Sozial Benachteiligte erholen sich seltener von Ausbildungsabbruch
Ein Ausbildungsabbruch trifft junge Menschen aus benachteiligten Verhältnissen langfristig finanziell am härtesten. Soziale Privilegien wirken hingegen als „Puffer“. Das zeigt eine neue Studie der Universitäten Bielefeld und Bamberg, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Schwedischen Instituts für Sozialforschung (SOFI) in Stockholm. Die Untersuchung ist im European Sociological Review erschienen und basiert auf Daten von rund 650.000 Auszubildenden in Deutschland.
Die wichtigsten Fakten im Überblick:
- Wer in einem Haushalt mit mindestens einer Person ohne formalen Bildungsabschluss zusammenlebt und eine Ausbildung abbricht, verdient durchschnittlich 46,5 Prozent weniger als Personen mit Ausbildungsabschluss.
- Für die Betroffenen summiert sich der finanzielle Nachteil in zehn Jahren im Schnitt auf rund 71.000 Euro.
- Für Personen aus privilegierteren Familien zeigt sich kein bedeutsamer Einkommensnachteil.
Das Forschungsteam analysierte anonymisierte amtliche Daten zu Erwerbsverläufen von Auszubildenden. Die Wissenschaftler*innen prüften, wie sich ein Ausbildungsabbruch auf das spätere Einkommen auswirkt, unabhängig von anderen Faktoren wie Charaktereigenschaften oder Arbeitsmarktchancen. Die soziale Herkunft wurde dabei über Adressangaben zum Wohnort der Auszubildenden und ihrer Familien erfasst.
Ungleiche Folgen von Ausbildungsabbrüchen
Das Ergebnis: Der Abbruch wirkt langfristig, aber nicht für alle gleich. Für junge Menschen aus einkommens- und bildungsschwachen Familien bedeutet ein fehlender Berufsabschluss oft eine substanzielle finanzielle Benachteiligung. Das gilt besonders, wenn die Eltern keinen beruflichen Abschluss haben. Dagegen gelingt es Jugendlichen aus privilegierteren Verhältnissen meist, Einkommensverluste abzufedern, zum Beispiel durch erneuten Ausbildungseinstieg oder Zugang zu besser bezahlten Tätigkeiten trotz fehlenden Abschlusses.
Die Autor*innen legen erstmals differenziert dar, wie unterschiedliche Chancen auf erneuten Ausbildungsstart und Arbeitsmarkterfolg nach einem Abbruch soziale Ungleichheit verstärken. Dr. Kerstin Ostermann von der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld sagt: „Wir sehen, dass soziale Herkunft ein entscheidender Faktor für den beruflichen Erfolg bleibt. Wer ohne familiäre Ressourcen eine Ausbildung abbricht, hat es später besonders schwer, den Rückstand aufzuholen.“
Ihr Co-Autor Dr. Alexander Patzina von der Universität Bamberg und dem IAB ordnet die Ergebnisse arbeitsmarktpolitisch ein: „Der deutsche Arbeitsmarkt honoriert berufsqualifizierende Abschlüsse stark. Unsere Studie verdeutlicht, dass gerade Jugendliche aus sozial benachteiligten Haushalten von Fördermaßnahmen gegen Ausbildungsabbrüche profitieren könnten.“
Regionale Unterschiede und soziale Ungleichheit
An der Universität Bielefeld ist die Studie dem Fokusbereich „Conflicts of Inequality (CoIn)“ zugeordnet, einem Forschungsnetzwerk zu Ungleichheit und gesellschaftlichem Konflikt. Die Studie zeigt exemplarisch, wie persönliche Bildungswege und Chancen am Arbeitsmarkt zusammenspielen und soziale Ungleichheit verfestigen. Die Untersuchung steht in Zusammenarbeit mit dem Leibniz-ScienceCampus RegioHub an der Universität Bielefeld, der sich mit der Analyse regionaler Entwicklungen und ihren sozialen, ökonomischen und politischen Auswirkungen beschäftigt.
Einschätzung von Dr. Kerstin Ostermann zum Thema:
„Ein Ausbildungsabbruch hinterlässt nicht für alle dieselben Spuren. Für junge Menschen mit geringen Startchancen kann er den weiteren Lebensverlauf entscheidend prägen.“
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Kerstin Ostermann, Universität Bielefeld
Fakultät für Soziologie
Telefon: +49 521 106-4638
E-Mail: kerstin.ostermann@uni-bielefeld.de
Originalpublikation:
Kerstin Ostermann, Alexander Patzina, Katy Morris: Stratified scars: social inequality in the labour market consequences of apprenticeship dropout. European Sociological Review, https://doi.org/10.1093/esr/jcag010, erschienen am 27. März 2026
Weitere Informationen:
https://iab.de/presseinfo/ausbildungsabbrueche-fuehren-bei-jugendlichen-aus-benachteiligten-familien-zu-einem-einkommensverlust-von-45-prozent Presseinformation des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
https://iab-forum.de/wann-der-ausbildungsabbruch-zur-einkommensfalle-wird-und-wann-nicht Forumsbeitrag des IAB zur Studie
https://aktuell.uni-bielefeld.de/2026/03/04/ungleichheit-erforschen-konflikte-verstehen Artikel zum Fokusbereich CoIn
Ähnliche Pressemitteilungen im idw