1,65 Mio. Euro Förderung für CAAR-T-Zelltherapieprojekt zur zielgenauen Behandlung neurologischer Autoimmunerkrankungen
Das BIH fördert mit 1,65 Millionen Euro ein Team von Forschenden der Charité — Universitätsmedizin Berlin und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) über die SPARK-BIH Projektförderung im Rahmen der Nationalen Strategie für gen- und zellbasierte Therapien. Damit soll die Entwicklung und GMP-konforme Produktion von CAAR-T-Zellen zur Behandlung neurologischer Autoimmunerkrankungen wie MOGAD, Myasthenia gravis oder IgLON5-Syndrom vorangetrieben werden, um Patient*innen zukünftig effektivere und zielgenauere Behandlungsoptionen zur Verfügung zu stellen.
CAAR-T-Zellen (engl. Chimeric AutoAntibody Receptor T Cells) stellen einen vielversprechenden neuen Behandlungsansatz für neurologische Autoimmunerkrankungen dar. Die T-Zellen als ein wesentlicher Bestandteil des Immunsystems werden dabei genetisch so verändert, dass sie autoreaktive B-Zellen, die für die Entstehung einer Autoimmunerkrankung verantwortlich sind, gezielt erkennen und zerstören können. Der innovative Therapieansatz zielt auf die eigentliche Ursache der Erkrankung ab, ohne das schützende Immunsystem insgesamt zu beeinträchtigen. Dies ist ein maßgeblicher Vorteil gegenüber herkömmlichen immunsuppressiven Therapien, die das menschliche Immunsystem aufgrund ihres Wirkprinzips schwächen - wodurch Patient*innen anfälliger für Infektionen werden. Die CAAR-T-Zelltherapie hat außerdem das Ziel, Patient*innen eine schnellere Genesung und eine anhaltende Linderung der Krankheitssymptome zu ermöglichen, was konventionelle Medikamente überflüssig machen würde. Dies muss in zukünftigen klinischen Studienphasen weiter untersucht werden.
Von präklinischer Entwicklung über GMP-konforme Produktion zur klinischen Studie
Das im Rahmen der Nationalen Strategie für gen- und zellbasierte Therapien über SPARK-BIH geförderte Forschungsprojekt besteht aus zwei Teilen. Zunächst testen die Forschenden drei CAAR-T-Zell-Behandlungen für verschiedene neurologische Autoimmunerkrankungen (MOGAD, Myasthenia gravis und IgLON5-Syndrom) in präklinischen Versuchen und analysieren mithilfe eines Membranproteom-Arrays potenzielle Off-Target-Effekte – das sind unbeabsichtigte Angriffe der T-Zellen auf gesundes Gewebe. Auf der Grundlage dieser Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten sowie des möglichen Anwendungspotenzials wählen die Forschenden anschließend die vielversprechendste Option aus. Bei allen drei Erkrankungen – MOGAD, Myasthenia gravis (MG) und dem IgLON5-Syndrom – sind Antikörper gegen bestimmte Eiweiße des Nervensystems gerichtet. Dadurch kommt es zu Störungen der Nervenübertragung bzw. Nervenstruktur was Symptome wie Muskelschwäche, Sehstörungen, Lähmungen, Schlafstörungen oder kognitive Beeinträchtigungen verursachen kann. Die Krankheitsverläufe sind oft chronisch oder schubweise und können die Lebensqualität erheblich einschränken. Mitunter führen die Erkrankungen zu lebensbedrohlichen Krisen. In Deutschland leben schätzungsweise 15.000-20.000 Menschen mit MG und 1.000-3.000 Menschen mit MOGAD. Das IGLON5-Syndrom ist sehr selten, wobei eine hohe Dunkelziffer angenommen wird. Es wird durch zunehmende Awareness künftig wahrscheinlich häufiger diagnostiziert werden. Die meist schweren Krankheitsverläufe machen eine möglichst effektive Therapie erforderlich. Eine zielgenaue Behandlung mittels einer CAAR-T-Zelltherapie könnte in Zukunft neue Perspektiven bieten.
„Wir wollen einen vielversprechenden immuntherapeutischen Ansatz gezielt weiterentwickeln und den Transfer in die klinische Anwendung vorbereiten, damit Menschen, die mit einer solchen einschränkenden Erkrankung leben, zukünftig noch besser behandelt werden können“, sagt Dr. Niels von Wardenburg, Arzt an der Klinik für Neurologie und Experimentelle Neurologie der Charité sowie Erstautor der zugrundeliegenden Studie zum Einsatz von CAAR-T-Zellen bei Myasthenia gravis. „Die Förderung aus der Nationalen Strategie für gen- und zellbasierte Therapien ermöglicht es uns, eine innovative Zelltherapie zu entwickeln und die besonderen Herausforderungen der Herstellung anzugehen“, so Niels von Wardenburg weiter.
Im zweiten Teil des Projekts, der voraussichtlich im Juli 2026 startet, geht es um die Entwicklung eines Herstellungsverfahrens, das den hohen Qualitätsstandards der guten Herstellungspraxis (engl. Good Manufacturing Practice, GMP) entspricht. Dafür wird eine größere Menge an Lentiviren benötigt, die von speziellen Firmen in einem geeigneten GMP-Prozess hergestellt werden müssen. Lentiviren sind ein zentraler Bestandteil dieser modernen CAAR-T-Zelltherapie. Sie fungieren als sogenanntes Gentaxi, welches bestimmte genetische Informationen in die T-Zellen liefert. Damit werden die T-Zellen so umprogrammiert, dass sie das gewünschte Ziel – die autoreaktiven B-Zellen - erkennen und gezielt ausschalten können. Die verwendeten Lentiviren sind inaktiv, können sich im Körper nicht mehr vermehren und kommen bei der GMP-konformen Herstellung der CAAR-T-Zellen zum Einsatz. Diese Herstellung ist bei gen- und zellbasierten Therapien von besonderer Bedeutung, weil sie aufgrund des „lebenden“ T-Zell Ausgangsmaterials hochkomplex ist. Das erfordert spezialisierte Einrichtungen, geschultes Personal und aufwendige Prozesse. Die GMP-Entwicklung für die ausgewählte Therapie wird am neuen Berlin Center for Advanced Therapies (dt. Berliner Zentrum für fortgeschrittene Therapien), kurz BeCAT, stattfinden. Am Ende dieses Projekts wollen die Forschenden über einen vollständigen Produktionsprozess und die notwendigen Daten verfügen, um die CAAR-T-Zelltherapie in eine sogenannte First-in-Human-Studie überführen zu können. Die gewonnenen Erkenntnisse werden auch für die Entwicklung weiterer Zelltherapien im Bereich neurologischer Autoimmunerkrankungen wertvoll sein.
Weitere Informationen
Name des geförderten Forschungsprojekts: CAAR4NAD − Preclinical development and GMP-compliant manufacturing of Chimeric Autoantibody Receptor T cells for Neurologic Autoimmune Diseases
Koordinator: Dr. med. Momsen Reincke, Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité — Universitätsmedizin Berlin
Projekt-Partner: Prof. Dr. med. Harald Prüß, Dr. med. Niels von Wardenburg, Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité — Universitätsmedizin Berlin, Prof. Dr. med. Annette Künkele-Langer, BeCAT & Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie, Charité — Universitätsmedizin Berlin
Das Projekt wird im Rahmen der Nationalen Strategie für gen- und zellbasierte Therapien gefördert. Die Strategie wurde wurde 2022 vom damaligen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, mittlerweile BMFTR) beauftragt und wird durch das Berlin Institute of Health at Charité (BIH) koordiniert. Die Projekt-Unterstützung erfolgt nach der SPARK-Methode, bei der SPARK-BIH neben der finanziellen Förderung auch eine umfassende, projektspezifische Beratung sowie Weiterbildung durch ein breit gefächertes, interdisziplinäres Mentor*innen-Netzwerk anbietet, um die Produktentwicklung zu optimieren und zu beschleunigen.
Kontakt
Pressestelle
Berlin Institute of Health in der Charité (BIH)
Mirjam Kaplow: +49 (0)30 450 543 343
Weitere Informationen:
https://www.bihealth.org/de/aktuelles/news/presse-und-medien Pressemitteilung auf der BIH Website
https://www.nationale-strategie-gct.de/ Informationen zur Nationalen Strategie GCT
https://www.spark-bih.de/program/national-gct-program Übersicht aller geförderten SPARK-BIH GCT-Projekte
https://becat.charite.de/ Informationen zum Berlin Center for Advanced Therapies (BeCAT)
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