Keuchhustenimpfung in der Schwangerschaft stärkt die Abwehr bei Neugeborenen
Impfung ab der 22. Schwangerschaftswoche kann weltweit Leben retten
2024 wurden in Deutschland die meisten Keuchhustenfälle seit Einführung der Meldepflicht 2013 verzeichnet. Mit fast 122 Fällen pro 100.000 Einwohner waren Säuglinge unter einem Jahr am stärksten betroffen. Für 2025 erwarten Expert:innen ähnlich hohe Fallzahlen. Schutz vor der hochansteckenden Erkrankung in den ersten Lebensmonaten bietet eine Impfung werdender Mütter gegen den Keuchhusten-Erreger, das Bakterium Bordetella pertussis. Eine internationale Studie unter Leitung von Charité und Universität Radboud zeigt die Effektivität der indiekten Immunisierung. Siei ist jetzt in The Lancet Mircobe* erschienen.
Keuchhusten kann für Neugeborene tödlich sein. In Deutschland erhalten sie frühestens ab dem zweiten Lebensmonat die erste von drei notwendigen Impfdosen. Ab der zweiten Impfung, die Säuglinge mit ungefähr vier Monaten verabreicht bekommen, verfügen sie über einen ersten eigenen Schutz. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, wird Schwangeren in Deutschland und den meisten europäischen Ländern empfohlen, sich gegen Keuchhusten impfen zu lassen. Die werdenden Mütter geben ihre schützenden Antikörper über die Plazenta an das ungeborene Kind weiter. Diese indirekte Immunisierung ist eine sichere und effektive Methode, die von Geburt an wirksam ist.
Ein Forschungsteam um Prof. Beate Kampmann, Direktorin des Instituts für Internationale Gesundheit an der Charité und Wissenschaftliche Leiterin des Charité Centers Global Health, konnte nun erstmals nachweisen, dass die von der Mutter übertragenen Antikörper nicht nur im Blut, sondern auch in der Nasenschleimhaut der Neugeborenen vorhanden sind – also genau dort, wo die Erreger in den Körper eindringen. „Wir wussten, dass mütterliche Antikörper über die Plazenta weitergegeben werden. Überraschend war allerdings, dass wir sie auch auf der Nasenschleimhaut der Neugeborenen – auf für die Kinder schonende Weise – nachweisen konnten. Das unterstreicht die Wirksamkeit der indirekten Impfung“, sagt Beate Kampmann, die gemeinsam mit einem Team der MRC Unit The Gambia und ihrem niederländischen Kollegen Prof. Dimitri Diavatopoulos das Design der aktuellen Untersuchung entwickelt hat.
Unterschiedliche Immunantwort je nach Impfstofftyp
Im Rahmen der internationalen Studie wurden 343 schwangere Frauen im westafrikanischen Gambia entweder mit einem Keuchhusten- oder einem Tetanus-Impfstoff geimpft. Mütterliche Antikörper gegen Keuchhusten waren sowohl im Blut als auch auf der Nasenschleimhaut der Säuglinge nachweisbar, wenn ihre Mütter die entsprechende Impfung erhalten hatten. Die Forschenden der Medical Research Council Unit The Gambia der London School of Hygiene and Tropical Medicine untersuchten weiterhin Blut und Nasensekrete von rund 160 Neugeborenen vor und nach deren routinemäßiger Keuchhustenimpfung mit unterschiedlichen Impfstoffarten.
Wie die Studie zeigte, entwickelten Babys, die im Alter von 8, 12 und 16 Wochen einen Ganzzell-Keuchhustenimpfstoff erhalten hatten, im Durchschnitt eine stärkere Immunantwort als diejenigen, denen ein azellulärer Impfstoff verabreicht wurde. „Ein Ganzzellimpfstoff enthält das vollständige, aber inaktivierte Keuchhustenbakterium, während ein azellulärer Impfstoff nur wenige gereinigte Bestandteile des Bakteriums beinhaltet“, erklärt Beate Kampmann. „Azelluläre Impfstoffe verursachen in der Regel weniger Nebenwirkungen, bieten aber meist einen kürzer anhaltenden Schutz. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass auch der Keuchhusten-Ganzzellimpfstoff länger schützt.“
Was die aktuellen Ergebnisse für den klinischen Schutz und die Impfstrategie in unterschiedlichen Situationen bedeuten, muss weiter untersucht werden, unterstreicht das Forschungsteam. In Europa wird seit 2005 der azelluläre Impfstoff verwendet, während die meisten Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen weiterhin den Ganzzellimpfstoff einsetzen. „Länder, die Ganzzellimpfstoffe bei den Kindern verwenden, sollten unseren Ergebnissen zufolge dabei bleiben“, folgert die Expertin für internationale Gesundheit, Beate Kampmann. „Entscheidend aber bleibt die Impfung von Schwangeren mit dem azellularem Impfstoff, unabhängig davon welcher Impfstofftyp danach den Kindern gegeben wird. Beide Arten können Keuchhusten bei Neugeborenen in mehr als 90 Prozent aller Fälle verhindern."
Bedeutung für die öffentliche Gesundheit
In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) seit 2020 die Keuchhustenimpfung für Schwangere zu Beginn des letzten Drittels der Schwangerschaft. Dennoch liegt die Impfquote mit etwa 50 Prozent deutlich unter dem empfohlenen Zielwert. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Impfung in der Schwangerschaft Säuglinge in ihrer anfälligsten Lebensphase doppelt schützt. Angesichts steigender Fallzahlen ein starkes Argument, das Impfangebot zu nutzen“, betont Beate Kampmann.
In vielen Teilen der Welt bleibt Keuchhusten auch heute noch eine tödliche Krankheit. Jedes Jahr sterben zwischen 200.000 und 300.000 Menschen daran, vor allem Kleinkinder in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, in denen gute Impfstoffe nicht immer verfügbar sind. Das Forschungsteam plant daher weitere Studien, die dazu beitragen sollen, vorhandene Keuchhustenimpfstoffe zu verbessern und die Wirksamkeit neuer Vakzine zu prüfen.
*Anja S et al. Mucosal immune responses to Bordetella pertussis in Gambian infants after maternal and primary vaccination: an immunological substudy of a single-centre, randomised, controlled, double-blind, phase 4 trial. The Lancet Microbe 2026 Jan 7. doi:10.1016/j.lanmic.2025.101219
Über die Studie
Die immunologische Studie ist Teil der Gambian Pertussis Study (GaPs), einer am Medizinischen Forschungszentrum The Gambia durchgeführten, randomisierten, kontrollierten Doppelblindstudie der Phase-IV. Beteiligt waren neben der MRC Unit The Gambia der London School of Hygiene and Tropical Medicine Forschende der niederländischen Radboud University und der Charité – Universitätsmedizin Berlin.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Beate Kampmann
Direktorin des Instituts für Internationale Gesundheit
Wissenschaftliche Leiterin des Charité Center Global Health
Charité – Universitätsmedizin Berlin
t: +49 30 450 565 712
Originalpublikation:
*Anja S et al. Mucosal immune responses to Bordetella pertussis in Gambian infants after maternal and primary vaccination: an immunological substudy of a single-centre, randomised, controlled, double-blind, phase 4 trial. The Lancet Microbe 2026 Jan 7. doi:10.1016/j.lanmic.2025.101219
Weitere Informationen:
https://www.thelancet.com/journals/lanmic/article/PIIS2666-5247(25)00147-8/fulltext
https://internationale-gesundheit.charite.de/
https://globalhealth.charite.de/
https://www.lshtm.ac.uk/research/units/mrc-gambia
https://www.lshtm.ac.uk/
https://www.imprint-network.co.uk/
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