Wer kam nach den Römern? Genomdaten aus Süddeutschland beleuchten die Entstehung mitteleuropäischer Gesellschaften
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Anthropologen und Populationsgenetikers Prof. Dr. Joachim Burger von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hat die Genome von Menschen aus dem ehemaligen römischen Grenzraum zwischen 400 und 700 n. Chr. in Süddeutschland untersucht. Die Analyse liefert überraschend detaillierte Einblicke in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Ihre Ergebnisse sind jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Nature erschienen.
Internationales Forschungsteam unter Leitung der JGU hat Genome aus der Zeit des Endes des Weströmischen Reichs untersucht – Veröffentlichung in Nature
Viele der heutigen Dörfer und Städte in Mitteleuropa gehen auf Siedlungen zurück, die nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reichs entstanden, oft auf ehemaligem römischem Gebiet oder in unmittelbarer Nähe des Limes, der einstigen Reichsgrenze. Seit dem 19. Jahrhundert ist diese Epoche zunächst mit umherziehenden größeren germanischen Völkern in Verbindung gebracht worden. Die historische Forschung hat sich jedoch längst von der Vorstellung eines Germanentums und einer „Völkerwanderung“ verabschiedet. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Anthropologen und Populationsgenetikers Prof. Dr. Joachim Burger vom Institut für Organismische und Molekulare Evolutionsbiologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat nun die Genome von Menschen aus dem ehemaligen römischen Grenzraum zwischen 400 und 700 n. Chr. in Süddeutschland untersucht. Die Analyse liefert überraschend detaillierte Einblicke in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Ihre Ergebnisse sind jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Nature erschienen.
Beteiligt an der interdisziplinären Studie waren etwa 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus einer Reihe europäischer Institutionen, darunter die JGU, die Eberhard Karls Universität Tübingen, die Universität Freiburg (Schweiz), die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns sowie zahlreiche weitere Einrichtungen. Die Beteiligten kommen aus verschiedenen Fachrichtungen, darunter Populationsgenetik, Bioinformatik, Anthropologie, Geschichtswissenschaften und Archäologie. Im Fokus der Untersuchung standen die Genome von Skeletten, die in sogenannten Reihengräberfeldern – Friedhöfen, die ab der Mitte des 5. Jahrhunderts in Nordgallien, West- und Süddeutschland bis nach Ungarn weitverbreitet waren – gefunden wurden.
Zwei Bevölkerungsgruppen im römischen Grenzgebiet
Insgesamt analysierte das Team 258 Genome aus den heutigen Bundesländern Bayern und Hessen und stellte sie einem Vergleichsdatensatz von rund 2.900 antiken, frühmittelalterlichen und modernen Genomen aus Nord- und Süddeutschland gegenüber. Die Ergebnisse zeigen, dass bereits in der spätrömischen Phase – also noch vor dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft – auf Friedhöfen im heutigen Süddeutschland, etwa in Altheim bei Landshut oder in Büttelborn bei Darmstadt, Menschen bestattet wurden, deren genetische Herkunft im nördlichen Europa lag. „Das ist ein überraschender Befund. Auf den ersten Blick scheint er das etablierte Bild einer groß angelegten germanischen Wanderung zu bestätigen, doch unsere weiterführenden Analysen ergeben ein völlig anderes Bild“, erklärt Dr. Jens Blöcher, Populationsgenetiker an der JGU und einer der beiden Erstautoren der Studie.
Der andere Hauptautor, Dr. Leonardo Vallini, ebenfalls Populationsgenetiker an der JGU, ergänzt: „Menschen aus dem Norden waren bereits lange vor dem Ende des Weströmischen Reiches in kleinen Gruppen nach Süden gezogen und hatten dort schrittweise den römischen Lebensstil übernommen. Viele von ihnen lebten offenbar getrennt von der übrigen Bevölkerung, vermutlich als Landarbeiter. Sie heirateten weitgehend unter sich und behielten somit die genetische Signatur ihrer Vorfahren.“ Diese soziale Trennung könnte auf römische Regelungen zurückgehen: Fremden Gruppen wurde Land oft unter Auflagen, etwa Heiratsbeschränkungen, zugewiesen, um Integration zu steuern und gleichzeitig Kontrolle auszuüben.
Das Forschungsteam hat zudem zum ersten Mal die Bevölkerung eines römischen Kastells in Süddeutschland genetisch typisiert. Bei dieser römischen Zivil- und Militärbevölkerung handelte es sich um eine genetisch sehr heterogene Gesellschaft, die über Jahrhunderte Einflüsse aus ganz Europa und sogar aus Asien aufgenommen hatte.
Nach dem Ende des Weströmischen Reiches verschmolzen die beiden Bevölkerungsgruppen rasch miteinander
Joachim Burger, Seniorautor der Studie, beschreibt den Wandel, der ab 470 n. Chr. einsetzte, als einen entscheidenden Wendepunkt: „Mit dem Zusammenbruch der weströmischen Staatsstrukturen nahm die Unsicherheit zu und damit auch die Mobilität der Bevölkerung. Die Menschen, die zuvor in Städten, Gutshöfen oder Militärsiedlungen gelebt hatten, zogen infolge des Verlusts ihrer vertrauten römischen Ordnung ins Umland, wo sie auf Gruppen mit nordeuropäischen Wurzeln trafen. Beide Gruppen bildeten rasch neue Gemeinschaften und bestatteten ihre Toten fortan gemeinsam auf Reihengräberfeldern.“ Er fügt hinzu: „Es gibt also eine gewisse Kontinuität der Bevölkerungsteile aus der Spätantike, doch nun verschmelzen zuvor getrennte Gruppen miteinander.“
Das alte Bild einer germanischen Völkerwanderung ist überholt
Die neuen Befunde zeichnen nun ein Bild regionaler Mobilität und friedlicher Integration. „Unsere Ergebnisse bestätigen mit völlig neuen, naturwissenschaftlichen Daten, dass das traditionelle Bild einer germanischen Völkerwanderung mit großen, geschlossen wandernden Verbänden für unseren Untersuchungsraum schlichtweg falsch ist. Die genomischen Daten deuten vielmehr auf Bewegungen kleinerer Gruppen hin“, sagt Prof. Dr. Steffen Patzold, Mediävist an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Gemeinsam mit den Tübinger Althistorikern Prof. Dr. Mischa Meier und Prof. Dr. Sebastian Schmidt-Hofner hatte er die Studie initiiert.
Der Ursprung der europäischen Familie
Aus den Genomdaten konnten die Forschenden Stammbäume rekonstruieren und zeigen, wie sich in dieser demografisch turbulenten Zeit neue Familienverbände bildeten und gemeinsame Nachkommen entstanden. „Dass die beiden Gruppen so schnell begannen, untereinander zu heiraten und Kinder zu zeugen, deutet auf einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund hin“, erklärt Joachim Burger. „Dieses verbindende Element kann nur die spätrömische Kultur gewesen sein.“ Die beiden genetisch unterscheidbaren Bevölkerungsgruppen waren bereits durch das Zusammenleben im spätrömischen Imperium kulturell vernetzt, lange vor dem politischen Ende des Reiches.
Die analysierten Stammbäume offenbaren zudem präzise Rückschlüsse auf die Familienstrukturen jener Epoche: Die Haushalte bestanden überwiegend aus Kernfamilien, nicht aus weitverzweigten Clans. Ehen wurden monogam geschlossen, Verwandtenheiraten waren explizit ausgeschlossen, und die Abstammungslinien wurden sowohl über Töchter als auch über Söhne fortgeführt. „Diese Strukturen entsprechen Mustern, die wir bereits aus spätantiken Quellen kennen“, betont Steffen Patzold. „Sie belegen, wie nachhaltig spätrömische Sozialnormen ins Frühmittelalter hinübergerettet wurden und das gesellschaftliche Leben prägten. Genau in dieser Übergangsphase manifestierte sich das europäische Familiensystem, ein Modell, das bis in die Neuzeit hinein weite Teile des Kontinents prägen sollte.“
Genetische Wurzeln der Süddeutschen
Ab dem 7. Jahrhundert entwickelte sich aus diesen Prozessen eine Bevölkerung, die genetisch bereits der des heutigen Süddeutschlands sehr nahekommt. Dabei gewann der ursprünglich aus dem Norden stammende Anteil zunehmend an Bedeutung. Gemeinsam prägten beide Gruppen die genetische Grundstruktur der Region. „Hier lässt sich deutlich beobachten, wie aus den Umbrüchen der Spätantike allmählich die mitteleuropäische Bevölkerung hervorgeht, deren Grundzüge wir noch heute erkennen“, fasst Joachim Burger abschließend zusammen.
Die Studie wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Kolleg-Forschungsgruppe 2496 „Migration und Mobilität in Spätantike und Frühmittelalter“ der Eberhard Karls Universität Tübingen und durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert. Kooperationspartner sind: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Universität Freiburg (Schweiz), Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, hessenArchäologie – Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Musée de l´homme und Centre national de la recherche scientifique (CNRS), Paris, sowie weitere Partner in Deutschland, England, Spanien, Italien, Österreich, Serbien und der Schweiz.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Joachim Burger
Palæogenetics Group
Institut für Organismische und Molekulare Evolutionsbiologie
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz
Tel.: 06131 39-24489
E-Mail: jburger@uni-mainz.de
https://palaeogenetics-mainz.de/
Originalpublikation:
J. Blöcher et al., Demography and Life Histories across the Roman Frontier in Germany 400-700 CE, Nature, 29. April 2026,
DOI: 10.1038/s41586-026-10437-3,
https://www.nature.com/articles/s41586-026-10437-3
Weitere Informationen:
https://www.youtube.com/watch?v=Kawbj78IFV8 – Video: The Palaeogenetics Lab at Mainz University
https://presse.uni-mainz.de/bronzezeitliches-familiensystem-entschluesselt-mainzer-palaeogenetiker-analysieren-3-800-jahre-alte-grossfamilie/ – Pressemitteilung „Bronzezeitliches Familiensystem entschlüsselt: Mainzer Paläogenetiker analysieren 3.800 Jahre alte Großfamilie“ (22.08.2023)
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