Zu viele Bilder, zu wenig Nutzen: Projekt „Betti“ setzt auf bessere Entscheidungen in der ärztlichen Versorgung
Neue Studie zeigt Wege aus der Überdiagnostik bei Schmerzen am Bewegungsapparat – mit Unterstützung für Hausärzt*innen und Patient*innen
Bildgebung ist aus der modernen Medizin nicht wegzudenken – doch bei Schmerzen des Bewegungsapparats wird sie häufig zu oft und nicht zielgerichtet eingesetzt. Gerade bei Rückenschmerzen oder anderen Schmerzen am Bewegungsapparat führen Röntgen- oder MRT-Untersuchungen nicht immer zu besseren Diagnosen, sondern können Patient*innen verunsichern, unnötige Folgebehandlungen auslösen und erhebliche Kosten verursachen. Forschende der Universität Marburg um Dr. Nicole Lindner und Prof. Dr. Annika Viniol sprechen daher von einer strukturellen Überversorgung, die eine präzisere und evidenzbasierte Entscheidungsfindung dringend erforderlich macht.
Besser mit „Betti“
Im jetzt im Fachblatt „Implementation Science Communications“ veröffentlichten Paper stellen die Wissenschaftler*innen das Programm „Betti“ („Better Imaging“) vor (DOI: 10.1186/s43058-026-00949-4). Programm und Intervention wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und nach den Leitlinien des britischen Medical Research Council für komplexe Interventionen entwickelt. Grundlage waren eine umfassende Literaturauswertung, qualitative Interviews mit Patient*innen sowie Feedback von Expert*innen. Herausgekommen ist ein mehrstufiges Konzept: ein multimediales Training für Hausärzt*innen, ein leitlinienbasiertes Entscheidungssystem sowie verständlich aufbereitete Informationsmaterialien für Patient*innen, z.B. über die Webseite https://entscheidung-bildgebung.de. Erste Tests zeigen eine hohe Akzeptanz – machen aber auch deutlich, dass die Integration in die ärztliche Beratung entscheidend für den Erfolg ist.
Bessere Kommunikation
Das Projekt liefert damit wichtige Impulse über die konkrete Anwendung hinaus. „Betti“ zeigt exemplarisch, wie sich sogenannte „low-value care“, also medizinische Leistungen ohne oder mit nur wenig Nutzen, gezielt reduzieren lässt – nicht durch Verbote, sondern durch bessere Kommunikation, gemeinsame Entscheidungsfindung von Ärzt*in und Patient*in sowie strukturelle Unterstützung im Praxisalltag. „Angesichts des häufigen Auftretens solcher Schmerzen am Bewegungsapparat eröffnet der Ansatz das Potenzial, die allgemeinärztliche Versorgung nachhaltiger, patientenzentrierter und effizienter zu gestalten“, folgert Erstautorin Dr. Nicole Lindner aus den Studienergebnissen.
Bildtext: Dr. Nicole Lindner bespricht mit einer Patientin mit Beschwerden am Bewegungsapparat die verschiedenen Optionen von Diagnose und Therapie. Foto: Ole Fischer
Bild zum Download: https://www.uni-marburg.de/de/aktuelles/news/2026/theapiegespraech
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Nicole Lindner
Institut für Allgemeinmedizin
Philipps-Universität Marburg
Tel.: 06421 28-26513
E-Mail: nicole.lindner@uni-marburg.de
Originalpublikation:
Nicole Lindner, Annika Viniol et al, Implementation Science Communications (2026), DOI: 10.1186/s43058-026-00949-4
Weitere Informationen:
https://Entscheidungsfindung für Bildgebung: https://entscheidung-bildgebung.de
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