Reanimation: Eine Frage des Geschlechts
Bei einem simulierten Herz-Kreislaufstillstand führten Ersthelfer:innen Wiederbelebungsmaßnahmen an einer weiblichen Puppe schlechter durch als an einer männlichen. Das zeigt eine aktuell an der Medizinischen Universität Innsbruck durchgeführte Studie. Diese bestätigt die Ergebnisse internationaler Studien, die zudem zeigen, dass Frauen in der Öffentlichkeit seltener reanimiert werden und u.a. deshalb geringere Überlebenschancen haben. Die Med Uni Innsbruck, das Rote Kreuz Tirol, das Land Tirol und die Stadt Innsbruck setzen jetzt auf weibliche Übungspuppen in der Ausbildung.
Innsbruck, 05. März 2026: Das „Geschlecht“ der Übungspuppe beeinflusst die Qualität einer simulierten Reanimation deutlich. Bei einer Herzdruckmassage erzielten Ersthelfer:innen bei der männlichen Puppe im Durchschnitt 80,4 Punkte, bei der weiblichen nur 70,5 von 100 möglichen Punkten. Das sind Ergebnisse der Studie „Basic Life Support – Durchführung von kardiopulmonalen Wiederbelebungsmaßnahmen unter Berücksichtigung von Diversitätsaspekten“, die mit 164 Teilnehmenden unter der Leitung des Instituts für Diversität in der Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck durchgeführt wurde. Drei Diplomanden haben die Studie unterstützt und begleitet: Jakob Stähr, David Ortner und Fabio Rützler. „Die Studienteilnehmenden sollten alleine eine Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen“, erklärt Medizinstudent Stähr. „Dabei fanden sie einmal die herkömmliche männliche Simulationspuppe vor und einmal eine Puppe, die wir mit Perücke, BH und Silikonbrüsten präpariert haben.“
„Bei der Wiederbelebung gibt es zwischen Mann und Frau medizinisch keinen Unterschied – gedrückt wird in der Mitte des nackten Brustkorbs, fest und schnell“, erläutert Benjamin Treichl, Oberarzt an der Univ.-Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin der Med Uni Innsbruck. „Auch bei Frauen soll niemand aus Unsicherheit oder falscher Rücksichtnahme zögern. Es gilt: Bewusstsein und Atmung kontrollieren, wenn diese fehlen den Notruf veranlassen oder selbst absetzen und dann ohne Zögern wiederbeleben – 30 Mal Herzmassage, 2 Mal Atemspende im Wechsel.“ Unsicherheit wurde bei der Innsbrucker Studie allerdings häufig beobachtet, wie Student Fabio Rützler berichtet: „Bei der weiblichen Reanimationspuppe starteten viele Teilnehmende die Reanimation ohne die vorschriftsmäßige vollständige Entkleidung, vor allem, wie sie mit dem BH umgehen sollen, war vielen unklar, es kam öfter zu Nachfragen. Den BH sollte man vollständig entfernen oder aufschneiden.“
„Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit internationalen Studien“, sagt Sabine Ludwig, Direktorin des Instituts für Diversität in der Medizin. Sie hat die Studie initiiert und leitet sie. Ludwig verweist auf eine Studie aus den USA, wonach Frauen eine 14 Prozent geringere Chance hatten, in der Öffentlichkeit reanimiert zu werden – und in der Folge auch verminderte Überlebenschancen. „Als ein Grund wird vermutet, dass die helfenden Personen wegen der Berührung der weiblichen Brust den Vorwurf des sexuellen Übergriffs fürchten“, erläutert Ludwig. „Auch in unserer Studie empfanden männliche und auch weibliche Teilnehmende das Freilegen der Brust bei der weiblichen Puppe als unangenehmer.“
Reanimationsqualität sinkt trotz Vorerfahrung
Verglichen wurden auch die Ergebnisse von Studienteilnehmenden ohne Vorerfahrung in der Reanimation mit jenen, die etwa als Rettungssanitäter:in bzw. im Zivildienst ausgebildet wurden. „Die Vorerfahrenen erzielten im Durchschnitt deutlich bessere Ergebnisse bei der Wiederbelebung als die Unerfahrenen, sowohl bei der weiblichen als auch bei der männlichen Puppe“, erläutert Medizinstudent David Ortner, der selbst als Notfallsanitäter im Einsatz ist. „Aber auch jene mit Vorerfahrung zeigten einen deutlichen Leistungsabfall von der männlichen auf die weibliche Puppe.“ Bei der männlichen Puppe erreichten vorerfahrene Studienteilnehmer:innen im Durchschnitt 87,2 von 100 Punkten für die Herzdruckmassage, bei der weiblichen Puppe waren es nur 74,6 Punkte.
Herz-Kreislaufstillstand: keine geschlechtsneutrale Erkrankung
Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen weltweit für Frauen und Männer die häufigste Todesursache dar, eine besonders folgenreiche Form ist der plötzliche Herzstillstand. „Ein Herz-Kreislaufstillstand trifft Männer und Frauen, ist aber keine geschlechtsneutrale Erkrankung“, betont Barbara Sinner, Direktorin der Univ.-Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin der Med Uni Innsbruck. „So unterschieden sich die Ursachen für einen Herz-Kreislaufstillstand und diese sind bei Frauen per se ungünstiger als bei Männern, sie liegen etwa an Herzinsuffizienz, und der initiale Rhythmus ist meist nicht-schockbar, was die Prognose deutlich verschlechtert. Genau aufgrund dieser schlechteren Startchancen müssen Frauen unbedingt und konsequent wiederbelebt werden“, so die Intensivmedizinerin. Ihr Fazit lautet: „Unterschiede in Ursachen, Symptomen, Versorgung und Therapieentscheidungen tragen wesentlich zu den schlechteren Outcomes von Frauen bei – und erfordern gezielte Aufmerksamkeit in Prävention und Versorgung.“
„Geschlechterunterschiede wurden in Erste-Hilfe-Kursen und in der Ausbildung von Fachpersonal bisher zu wenig berücksichtigt“, ortet auch Studienleiterin Ludwig Nachholbedarf. „Wir sehen, dass es nicht reicht, nur mit männlichen Puppen zu trainieren. Mit der korrekten Handposition hatten die Teilnehmenden bei der weiblichen Puppe zum Beispiel größere Probleme, auch die Kompressionsqualität und die Drucktiefe waren mangelhaft im Vergleich zur männlichen,“ so die Expertin für Diversität in der Medizin. An der Med Uni Innsbruck werden deshalb zukünftig auch weibliche Puppen zum Einsatz kommen.
Bewusstsein schaffen, Leben retten
„Wir wollen Frauenleben retten“, unterstrichen Vertreter:innen der Medizinischen Universität Innsbruck, des Roten Kreuzes Tirol, des Landes Tirol und der Stadt Innsbruck bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz im Vorfeld des Internationalen Frauentags am 8. März.
„Die Ergebnisse der Studie der Medizinische Universität Innsbruck bestätigen, dass es bei der Wiederbelebung von Frauen Unsicherheiten gibt – selbst bei ausgebildetem Personal“, erklärt Andreas Karl, Geschäftsführer Rotes Kreuz und Rotes Kreuz Gemeinnützige Rettungsdienst Tirol GmbH. „Obwohl wir im Roten Kreuz bereits erste Maßnahmen gesetzt haben, erkennen wir, dass diese nicht ausreichend sind. Deshalb schärfen wir nach, beispielsweise indem die weibliche Wiederbelebung explizit in die bundesweite Lehrmeinung aufgenommen wird. Zudem investieren wir in deutlich diverseres Übungsmaterial und
-szenarien, sensibilisieren unsere Lehrbeauftragten und verstärken die Aufklärung über geschlechterspezifische Herzinfarktsymptome. Unser klares Ziel ist, dass Frauen im Notfall genauso rasch, selbstverständlich und in derselben Qualität wiederbelebt werden wie Männer.“
„Die Studien sind ein Weckruf: Die Medizin orientiert sich noch immer zu stark am Mann – mit spürbaren Folgen für Frauen“, erklärt Gesundheitslandesrätin Cornelia Hagele. „Mein Dank gilt der Medizinischen Universität Innsbruck und allen Partner:innen, die konsequent handeln und Bewusstsein für weibliche Reanimationspuppen schaffen. Denn wir haben ein Ziel: gleiche Überlebenschancen für Frauen. Auch das Land Tirol setzt mit seiner Frauengesundheitsstrategie Schritte für mehr Geschlechtergerechtigkeit in den Bereichen Prävention, Ausbildung und Versorgung.“
„Diese Forschungsergebnisse zeigen klaren Handlungsbedarf in der Bewusstseinsbildung für Frauengesundheit“, betont Innsbrucks Vizebürgermeisterin Elisabeth Mayr. „Mit dem neuen Referat Frauen, Gleichstellung und Queer wollen wir eine wichtige, teils sogar lebensentscheidende Perspektive auf alle Themen werfen, die in der Lebensrealität von Frauen eine Rolle spielen, und an Maßnahmen zur Gleichstellung arbeiten, ob im Bereich des Zusammenlebens, der Bildung, der Arbeitswelt oder wie hier der Gesundheit.“
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