Inflationserwartungen steigen deutlich an
Die Inflationserwartungen von Finanzmarktexperten und -expertinnen für die Eurozone haben sich im April 2026 deutlich nach oben verschoben. Für das laufende Jahr liegt die erwartete Teuerungsrate im Median bei 2,7 Prozent und damit klar über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2,0 Prozent. 91 Prozent der Befragten nennen die Entwicklung der Energiepreise als Haupttreiber der gestiegenen Inflationserwartungen. Gleichzeitig deuten die Ergebnisse des aktuellen ZEW-Finanzmarkttests auf ein stabiles Zinsniveau hin. Senkungen des Leitzinses erscheinen kurzfristig deutlich unwahrscheinlicher.
„Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine Risikolage, bei der die EZB in beide Richtungen eingeschränkt ist – zu frühe Zinssenkungen würden den Inflationsdruck verstärken, während eine zu rasche Straffung das ohnehin schwache Wachstum zusätzlich belasten könnte“, sagt Dr. Lora Pavlova, Leiterin des ZEW-Finanzmarkttests und Wissenschaftlerin im ZEW-Forschungsbereich „Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte“.
„Solange die Inflationserwartungen erhöht bleiben, ist geldpolitischer Spielraum nach unten kaum vorhanden. Ein stabiles Zinsniveau gilt damit als wahrscheinlichstes Szenario, während sowohl rasche Zinssenkungen als auch eine dauerhafte Straffung vom Marktkonsens weitgehend ausgeschlossen werden“, ergänzt Anna-Lena Herforth, Wissenschaftlerin im ZEW-Forschungsbereich „Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte“.
Zinserwartungen spiegeln geldpolitischen Zielkonflikt wider
Für die kommenden Monate rechnen die Expertinnen und Experten überwiegend mit einem stabilen Zins. Die Einschätzungen zum Zinspfad bis Ende 2026 zeigen eine abwartende Haltung: Eine Mehrheit erwartet zunächst keine Veränderung der Leitzinsen. Doch die Zinserwartungen für das Ergebnis der EZB-Ratssitzung im Juni gehen auseinander: 48 Prozent der Expertinnen und Experten gehen hier von stabilen Zinsen aus, während rund 47 Prozent mit einem Zinsschritt von zwischen 16 und 25 Basispunkten rechnen. Für die Sitzungen nach der Sommerpause wird mehrheitlich keine Zinsanpassung erwartet. Einzelne Stimmen antizipieren jedoch bereits eine graduelle Zinssenkung im Q4 2026.
Energiepreise treiben Inflationserwartungen
Als Haupttreiber der gestiegenen Inflationserwartungen nennen 91 Prozent der Befragten die Entwicklung der Energiepreise. Auch steigende Preise für andere Rohstoffe sowie anhaltende Lieferengpässe tragen maßgeblich zur Aufwärtsrevision bei. Geopolitische Spannungen und internationale Handelskonflikte verstärken den Preisdruck zusätzlich. Dämpfende Effekte gehen hingegen von der Aufwertung des Euro und einer schwächeren Konjunktur im Euroraum aus, diese spielen insgesamt aber eine untergeordnete Rolle.
Über den ZEW-Finanzmarkttest
Der ZEW-Finanzmarkttest ist eine seit Dezember 1991 durchgeführte Umfrage, in der monatlich die Erwartungen über die Entwicklung wichtiger internationaler Volkswirtschaften erhoben werden. Derzeit sind dies Deutschland, das Eurogebiet, die Vereinigten Staaten von Amerika sowie China. Insgesamt besteht das Panel aus etwa 350 Finanzanalysten/-innen aus Banken, Versicherungen und großen Industrieunternehmen. Angesprochen werden die Experten der Finanz-, Research- und volkswirtschaftlichen Abteilungen sowie der Anlage- und Wertpapierabteilungen dieser Unternehmen.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Lora Pavlova
Wissenschaftlerin im ZEW-Forschungsbereich „Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte“
Telefon: +49 (0)621 1235-145
E-Mail: lora.pavlova@zew.de
Originalpublikation:
https://www.zew.de/fileadmin/FTP/frep/042026.pdf
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