Wo Europa digital abhängig ist
Von Computerchips über Cloud-Computing bis hin zur Künstlichen Intelligenz: Deutschland und Europa wollen unabhängiger von digitalen Technologien aus dem Ausland werden, indem eigene Innovationen vorangetrieben werden sollen. Das Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn in Kooperation mit dem Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation, Vodafones europäischer Think Tank, nehmen nun im Rahmen eines Policy Briefs das digitale Handelsdefizit Europas in den Blick. Sie zeigen auf, wie versteckte Handelsabhängigkeiten von den USA und China die Wirksamkeit aktueller europäischer Strategien grundlegend in Frage stellen.
Das starke Wachstum im digitalen Handel scheint eine solide Grundlage zu sein, die von der Europäischen Kommission festgelegten Ziele für ihr „Digitales Jahrzehnt“ zu erreichen. Bei genauerer Analyse treten jedoch verborgene Schwächen zutage, die künftige Fortschritte gefährden können: Irlands unverhältnismäßiger Einfluss auf die digitale Handelsbilanz des Kontinents. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich beim digitalen Handelsüberschuss Europas in Wirklichkeit um ein digitales Handelsdefizit.
Aufgrund der unverhältnismäßig großen Präsenz von US-Technologiekonzernen in Irland und ihres kostengünstigen Zugangs zu den europäischen Märkten verzerrt dieser „Irland-Effekt“ die europäischen Handelsstatistiken und schränkt die digitale Autonomie ein. Ohne US-Unternehmen in Irland würde die Europäische Union ein enormes digitales Defizit aufweisen. „Die Kosten dieses Defizits für Europa summieren sich zwischen 2022 und 2024 auf über 350 Milliarden US-Dollar, das entspricht annähernd 40 % der geplanten Verteidigungsausgaben bis 2030“, sagt Junior-Prof. Dr. Maximilian Mayer, der das Vorhaben am CASSIS koordiniert und Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich „Individuals & Societies“ der Universität Bonn ist.
Darüber hinaus hebt die Studie die übermäßige Abhängigkeit Europas von China im Handel mit digitalen Gütern hervor. Anhand dieses erheblichen Ungleichgewichtes und des „Irland-Effektes“ werde deutlich, dass Europa zwischen den digitalen Giganten China und USA eingezwängt ist. Diese Realität stellt Europas wirtschaftliche Gewinne in Frage, erhöht seine geopolitische Verwundbarkeit und schränkt seine digitale Autonomie ein, so die Analyse.
Das Autorenteam empfiehlt der Europäischen Kommission deshalb, die europäische Fertigungsindustrie und Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken, die Abhängigkeiten im Handel mit digitalen Gütern gegenüber China weiter zu verringern sowie eine politische Sprache zu verwenden, die die Autonomie und Souveränität als gemeinsame Ziele definiert und neue vielseitige Technologiepartnerschaften mit Partnern aus dem öffentlichen und privaten Sektor fördert.
„Die Analyse zeigt: Europas digitale Abhängigkeiten sind größer, als es die Statistik vermuten lässt“, sagt Michael Jungwirth, Director Public Policy & External Affairs Vodafone Deutschland und Public Policy Director Vodafone Group. „Wir brauchen jetzt eine kohärente Industrie‑ und Handelspolitik, die die digitale Resilienz wirklich stärkt - für ein wirtschaftlich und geopolitisch souveränes Europa.“
„Digital Dependence Index“ neu aufbereitet
Wie gut das klappt, zeigt der Digital Dependence Index (DDI) des CASSIS der Universität Bonn. Die Kennzahl stellt dar, wie anfällig europäische Länder im weltweiten Vergleich tatsächlich sind. Zu den Indikatoren zählen unter anderem, wie sehr ein EU-Staat von elektronischen Komponenten oder Kommunikationsausrüstung aus dem Ausland abhängig ist. Auch bei Computer-Software, Betriebssystemen und Patenten wird dargestellt, wie sehr man am Tropf ausländischer Unternehmen hängt. „Basierend auf einer Vielzahl von Indikatoren veranschaulicht der DDI die Herausforderungen und die Potenziale, technologische Abhängigkeiten in einer global vernetzten und hochgradig arbeitsteiligen Wirtschaft zu reduzieren“, sagt der Juniorprofessor.
Bislang fokussierte sich der DDI auf die G20-Staaten. In einer Neuauflage soll er aktualisiert und auf mehr als 50 Länder weltweit erweitert werden. Dadurch ist eine weitaus bessere Abdeckung auch von vielen kleineren Ländern in Europa, Afrika und Asien gewährleistet. „Dies bringt viele Vorteile, da die Messung nicht nur geographisch umfassender ist, sondern wir auch globale und regionale Trends sowie Muster in Bezug auf digitale Kapazitäten, Verwundbarkeiten und Kosten sichtbar machen können“, fasst Mayer zusammen. Das Vodafone Institut unterstützt im Rahmen der einjährigen Kooperation auch die Aktualisierung und Erweiterung des DDI. Mit dem neuen Design der DDI-Webseite soll die Zugänglichkeit, die Übersichtlichkeit und die Analytik für die Nutzerinnen und Nutzer weiter gesteigert werden.
Über das Projekt
Der Policy Brief wurde von der Universität Bonn in Zusammenarbeit mit dem Vodafone Institut, dem europäischen Think Tank von Vodafone, verfasst. Der Policy Brief ist Teil einer Reihe, die darauf abzielt, Europas digitale Abhängigkeiten sowie die damit verbundenen Herausforderungen und Chancen zu analysieren. Diese einjährige Zusammenarbeit soll innovative Einschätzungen zur Entwicklung der digitalen Kapazitäten Europas liefern und die Auswirkungen dieser Trends auf die wirtschaftliche und politische Autonomie Europas aufzeigen.
Vodafone Institut
Das Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation ist der europäische Think Tank von Vodafone. Das Institut trägt dazu bei, die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zusammen zu denken und agiert dabei an der Schnittstelle von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Gemeinsam mit Partnern werden Studien zu drängenden Fragestellungen entwickelt, um Wege für die digitale Zukunft aufzuzeigen. Mehr: https://www.vodafone-institut.de/institut/
CASSIS
Das Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) ist ein interdisziplinäres Forschungszentrum der Universität Bonn in der strategischen Außen-, Europa- und Sicherheitspolitischen Forschung. Dem Ansatz „Globale Herausforderungen brauchen europäische Antworten“ verpflichtet, trägt das CASSIS in interdisziplinärer und interinstitutioneller Arbeit dazu bei, europäische Strategien auf aktuelle Herausforderungen in der Außen- und Sicherheitspolitik zu entwickeln, zu bewerten und öffentlichkeitswirksam zu diskutieren. Mehr: https://www.cassis.uni-bonn.de/de/startseite
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Maximilian Mayer
Junior-Professor for International Relations and Global Politics of Technology
Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS)
Universität Bonn
Tel. +49 (0)228/73 5640
E-Mail: maximilian.mayer@uni-bonn.de
Originalpublikation:
https://www.vodafone-institut.de/wp-content/uploads/2026/03/wake-up-call-for-the-eus-digital-decade.pdf
Weitere Informationen:
https://www.cassis.uni-bonn.de/de/forschung/interdisziplinaere-forschungsvorhaben/politik-und-governance-globaler-infrastrukturen-1/forschungsprojekte/digital-dependence-index-2.0
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