Umwelt, Darm und Parkinson - Bonn und Augsburg starten gemeinsames Forschungsprojekt
Warum erkranken manche Menschen an Parkinson, während andere trotz ähnlicher Voraussetzungen gesund bleiben? Ein neues gemeinsames Forschungsprojekt des Universitätsklinikums Bonn (UKB) und der Universität Bonn zusammen mit der Universität Augsburg geht dieser Frage mit einem ungewöhnlichen Ansatz nach: dem sogenannten Exposom, also der Gesamtheit aller Umweltfaktoren, denen ein Mensch im Laufe seines Lebens ausgesetzt ist – von Ernährung über Umweltchemikalien bis hin zu Mikroplastik.
Das Projekt „ExPres-RBD“ wird von der Walter und Ilse Rose-Stiftung mit über 400.000 Euro gefördert und untersucht erstmals systematisch, wie Umweltfaktoren und biologische Prozesse im Körper zusammenwirken und möglicherweise zur Entstehung von Parkinson beitragen können.
Im Mittelpunkt der Studie stehen Menschen mit isolierter REM-Schlaf-Verhaltensstörung (iRBD). Bei dieser seltenen Schlafstörung bewegen sich Betroffene während des Träumens aktiv im Schlaf, weil die normalerweise vorhandene Muskelruhe im REM-Schlaf fehlt.
Eine Schlafstörung als Schlüssel zur Frühphase von Parkinson
Für die Forschung ist diese Erkrankung besonders interessant: Sie gilt als einer der zuverlässigsten klinischen Marker für eine sehr frühe Phase der Parkinson-Erkrankung. Studien zeigen, dass ein großer Teil der Betroffenen zehn bis 15 Jahre später Parkinson oder eine verwandte neurodegenerative Erkrankung entwickelt.
Menschen mit iRBD befinden sich gewissermaßen in einem Zeitfenster vor dem Ausbruch der Parkinson-Erkrankung“, erklärt Privatdozent Dr. Michael Sommerauer, Neurologe und Sektionsleiter für neurologische Schlafmedizin am UKB und Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich (TRA) „Life and Health“ der Universität Bonn. „Diese Phase bietet uns die seltene Möglichkeit zu verstehen, welche Faktoren den Krankheitsprozess möglicherweise überhaupt erst in Gang setzen.“ Sommerauer leitet am UKB eine der größten deutschen Studien-Kohorten von Menschen mit dieser Schlafstörung, die umfassend klinisch und biologisch untersucht werden.
Wenn Umweltfaktoren auf den Körper treffen
Das Projekt verbindet Expertise aus Neurologie, Environmental Health Sciences und Bioinformatik. In Blut- und Stuhlproben analysieren die Forschenden sowohl äußere Einflüsse wie Umweltchemikalien oder Ernährungsfaktoren als auch innere biologische Prozesse – etwa Veränderungen im Darmmikrobiom oder im Stoffwechsel. Besonders im Fokus steht der Darm. Er ist die größte Kontaktfläche zwischen Körper und Umwelt und könnte eine wichtige Rolle dabei spielen, wie Umweltfaktoren auf das Nervensystem wirken.
„Wir wollen verstehen, wie Umweltfaktoren und biologische Prozesse im Körper zusammenwirken und möglicherweise frühe neurodegenerative Veränderungen beeinflussen“, sagt Prof. Dr. Evelyn Lamy, Leiterin des Lehrstuhls für die Erforschung umweltbezogener Wirkmechanismen auf die Gesundheit an der Universität Augsburg. Ihr Lehrstuhl ist Teil des Schwerpunkts Environmental Health Sciences der Medizinischen Fakultät und koordiniert das Projekt. „Unser Ziel ist es, sogenannte Exposom-Signaturen zu identifizieren – also Muster von Umweltbelastungen und biologischen Veränderungen, die mit dem Risiko für Parkinson zusammenhängen.“
Neue Perspektiven für Prävention
Für die Studie werden Daten und Proben von rund 300 Teilnehmenden aus mehreren europäischen Zentren analysiert. Neben molekularen Analysen fließen auch detaillierte klinische Untersuchungen, kognitive Tests und moderne MRT-Bildgebung in die Auswertung ein. Langfristig hoffen die Forschenden, auf diese Weise neue Ansatzpunkte für Prävention und frühzeitige Intervention bei Parkinson zu finden. Denn je früher Risikofaktoren erkannt werden, desto größer ist die Chance, den Krankheitsverlauf zu beeinflussen. „Wenn wir verstehen, wie Umwelt und Körper gemeinsam zur Entstehung von Parkinson beitragen, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten der Prävention“, sagt Lamy und Sommerauer ergänzt: „Unser Ziel ist es, die Krankheit künftig früher zu erkennen – und vielleicht eines Tages sogar verhindern zu können.“
Pressekontakt:
Dr. Inka Väth
stellv. Pressesprecherin am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
Public Relations and Corporate Communication am UKB
Telefon: (+49) 228 287-10596
E-Mail: inka.vaeth@ukbonn.de
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Michael Sommerauer
Sektionsleiter für neurologische Schlafmedizin
Klinik für Parkinson, Schlaf- und Bewegungsstörungen
Universitätsklinikum Bonn
TRA „Life and Health“, Universität Bonn
E-Mail: Michael.Sommerauer@ukbonn.de
Prof. Dr. Evelyn Lamy (Projektkoordination)
Leiterin des Lehrstuhls für die Erforschung umweltbezogener Wirkmechanismen auf die Gesundheit (Exposomforschung)
Universität Augsburg
E-Mail: evelyn.lamy@med.uni-augsburg.de
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