Gegen Verschwörungstheorien gibt es kein weltweit einheitliches Rezept
Universität Tübingen beteiligt an europäischem Forschungsprojekt zum Einfluss der Digitalisierung auf Verschwörungstheorien – Sechs Millionen Posts in den sozialen Medien untersucht
In den sozialen Medien verbreitete Verschwörungstheorien im deutschsprachigen Raum entstehen häufig lokal und bilden zusammen mit alternativen Nachrichtenwebseiten, Teilen des politischen Diskurses und Printpublikationen ein komplexes Ökosystem. Das ist eines der zentralen Ergebnisse des im Oktober 2025 abgeschlossenen Projekts REDACT („Researching Europe, Digitalisation and Conspiracy Theories“ – Erforschung von Digitalisierung und Verschwörungstheorien in Europa), in dem Form, Inhalte und Folgen von Verschwörungstheorien im digitalen Raum in einer Auswahl europäi-scher Länder untersucht wurden. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz lag die Studienlei-tung bei Professor Michael Butter vom Englischen Seminar der Universität Tübingen. Die Gesamt-koordination des dreijährigen Projekts mit Regionalteams in Großbritannien, aus dem Baltikum, Balkan und Zentraleuropa hatte das King’s College London.
Nicht alle Verschwörungstheorien beurteilt das Tübinger Forschungsteam als gleichermaßen gefährlich. „Der deutschsprachige Diskurs über Verschwörungstheorien ist jedoch häufig alarmistisch und einseitig, was sich bisweilen negativ auf die zahlreichen Projekte zur Bekämpfung von Verschwörungstheorien auswirkt, die wir ebenfalls untersucht haben“, sagt Michael Butter.
Abgrenzung von Desinformation und Fake News
Als Verschwörungstheorie bezeichnet man den Erklärungsversuch eines Tatsachenbestands oder Geschehens durch eine Verschwörung, das heißt die Aktionen einer Person oder Gruppe, die ganz eigene, dem Interesse der Allgemeinheit entgegenstehende Ziele oder Ansichten verfolgt. Im deutschsprachigen Raum haben Verschwörungstheorien eine lange Geschichte. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts hin wurden sie allerdings an den Rand der Gesellschaft gedrängt, von wo aus sie erst durch das Internet wieder mehr Sichtbarkeit erlangten. Eine der heutzutage weitverbreitetsten Theorien, die des „Großen Austauschs“, der zufolge die bestehende Bevölkerung durch massenhafte Zuwanderung aus anderen Ländern ersetzt werden soll, hat REDACT genauer untersucht. „Verschwörungstheorien sollten nicht mit Desinformation und Fake News in einen Topf geworfen werden“, sagt Michael Butter. „Es handelt sich nicht um einfache Fehlinformationen, die durch Fakten korrigiert werden könnten. Verschwörungstheorien haben für ihre Anhänger identitätsstiftende Wirkung und geben ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl.“ Daher werde oft hartnäckig an ihnen festgehalten.
Im Projekt REDACT identifizierten die Forscherinnen und Forscher zunächst Schlagwörter, um Posts zu gängigen Verschwörungstheorien zu identifizieren. Aus den sozialen Medien Twitter/X, Facebook, Instagram und Telegram sammelten sie so aus dem Zeitraum von 2019 bis 2024 sechs Millionen relevante Posts. „Diese haben wir zunächst mit quantitativen Methoden analysiert, dann mit qualitativen, unter anderem auch mit Verfahren aus der Literaturwissenschaft, in denen die Textbedeutung in all ihren Nuancen erfasst wird“, berichtet Mara Precoma, die als Doktorandin im Projekt tätig war.
Bewertung der Gegenmaßnahmen
Jedes Regionalteam führte außerdem in den jeweiligen Ländern Interviews mit Mitgliedern verschiedener Organisationen durch, die sich gegen Verschwörungstheorien und Desinformation engagieren. Dazu gehören staatliche Institutionen, wie die Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland, bis hin zu Initiativen und Vereinen, die zum Beispiel Angehörige und Freunde von Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, beraten und begleiten. Ziel war es, deren Arbeit in der Breite ihrer Bemühungen und Maßnahmen zu analysieren.
Obwohl einige Verschwörungstheorien, wie die vom „Großen Austausch“, länderübergreifend gras-sieren, gebe es kein einheitliches Modell, um sie zu beschreiben, oder ein universal funktionierendes Rezept zur Eindämmung gesellschaftsschädlicher Folgen, sagt Butter. „Für den deutschsprachigen Raum ergab unsere Analyse, dass die Rahmenbedingungen und Bemühungen der sich gegen Verschwörungstheorien einsetzenden Einrichtungen teilweise optimiert werden sollten. Manche Projekte beruhen auf veralteten Annahmen, vor allem aber werden sie zu kurz und unflexibel gefördert und müssen zu viel Zeit für Berichte und Bürokratie aufwenden.“
Gemeinsam haben Butter und Precoma Handlungsempfehlungen formuliert, in denen sie auf die Notwendigkeit maßgeschneiderter Lösungen gegen Verschwörungstheorien hinweisen: Modelle oder Lösungen aus anderen Ländern sollten nicht unhinterfragt übernommen werden. „Wichtig ist auch, dass die Aneignung einer Verschwörungstheorie als Symptom einer schwierigen gesellschaftlichen Gemengelage betrachtet werden sollte, nicht als Ursache. Will man die Verschwörungstheorie bekämpfen, muss man die eigentlich zugrundeliegenden Ursachen identifizieren und dort ansetzen“, sagt Precoma und ergänzt: „In Deutschland richten sich viele Projekte gegen Verschwörungstheo-rien an Schülerinnen und Schülern an Gymnasien. Es sollten nun auch entsprechende Konzepte für andere Schulformen sowie für ältere Menschen entwickelt werden, da diese besonders anfällig für Verschwörungstheorien sind.“
„Die Universität Tübingen sieht es als ihre Aufgabe, gesellschaftlich relevante Themen wissenschaftlich zu beleuchten. Forschung wie die im Projekt REDACT leistet einen wichtigen Beitrag dazu, die Mechanismen hinter gesellschaftlichen Phänomenen zu verstehen und wirksame Strategien für eine offene, faktenbasierte Kommunikation zu entwickeln“, sagt die Rektorin der Universität Tübingen, Professorin Dr. Dr. h.c. (Dōshisha) Karla Pollmann.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Michael Butter
Universität Tübingen
Englisches Seminar
Telefon +49 7071 29-77341
michael.butter[at]uni-tuebingen.de
Mara Precoma
Universität Tübingen
Englisches Seminar
Telefon +49 7071 29-76707
mara.precoma[at]uni-tuebingen.de
Originalpublikation:
[Englisch] Report on Conspiracy Theories in the Online Environment and the Counter-Disinformation Ecosystem in Austria, Germany and Switzerland
[Deutsch] Verschwörungstheorien online und Projekte gegen Verschwörungstheorien in Deutschland, Österreich und der Schweiz
https://redactproject.sites.er.kcl.ac.uk/project-reports/
Weitere Informationen:
https://www.kcl.ac.uk/research/redact-researching-europe-digitalisation-and-conspiracy-theories - Website des Projekts REDACT – Researching Europe, Digitalisation and Conspiracy Theories
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