Klang von Klasse – Viadrina-Literaturwissenschaftlerin Dr. Jana Maria Weiß erhält Postdoc-Preis des Landes Brandenburg
Wie klingt Klasse? Was sagen Geräusche und ihre Wahrnehmung über Zugehörigkeit und soziale Ungerechtigkeit aus? Für ihre Beschäftigung mit diesen Fragen erhält die Literaturwissenschaftlerin Dr. Jana Maria Weiß von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) den Postdoc-Preis des Landes Brandenburg. Am heutigen Samstag, dem 9. Mai 2026, wurde sie im Rahmen vom Potsdamer Tag der Wissenschaften ausgezeichnet. Sie erhält den mit 20.000 Euro dotierten Preis für ihren Aufsatz „Class Listening mit Deniz Ohde. Über Sound, Klasse und Affekt in der Gegenwartsliteratur“ im Sammelband „Klassen. Gefühle. Erzählen“.
In ihrer preisgekrönten Arbeit entwickelt Jana Maria Weiß den Ansatz des „Class Listening“. Dabei verbindet sie die literaturwissenschaftliche Textanalyse mit Ansätzen aus den Sound Studies. Sie zeigt, wie Klassenunterschiede in literarischen Texten hörbar gemacht werden – auf der Ebene von Stimmen und Geräuschen, aber auch im Schweigen. „Ich habe meinen Ansatz ganz bewusst Class Listening genannt, um zu betonen, dass Klänge in literarischen Texten auch eine gesellschaftliche Dimension haben. Sound und Geräusche sind nie rein ästhetisches Klangmaterial. Sie sind eingebunden in soziale Ordnungen und tragen Affekte sozialer Ungleichheit mit sich“, erklärt die Literaturwissenschaftlerin. Die Methode lade auch dazu ein, literaturwissenschaftliche Kompetenzen bei der Analyse von gesellschaftlichen Diskursen einzusetzen: „Class Listening bedeutet auch, dass man auf Tonlagen achtet, auf Schweigen und auf Redeanteile. Wer spricht? Wie laut? Und wer bleibt dafür stumm?“
Die Auszeichnung mit dem Postdoc-Preis freue sie insbesondere, weil sie Aufmerksamkeit auf ein gesellschaftlich so relevantes Thema lenke. „Gerade jetzt, wo sich soziale Ungleichheit immer weiter verstärkt, ist es wichtig, sich über Klassenfragen Gedanken zu machen. Der Preis ist ein Anlass, über Klasse zu sprechen. Wenn das Menschen dazu anregt, einen der Romane zu lesen oder sich anderweitig mit sozialer Ungleichheit zu beschäftigen, wäre das aus meiner Sicht ein großer Gewinn“, so Jana Maria Weiß.
Prof. Dr. Eduard Mühle, Präsident der Europa-Universität Viadrina, sagt zu der Auszeichnung: „Ich gratuliere Jana Maria Weiß herzlich zu diesem wichtigen Preis und freue mich über die Würdigung ihrer herausragenden Forschungsergebnisse. Ihre Arbeit verdeutlicht eindrücklich die gesellschaftliche Relevanz und interdisziplinäre Anschlussfähigkeit, die die Forschung an der Viadrina hat.“
Wissenschaftsministerin Dr. Manja Schüle sagte anlässlich der Preisverleihung am heutigen Potsdamer Tag der Wissenschaften: „Wissen ist heute allgegenwärtig, doch eine geteilte Wirklichkeit wird zunehmend fraglich. KI, Algorithmen und Desinformation verändern, wie wir lernen, suchen und denken. Wissenschaft zielt auf das Gegenteil. Sie fragt nicht, was wir glauben wollen – sondern was tatsächlich der Fall ist. Und sie erlaubt Irrtum als Lernchance. Dafür stehen die heutigen Preisträgerinnen und Preisträger: Lehrende, die über ihr Fach hinausdenken. Und junge Forschende, die dabei sind, die Wissenschaft von morgen zu gestalten.“
Zur Person
Dr. Jana Maria Weiß ist Germanistin und erforscht aus interdisziplinärer Perspektive vor allem deutschsprachige Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts. Seit April 2025 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration an der Viadrina. Zuvor hat sie ihre Promotion zu Paul Celans Poetik der Mehrsprachigkeit an der Freien Universität Berlin abgeschlossen.
Die Forschungsinteressen von Jana Maria Weiß reichen von literarischer Mehrsprachigkeit und Übersetzung über Affekttheorie bis hin zu Sound Studies. In verschiedenen Projekten beschäftigt sie sich mit Archiven und Mediengeschichte, insbesondere der jungen Bundesrepublik. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit schreibt sie essayistische Texte und ist als Herausgeberin und Übersetzerin von Gegenwartslyrik tätig.
Originalpublikation:
https://www.degruyterbrill.com/de/document/doi/10.1515/9783111625188/html
Weitere Informationen:
https://www.europa-uni.de/de/universitaet/kommunikation/newsportal/2026/20260507-jana-maria-weiss-postdoc-preis/index.html
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