Bionikprojekt „Blindterni“: Barrierefreies Spielen neu gedacht
Es ist ein Spiel, das fast jeder kennt: Zwei Farben und vier Spielsteine, die in eine Reihe gebracht werden müssen – das ist das Prinzip von „Vier in einer Reihe“. Aber wie funktioniert so ein Spielkonzept für Menschen mit Sehbeeinträchtigung? Mit dieser Frage hat sich ein Bocholter Bionik-Team der Westfälischen Hochschule im Rahmen eines Projekts beschäftigt. „Blindterni“ kann sich nicht nur sehen, sondern auch fühlen lassen.
Trotz der starken Konkurrenz durch Online-Gaming zählen Gesellschaftsspiele bundesweit immer noch zu den beliebtesten Hobbies. Menschen mit Behinderung, insbesondere Sehbehinderte, stehen bei vielen klassischen Spielvarianten jedoch häufig vor der Herausforderung, dass visuelle Fähigkeiten wie das Erkennen von Schrift, Farben oder Symbolen vorausgesetzt werden. Das sei jedoch nicht die einzige Hürde, wie Prof. Dr. Tobias Seidl vom Bocholter Bionik-Institut der WH erklärt: „Der Markt barrierefreier Spiele ist klein, damit sind sie nicht so leicht zu bekommen und auch teuer. Gerade die zentrale Fertigung und damit verbundene Vertriebswege erschweren Menschen mit Einschränkungen – insbesondere in wirtschaftlich schwächeren Ländern – den Zugang zu solchen Produkten.“ Das Team des Bionik-Instituts hat eine inklusive Spielvariante entwickelt, die es ermöglicht, dass Menschen mit und ohne Sehbeeinträchtigung gemeinsam spielen können. Doch nicht nur das: Die Lösung für „Blindterni“ stammt aus dem 3D-Drucker und kann damit kostengünstig und dezentral hergestellt werden.
Das Spiel basiert auf dem bereits existierenden dreidimensionalen „Vier in einer Reihe“. Im Unterschied zur Vorlage kombiniert „Blindterni“ Farben zusätzlich mit taktiler Wahrnehmung und orientiert sich so am Zwei-Sinne-Prinzip. Die Spielsteine lassen sich durch eine glatte Oberfläche, vertikale Rillen und Einbuchtungen unterscheiden. Auch das Spielfeld ist im Vergleich zum Originalspiel vergrößert aufgebaut. „Dieses Design ist für die Spielerinnen und Spieler nicht nur gut nutzbar, sondern ermöglicht auch eine einfache Fertigung durch „Fused Layer Modelling“, einem kostengünstigen und international verbreiteten 3D-Druckverfahren“, berichtet Moses-Gereon Wullweber, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bionik-Institut und Initiator des Projekts. „Blindterni“ wurde mittels Design Thinking entwickelt, einer Methode, die auf die Bedürfnisse der Zielgruppe fokussiert und in einem schrittweisen Prozess umgesetzt wird: Verschiedene Prototypen wurden sowohl von Menschen ohne Sehbehinderung mit verbundenen Augen als auch von Sehbehinderten getestet und im Nachgang in mehreren Optimierungsrunden an die Bedürfnisse angepasst.
Die erforderlichen Daten, um das Spiel selbstständig mit einem 3D-Drucker zu drucken, liegen frei zugänglich und kostenfrei als Open-Source-Datei vor. Dies ermöglicht auch eigenständige Weiterentwicklungen. Die Daten sind unter thingiverse.com/thing:6777827 abrufbar.
Das Paper zur Spielentwicklung wurde im Fachmagazin „Blind + Sehbehindert“ (145. Jahrgang/Ausgabe 1/2025) veröffentlicht und ist unter doi.org/10.3278/BSB2501W009 abrufbar.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Bionik-Institut der Westfälischen Hochschule
Prof. Dr. Tobias Seidl
Moses-Gereoon Wullweber
moses-gereon.wullweber@w-hs.de
www.bionik-institut.de
Originalpublikation:
„Blind + Sehbehindert“ (145. Jahrgang/Ausgabe 1/2025)
doi.org/10.3278/BSB2501W009
Ähnliche Pressemitteilungen im idw