Frühe Homininen aus Marokko gehören zu einer afrikanischen Abstammungslinie nahe dem Ursprung von Homo sapiens
Mithilfe einer hochauflösenden magnetostratigraphischen Analyse, die die Brunhes-Matuyama-Grenze, die letzte große Umkehrung der geomagnetischen Polarität, sowie präzise zeitliche Marker des Quartärs detailliert erfasst, lassen sich die Fossilien sehr genau auf ein Alter von 773.000 ± 4.000 Jahre datieren. In der Studie von einem internationalen Team um Jean-Jacques Hublin werden afrikanische Populationen nahe der Basis der Abstammungslinie beleuchtet, aus der schließlich der Homo sapiens hervorging. Zudem liefert die Studie neue Erkenntnisse über die gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens, Neandertalern und Denisova-Menschen.
Auf den Punkt gebracht
- Präzise datierte Fossilien: Mithilfe hochauflösender magnetostratigraphischer Analysen im Steinbruch „Thomas Quarry I” konnten die Forschenden die Matuyama-Brunhes-Polumkehrung vor rund 773.000 Jahren erfassen. Somit liegen nun für eine afrikanisch-pleistozäne Homininenfundstätte äußerst genaue Datierungen vor.
- Nahe dem Ursprung unserer Abstammungslinie: Unterkiefer und andere Überreste zeigen ein Mosaik aus archaischen und abgeleiteten Merkmalen, die mit denen einer afrikanischen Schwesterpopulation des Homo antecessor übereinstimmen – nahe der Aufspaltung der eurasischen und afrikanischen Homininenlinien im mittleren Pleistozän.
- Nordwestafrikas Schlüsselrolle: Jahrzehntelange Forschungen eines marokkanisch-französischen Teams führten zur Entdeckung außergewöhnlich gut erhaltener Höhlenablagerungen in den Küstenformationen von Casablanca; die Höhlen waren zeitweise von Raubtieren genutzt worden. Die Fossilien-Funde unterstreichen die zentrale Bedeutung der Region für die Evolution der Gattung Homo.
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Jean-Jacques Hublin (Collège de France und Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie), David Lefèvre (Université de Montpellier Paul Valéry), Giovanni Muttoni (Università degli Studi di Milano) und Abderrahim Mohib (marokkanisches Institut National des Sciences de l’Archéologie et du Patrimoine, INSAP) berichtet über die Analyse neuer Homininenfossilien aus der Fundstätte Thomas Quarry I (Casablanca, Marokko).
Mithilfe einer hochauflösenden magnetostratigraphischen Analyse, die die Brunhes-Matuyama-Grenze, die letzte große Umkehrung der geomagnetischen Polarität, sowie präzise zeitliche Marker des Quartärs detailliert erfasst, lassen sich diese Fossilien sehr genau auf ein Alter von 773.000 ± 4.000 Jahre datieren. In der in Nature veröffentlichten Studie werden afrikanische Populationen nahe der Basis der Abstammungslinie beleuchtet, aus der schließlich der Homo sapiens hervorging. Zudem liefert die Studie neue Erkenntnisse über die gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens, Neandertalern und Denisova-Menschen.
Jahrzehnte marokkanisch-französischer Feldforschung ergeben bedeutende neue Entdeckungen
Die hier vorgestellten Ergebnisse stammen aus über drei Jahrzehnten kontinuierlicher archäologischer und geologischer Forschung im Rahmen des marokkanisch-französischen Programms Préhistoire de Casablanca. Im Rahmen dieses Programms wurden umfangreiche Ausgrabungen durchgeführt, systematische stratigraphische Untersuchungen vorgenommen und groß angelegte geoarchäologische Analysen im Südwesten der Stadt Casablanca durchgeführt.
Die sorgfältigen Ausgrabungen brachten nach und nach die außergewöhnlichen stratigraphischen, paläoökologischen und archäologischen Gegebenheiten des Steinbruchs Thomas Quarry I zutage und führten schließlich zur Entdeckung der Homininenüberreste und geologischen Abfolgen, die der aktuellen Studie zugrunde liegen.
Wie Abderrahim Mohib erklärt: „Der Erfolg dieser Langzeitforschung spiegelt eine enge institutionelle Zusammenarbeit wider, an der das marokkanische Ministerium für Jugend, Kultur und Kommunikation (über das INSAP) und das französische Außenministerium (über die französische archäologische Mission Casablanca) beteiligt sind.“ Unterstützt wurde die aktuelle Studie außerdem von der Università degli Studi di Milano (Italien), dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, dem LabEx Archimède der Université de Montpellier Paul Valéry, der Université de Bordeaux und dem Musée National d’Histoire Naturelle (Frankreich).
Eine einzigartige geologische Kulisse: Die marokkanische Atlantikküste als Schatzkammer des Pleistozäns
Jean-Paul Raynal, Co-Direktor des Programms bei den Ausgrabungen, die zur Entdeckung der Fossilien führten, erläutert: „Thomas Quarry I liegt innerhalb der erhöhten Küstenformationen des Küstenstreifens von Rabat–Casablanca. Diese Region ist international für ihre außergewöhnliche Abfolge von paläo-Küstenlinien, Küstendünen und Höhlensystemen aus dem Pliozän und Pleistozän bekannt. Diese geologischen Formationen sind durch wiederholte Schwankungen des Meeresspiegels, äolische Phasen und eine schnelle frühe Zementierung der Küstensande entstanden und bieten ideale Bedingungen für die Erhaltung von Fossilien und archäologischen Funden.“ Infolgedessen hat sich die Region Casablanca zu einem der reichsten Fundorte Afrikas für paläontologische und archäologische Funde aus dem Pleistozän entwickelt. Sie dokumentieren das frühe Acheuléen und seine Entwicklungen, vielfältige Faunen als Ausdruck von Umweltveränderungen sowie mehrere Phasen der Besiedlung durch Homininen.
Der Thomas Quarry I, der in die Oulad-Hamida-Formation gehauen wurde, ist besonders bekannt für die ältesten Acheuléen-Industrien Nordwestafrikas. Diese werden auf etwa 1,3 Millionen Jahre datiert und befinden sich in der Nähe anderer berühmter Fundstätten wie Sidi Abderrahmane, das als klassische Referenz für die Frühgeschichte des mittleren Pleistozäns in Nordwestafrika gilt. David Lefèvre erklärt: „Innerhalb dieses größeren Komplexes bildet die ‚Grotte à Hominidés‘ ein einzigartiges Höhlensystem. Es wurde durch einen Hochstand des Meeresspiegels in frühere Küstenformationen geschlagen und später mit Sedimenten gefüllt, die die Fossilien der Homininen in einem sicheren, ungestörten und unwiderlegbaren stratigraphischen Kontext konservierten.“
Eine einzigartig gut datierte Homininenfundstätte in Afrika
Die Datierung von Fossilien aus dem frühen und mittleren Pleistozän ist aufgrund diskontinuierlicher Stratigraphien oder von erheblicher Unsicherheit geprägter Methoden bekanntermaßen schwierig. Die Grotte à Hominidés ist insofern außergewöhnlich, als schnelle Sedimentation und kontinuierliche Ablagerung ein hochauflösendes magnetisches Signal ermöglichten, das mit bemerkenswerter Detailgenauigkeit in den Sedimenten aufgezeichnet wurde.
Im Laufe der geologischen Zeit kehrt das Magnetfeld der Erde episodisch seine Polarität um. Diese paläomagnetischen Umkehrungen treten weltweit auf und vollziehen sich auf geologischem Zeitmaßstab nahezu augenblicklich. Sie hinterlassen in Sedimenten ein deutliches, global synchrones Signal. Der Matuyama-Brunhes-Übergang (MBT), der vor rund 773.000 Jahren stattfand, ist die jüngste dieser großen Umkehrungen und stellt einen der präzisesten Marker dar, die Geologen und Archäologen nutzen können. Serena Perini erklärt: „Die hochauflösende Dokumentation des Matuyama-Brunhes-Übergangs in den Höhlenablagerungen ermöglicht eine für das afrikanische Pleistozän außergewöhnlich präzise Datierung dieser Homininen.“
Die Grotte-à-Hominidés-Sequenz umfasst das Ende der Matuyama-Chron (umgekehrte Polarität), die MBT selbst sowie den Beginn der Brunhes-Chron (normale Polarität). Mithilfe von 180 magnetostratigraphischen Proben – eine beispiellose Auflösung für eine pleistozäne Homininenfundstätte – ermittelte das Team die genaue Position des Wechsels von umgekehrter zu normaler Polarität. Dieser wird derzeit auf 773.000 Jahre datiert. Sogar die kurze Dauer des Übergangs (8.000 bis 11.000 Jahre) konnte erfasst werden. Die Homininenfossilien wurden in Sedimenten gefunden, die genau während dieses Übergangs abgelagert wurden. Unabhängig davon bestätigen begleitende Tierfunde dieses Alter und stützen damit die chronologische Einordnung zusätzlich zur Magnetostratigraphie.
Homininen nahe der Wurzel der Abstammungslinie des Homo sapiens
Die Überreste der Homininen stammen aus einer Höhle, die offenbar von Raubtieren bewohnt war. Ein Homininen-Oberschenkelknochen mit deutlichen Kau- und Fraß-Spuren legt dies nahe. Zu den Funden zählen ein nahezu vollständiger Unterkiefer eines Erwachsenen, ein weiterer halber Unterkiefer eines Erwachsenen, ein Unterkiefer eines Kindes, mehrere Wirbel und einzelne Zähne.
Hochauflösende Mikro-CT-Bildgebung, geometrische Morphometrie und vergleichende anatomische Analysen zeigen ein Mosaik aus archaischen und abgeleiteten Merkmalen. Mehrere Merkmale erinnern an Homininen aus Gran Dolina, Atapuerca, die vergleichbar alt sind – den sogenannten Homo antecessor. Dies deutet darauf hin, dass es in der Vergangenheit Kontakte zwischen Populationen im Nordwesten Afrikas und in Südeuropa gegeben haben könnte. Zum Zeitpunkt des Matuyama-Brunhes-Übergangs waren diese Populationen jedoch bereits klar voneinander getrennt, was bedeutet, dass solche Kontakte früher stattgefunden haben müssen.
Matthew Skinner, Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, merkt an: „Mithilfe der Mikro-CT-Bildgebung konnten wir die Dentinkrone untersuchen – eine unter dem Zahnschmelz verborgene innere Struktur der Zähne. Sie ist bekanntermaßen taxonomisch aufschlussreich und bleibt auch in Zähnen erhalten, deren Schmelzoberfläche stark abgenutzt ist. Die Analyse dieser Struktur zeigt durchweg, dass sich die Homininen aus der Grotte à Hominidés sowohl vom Homo erectus als auch vom Homo antecessor unterscheiden und dass sie repräsentativ für Populationen sind, die als Vorläufer des Homo sapiens und archaischer eurasischer Linien angesehen werden können.“
Shara Bailey fügt ergänzend hinzu: „In ihrer Form und ihren nicht-metrischen Merkmalen weisen die Zähne aus der Grotte à Hominidés viele primitive Merkmale auf. Die für Neandertaler charakteristischen Merkmale fehlen hingegen. In diesem Sinne unterscheiden sie sich vom Homo antecessor, der in einigen Merkmalen bereits Ähnlichkeit mit den Neandertalern aufweist. Die zahnmorphologischen Analysen deuten darauf hin, dass regionale Unterschiede in den menschlichen Populationen möglicherweise bereits am Ende des frühen Pleistozäns vorhanden waren.“
Neue Erkenntnisse über den letzten gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Neandertalern
Diese Entdeckung unterstreicht, dass Nordwestafrika in der menschlichen Evolutionsgeschichte eine wichtige Rolle spielte, als klimatische Schwankungen regelmäßig ökologische Korridore durch das heutige Sahara-Gebiet öffneten. Denis Geraads merkt dazu an: „Die Vorstellung, dass die Sahara eine permanente biogeografische Barriere darstellte, trifft für diesen Zeitraum nicht zu. Paläontologische Funde belegen wiederholte Verbindungen zwischen Nordwestafrika und den Savannen im Osten und Süden.“
Die Homininen aus der Grotte à Hominidés lebten fast zeitgleich mit den Homininen aus Gran Dolina. Sie sind älter als die Fossilien aus dem mittleren Pleistozän, die als die Vorfahren der Neandertaler und Denisova-Menschen gelten, und fast 500.000 Jahre älter als die frühesten Überreste des Homo sapiens aus Jebel Irhoud (datiert auf etwa 300.000 Jahre). Durch ihre Kombination aus archaischen afrikanischen Merkmalen und solchen, die sich den späteren eurasischen und afrikanischen Morphologien des mittleren Pleistozäns annähern, liefern die Homininen aus der Grotte à Hominidés wichtige Hinweise auf den letzten gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens, Neandertalern und Denisova-Menschen. Dieser soll nach genetischen Erkenntnissen vor 765.000 bis 550.000 Jahren gelebt haben. Die paläontologischen Funde aus der Grotte à Hominidés stimmen am ehesten mit dem früheren Teil dieses Zeitraums überein.
Jean-Jacques Hublin unterstreicht: „Die Fossilien aus der Grotte à Hominidés sind die derzeit wohl besten Belege für afrikanische Populationen, die nahe an der Wurzel dieser gemeinsamen Abstammung liegen, und stützen damit die Sicht eines tiefen afrikanischen Ursprungs unserer Spezies.“
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Jean-Jacques Hublin
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig &
Collège de France, Paris
hublin@eva.mpge.de
Dr. Philipp Gunz
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
gunz@eva.mpg.de
Dr. Matthew Skinner
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
matthew_skinner@eva.mpg.de
Originalpublikation:
Jean-Jacques Hublin et al.
Early Hominins from Morocco basal to the Homo sapiens lineage
Nature, 7 January 2026, https://doi.org/10.1038/s41586-025-09914-y
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