Ergotherapie-Verantwortliche der TH Deggendorf kritisieren Heilmittelbericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK
Fachkräftemangel, Digitalisierung und verzerrte Branchendebatten
Der Heilmittelbericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hat hohe Wellen geschlagen. Im März hatte der Spitzenverband der Heilmittelverbände eine offizielle Beschwerde gegen diesen Bericht eingelegt. Jetzt erheben auch Forscher der Technischen Hochschule Deggendorf (THD) ihre Stimme gegen ein verzerrtes Bild der Branche, welches teilweise auf ungeeigneten Datengrundlagen basiere und die Realität in den Praxen nicht korrekt darstelle.
Um die wirtschaftliche Situation der Heilmittelbranche ist eine hitzige Diskussion entstanden. So argumentiert der Bericht des WIdO beispielsweise, dass sich die Einführung der Blanko-Verordnung als Kostentreiber entwickelt habe. Jene erlaubt es niedergelassenen Therapeutinnen bei gewissen Diagnosen selbst Methode und Umfang der Therapie wählen zu dürfen. Der Unterstellung einer Selbstbereicherung widerspricht Dr. Norbert Lichtenauer aufs Schärfste. Er ist Mitgestalter des THD-Bachelorstudiengangs „Ergotherapie“ und auch selbst Ergotherapeut: „Die Heilmittelbranche mit den Therapieberufen der Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie, Podologie und Ernährungsberatung macht gerade mal fünf Prozent der Kosten im Gesundheitssystem aus. Dafür bietet sie ihren Patienten eine individuelle und persönlich zugeschnittene Hilfestellung im Alltag. Hier wird zugehört und auf die Problemlagen der Menschen spezifisch eingegangen.“ Die Argumentation des WIdO vergesse außerdem die Zunahme an Behandlungsfällen durch chronische Erkrankungen einer immer älter werdenden Bevölkerung mit immer mehr Diagnosen. „Gleiches gilt für die Zunahme an psychischen Beeinträchtigungen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen nach der Corona-Pandemie“, ergänzt Lichtenauer.
Ohne Frage spielen Ergotherapeutinnen eine zentrale Rolle in der Versorgung von Menschen in jedem Lebensalter, etwa bei der Rehabilitation nach Unfällen oder bei chronischen Erkrankungen. Gleichzeitig verschärft sich seit Jahren der Fachkräftemangel in den Heilberufen und die Wartezeiten für eine Therapie bei niedergelassenen Praxen und Einrichtungen erhöhen sich dramatisch. „Eine unbehandelte Diagnose, beispielsweise im Bereich der Feinmotorik von Kindern beim Erlernen des Schreibens, kann neue Probleme mit sich bringen. Im schlimmsten Fall führen die Herausforderungen des Kindes beim Erlernen von Buchstaben und Zahlen zu einer Frustration und genereller Schulunlust“, berichtet der erfahrene Ergotherapeut Lichtenauer. Dies könne am Ende das gesamte Lernen in der Schule und den weiteren Bildungsweg des Kindes betreffen.
Um dieser Relevanz gerecht zu werden, habe die THD im Wintersemester 2025/26 den Bachelor Ergotherapie gestartet. „Wie bei der Pflege auch, ist das ist unsere Antwort auf den wachsenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften und auf die umfassenden digitalen Veränderungen im Gesundheitswesen“, sagt Studiengangsleiter Prof. Dr. Patrick Ristau. Man wisse an der Hochschule natürlich um die Brisanz, falle doch der Start dieses ersten studiengebühren-freien Bachelors der Ergotherapie an einer staatlichen bayerischen Hochschule in eben jene Phase sehr emotional geführter Diskussionen um die wirtschaftliche Situation der gesamten Heilmittelbranche.
Aber vor diesem Hintergrund gewinne die akademische Ausbildung sogar noch mehr an Bedeutung. „Wir brauchen gut ausgebildete Fachkräfte, die nicht nur praktisch arbeiten, sondern auch die strukturellen Herausforderungen im Gesundheitswesen verstehen und interdisziplinär denken“, so Ristau. An der THD würden daher neben praktischen Kompetenzen auch wissenschaftliche, interdisziplinäre und gesundheitsökonomische Inhalte vermittelt. Ein besonderer Fokus liege auf der evidenzbasierten Praxis. „Es kann nicht sein, dass Deutschland das einzige Land in Europa ist, das standardmäßig noch keine akademische Ausbildung in der Ergotherapie anbietet“ postuliert Lichtenauer und Ristau ergänzt: „Die Zukunft der Heilmittelberufe liegt in qualifizierter Ausbildung, fundierter Datenbasis – und einer differenzierten Betrachtung der tatsächlichen Herausforderungen der Branche.“
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Patrick Ristau
Fakultät Angewandte Gesundheitswissenschaften
Technische Hochschule Deggendorf
patrick.ristau@th-deg.de
Dr. Norbert Lichtenauer
Fakultät Angewandte Gesundheitswissenschaften
Technische Hochschule Deggendorf
norbert.lichtenauer@th-deg.de
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