Weimarer Wissenschaftlerinnen zeigen, wie Online-Modeplattformen das Selbstbild von Frauen prägen
Das Kleid auf dem Bildschirm, mehrere Größen zur Auswahl, mit einem Klick in den Warenkorb: Und doch gibt es diesen Moment, in dem die Entscheidung stockt. Passt es wirklich? Werde ich mich darin wohlfühlen? Sieht es an mir so aus wie auf dem Bild? Online-Modeplattformen beeinflussen das Selbstbild von Frauen stärker als bislang angenommen: Eine aktuelle Studie der Bauhaus-Universität Weimar zeigt, dass digitale Shopping-Erlebnisse tief in die Körperwahrnehmung eingreifen – mit Folgen für Nutzerinnen, Wirtschaft und Umwelt. Die Forschung wird auf der renommierten CHI-Konferenz 2026 vom 13. bis 17. April 2026 in Barcelona vorgestellt und ausgezeichnet.
Der Einkauf im Netz ist längst mehr als ein funktionaler Vorgang. Für viele Frauen ist er mit mentalem und emotionalem Aufwand verbunden und kann das eigene Körpergefühl ins Wanken bringen. Die Studie von Prof. Dr. Eva Hornecker gemeinsam mit Margarita Osipova, Urszula Kulon und Adithi Mahesh von der Bauhaus-Universität Weimar sowie Marion Koelle, Hochschule RheinMain, und Olesya Kirillova zeigt: Online-Mode-Shopping ist keine rein technische Interaktion, sondern greift unmittelbar in die Wahrnehmung des eigenen Körpers ein. Viele Nutzerinnen fühlen sich dabei nicht ausreichend repräsentiert oder ernst genommen.
Im Zentrum der Untersuchung steht eine bislang wenig beachtete Perspektive: die Verbindung von Interface, Körperwahrnehmung und emotionalem Erleben. Die Ergebnisse zeigen, dass Nutzerinnen beim Online-Shopping ihren eigenen Körper fortlaufend in den Entscheidungsprozess einbeziehen, etwa bei Fragen zu Passform, Größen oder Stil. Gleichzeitig versuchen sie einzuschätzen, wie sich ein Kleidungsstück im Alltag anfühlen wird, wie es sich trägt, pflegen oder kombinieren lässt. Stimmen Erwartungen und Realität nicht überein, wird die Ursache häufig nicht im Produkt gesucht, sondern im eigenen Körper.
Idealbilder prägen Plattformen – Rücksendungen als Folge
Die Analyse zeigt zudem, dass viele Plattformen implizite Normen transportieren. Sie orientieren sich an standardisierten, oft idealisierten Körperbildern und bieten nur begrenzte Möglichkeiten, individuelle Unterschiede abzubilden. Dadurch können Unsicherheiten verstärkt und negative Selbstwahrnehmungen gefördert werden.
Dabei sind Frauen die zentrale Zielgruppe von Online-Modeplattformen und machen über 60 Prozent von Kundschaft und Umsatz aus. Dennoch wird Online-Shopping häufig als rein funktionale Aufgabe verstanden und Plattformen primär darauf optimiert, Kaufabschlüsse zu maximieren. In der Praxis führt das nicht selten dazu, dass Kleidungsstücke in mehreren Größen bestellt und ein Großteil davon zurückgeschickt wird. Diese Retouren verursachen hohe Kosten durch Versand, Prüfung und Entsorgung und tragen zugleich zu einem erheblichen ökologischen Fußabdruck bei.
Mehr Vielfalt verbessert Entscheidungen
Die Wissenschaftlerinnen plädieren daher für ein Umdenken im Design digitaler Systeme. Statt den Körper als Randbedingung zu behandeln, sollte er ins Zentrum der Gestaltung rücken. Ein körperzentrierter Ansatz berücksichtigt die Vielfalt von Körperformen, schafft transparentere Informationen und orientiert sich stärker an realen Bedürfnissen im Alltag. Realistischere Darstellungen und eine verbesserte Passformeinschätzung können dazu beitragen, Fehlkäufe und Retouren zu reduzieren und damit sowohl wirtschaftliche als auch ökologische Herausforderungen zu adressieren.
Ein im Rahmen der Untersuchung entwickelter Prototyp zeigt, wie sich diese Ansätze konkret umsetzen lassen: Teilnehmerinnen fühlten sich stärker repräsentiert, respektiert und in ihren Entscheidungen unterstützt. Damit verbessert sich nicht nur die Nutzbarkeit, sondern auch das gesamte Erleben der Anwendung.
Auszeichnung auf internationaler Top-Konferenz CHI 2026
Die Publikation »I Felt Like I Need to Fit in Someone Else’s Body« wird im April 2026 auf der ACM CHI Conference on Human Factors in Computing Systems in Barcelona vorgestellt. Mit über 6.700 Einreichungen und einer Annahmequote von rund 25 Prozent zählt die Konferenz zu den weltweit führenden Veranstaltungen im Bereich Human-Computer Interaction. Die Arbeit wurde zudem mit einer »Honorable Mention« ausgezeichnet und gehört damit zu den besonders herausragenden Beiträgen.
Mit der Präsentation auf der CHI 2026 wird die Forschung aus Weimar Teil eines internationalen Diskurses darüber, wie digitale Technologien gestaltet werden müssen, um gesellschaftliche Vielfalt abzubilden, anstatt sie ungewollt zu verzerren.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Für Rückfragen steht Ihnen Marie Kohlschreiber, Referentin für Forschungskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, per E-Mail marie.kohlschreiber@uni.weimar.de oder telefonisch + 49 (0) 36 43 / 58 37 06 zur Verfügung.
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