen, die lokal oder
regional eine abgrenzbare Nische besetzen.
Allerdings kann klein auch zu klein sein. Gerade potenziellen
Stiftungsgründern mit geringeren Vermögen empfehlen die
Wissenschaftler, alternative Formen wie Verbrauchsstiftungen oder
Treuhandmodelle zu prüfen. Angesichts des großen Bedarfs, sich
stifterisch zu engagieren, sei zudem der Gesetzgeber gefordert, die
Rahmenbedingungen zu verbessern: Satzungsänderungen zu Lebzeiten des Stifters, eine Zusammenlegung von Stiftungen sowie die Umwandlung in eine Verbrauchsstiftung müssen ermöglicht, über Mindestkapitalgrenzen
müsse nachgedacht werden.
Stiftungen sollten zudem nicht nur ihr förderndes oder operatives
Handeln, sondern auch die Vermögensanlage selbst als Teil des
Stiftungshandelns begreifen: Beim so genannten "Mission Investing"
wird das Stiftungskapital so angelegt, dass durch die Vermögensanlage
unmittelbar der Stiftungszweck verwirklicht wird, zum Beispiel durch
Anlage in grüne Energien oder Unternehmen mit hohen Sozialstandards.
Für die Studie "Rolle und Positionierung deutscher Stiftungen" wurden
1.000 Stiftungen aus einer für die Untersuchung neu
zusammengestellten Grunddatei von fast 19.000 privaten Stiftungen
ausgewählt und durch TNS Infratest Politikforschung zu ihrer selbst
wahrgenommenen Rolle und Arbeitsweise, ihrem Verhältnis zu Staat,
Wirtschaft und Öffentlichkeit sowie ihren Stärken und Schwächen
befragt. Die Stichprobe wurde so gewichtet, dass die Ergebnisse nach
Bundesländern, Gründungszeitraum und Hauptzwecken repräsentativ sind.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Bereichen Bildung und
Erziehung, Wissenschaft und Forschung, Soziales sowie Kunst und
Kultur. Das Projekt wurde ermöglicht durch die Unterstützung der
Fritz Thyssen Stiftung, der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der
Stiftung Mercator, der Robert Bosch Stiftung, der VolkswagenStiftung
und des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft.
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Ein zusammenfassender Ergebnisbericht steht unter
bit.ly/Zusammenfassung-Stiftungen zum Download bereit.
Die Studie wird heute (19.04.2016) um 16 Uhr an der Hertie School
vorgestellt und von Experten diskutiert. Mehr zu der Veranstaltung,
die Teil der 7. Berliner Stiftungswoche ist, finden Sie hier:
bit.ly/Stiftungsstudie16. Anmeldung unter events@hertie-school.org.
Die Hertie School of Governance ist eine staatlich anerkannte,
private Hochschule mit Sitz in Berlin. Ihr Ziel ist es, herausragend
qualifizierte junge Menschen auf Führungsaufgaben im öffentlichen
Bereich, in der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft
vorzubereiten. Mit interdisziplinärer Forschung will die Hertie
School zudem die Diskussion über moderne Staatlichkeit voranbringen
und den Austausch zwischen den Sektoren anregen. Die Hochschule wurde
Ende 2003 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung gegründet und wird
seither maßgeblich von ihr getragen.
Regine Kreitz, Head of Communications, Tel.: 030 / 259 219 113,
Fax: 030 / 259 219 444, E-Mail: pressoffice@hertie-school.org
Weitere Informationen:
https://www.hertie-school.org/stiftungen_de/ - Zusammenfassung der Studie
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