Zwischen Atem und Erkenntnis: Die Geschichte der Luft
Philosoph und Chemiker Jens Soentgen zeigt in seiner Publikation, dass Luft weit mehr ist als ein unsichtbares Gasgemisch: Sie ist Lebensgrundlage, Kommunikationsraum und verbindendes Medium. Seine Darstellung spannt einen Bogen von antiken Windgöttern über die frühe Naturwissenschaft bis zur modernen chemischen Ökologie.
„Die Luft ist fast nichts, aber dieses Fast-Nichts hält alles zusammen“, sagt Prof. Dr. Jens Soentgen zu seiner im April 2026 erschienenen Publikation. Besonders fasziniert ihn die kommunikative Dimension der Luft: „Wir sprechen mit der Luft, das Sprechen ist nichts anderes als tönendes, artikuliertes Ausatmen.“ Auch akustische Kommunikation in der Natur – von Vögeln bis zu Walen und Delfinen – beruht meist auf Luft als Medium. Damit wird sie zu einer zentralen Voraussetzung für Sprache und Verständigung im Leben.
Luft in der Wissenschaftsgeschichte
Die biologischen Funktionen sind in der Luftforschung, die Soentgen bis zu den Anfängen bei den alten Griechen verfolgt hat, erst im 19. Jahrhundert in den Blick gekommen. Damals begannen einige Forscher, sich über die Bedeutung der Luft für die Kommunikation der Lebewesen Gedanken zu machen. Es entstand das interdisziplinäre Forschungsfeld der chemischen Ökologie, dessen Werden Jens Soentgen in seinem Buch rekonstruiert.
Auch die klassische Luftforschung des 17. und 18. Jahrhunderts hat Jens Soentgen aus den Quellen neu aufgearbeitet. In dieser Zeit wurden mit der Luftpumpe und einfachen Hilfsmitteln wie Schweinsblasen zahlreiche Gase entdeckt – darunter Sauerstoff, Kohlendioxid, Stickstoff und Methan. Dabei wurde deutlich, dass Luft nicht nur ein Gasgemisch, sondern ein gemeinsamer Atem- und Beziehungsraum ist, in dem Pflanzen und Tiere in einen wechselseitigen Lebenszyklus eingebunden sind.
Wind und kulturelle Deutung
Erfahrbar wird Luft vor allem als Wind: Das Unsichtbare wird durch Bewegung spürbar und tritt in Erscheinung. Schon in frühen Mythen wurde dieser bewegten Luft eine eigene Wirkmacht zugeschrieben. Die älteste Form menschlichen Luftdenkens war laut Soentgen nicht die Wissenschaft, sondern der Mythos: „Zuallererst machten die Menschen sich nicht Gedanken über etwas sehr Konkretes, über die Winde. Die wurden als Windgötter vorgestellt und verehrt.“ In dieser Perspektive verbindet sich beides: Luft als unsichtbarer Lebens- und Kommunikationsraum und Wind als ihre spürbare, kulturell und naturwissenschaftlich gedeutete Ausdrucksform.
„Luft“ als Element
Soentgens Arbeit zur Geschichte der Luft ist der dritte Teil einer Buchserie über die vier Elemente. Der Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg entwickelt in dieser Serie eine ökologische Naturphilosophie, die Feuer, Wasser, Erde und Luft aus ihrem Zusammenhang mit dem Leben neu versteht.
Festvortrag „Die Windgötter und ihr Weiterleben“
Einen Einblick in seine Forschung zur Kultur- und Wissenschaftsgeschichte der Luft gibt Professor Jens Soentgen in seinem Festvortrag mit dem Titel „Die Windgötter und ihr Weiterleben“ bei der Akademischen Jahresfeier (Dies Academicus) am Freitag, 8. Mai, um 11 Uhr. Medienvertreterinnen und Medienvertreter sind ausdrücklich eingeladen.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Jens Soentgen
Leitung Wissenschaftszentrum Umwelt
Telefon: +49 821 598 - 3560
jens.soentgen@wzu.uni-augsburg.de
Originalpublikation:
Jens Soentgen: Luft. Eine Entdeckungsreise zwischen Erde und Himmel, 302 Seiten, München C.H. Beck 2026.
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