Forschende beobachten und steuern erstmals, wie sich Drehimpuls zwischen Schwingungen eines Kristallgitters überträgt
Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) hat erstmals direkt beobachtet, wie der Drehimpuls auf atomarer Ebene in einem Kristallgitter weitergegeben und erhalten wird. Mithilfe starker Terahertz-Laserimpulse konnten die Forschenden diese Dynamik gezielt steuern. Dabei entdeckten sie einen überraschenden Effekt: Bei der Übertragung kehrt sich die Drehrichtung um – verursacht durch die Rotationssymmetrie des Materials. Die in Nature Physics veröffentlichten Ergebnisse (DOI: 10.1038/s41567-026-03274-8) liefern neue Einblicke in die Grundlagen des Magnetismus und eröffnen Möglichkeiten zur gezielten Kontrolle von Quantenmaterialien.
Fundamentale Erhaltungsgrößen wie Energie, Impuls und der Drehimpuls bestimmen die Gesetze unserer Natur. Diese Größen bleiben in einem abgeschlossenen System stets erhalten und können weder erzeugt noch vernichtet, sondern nur umgewandelt oder übertragen werden. Während der Drehimpuls im Alltag etwa bei rotierenden Karussells oder beim Fahrradfahren anschaulich wird, spielt er auf Quantenebene eine zentrale Rolle – unter anderem als Ursprung des Magnetismus.
Ein lange offenes Rätsel der Physik
Bereits vor über 100 Jahren beobachteten Albert Einstein und Wander Johannes de Haas in einem berühmten Experiment, dass eine messbare Drehbewegung auslöst wird, wenn sich die Magnetisierung eines Materials ändert – und damit, dass magnetischer und mechanischer Drehimpuls miteinander verknüpft sind. Seitdem beschäftigt Forschende die Frage, wie sich der dabei entstehende Drehimpuls im Inneren eines Festkörpers verteilt, also wie er über das Kristallgitter – die regelmäßige Anordnung der Atome – weitergegeben wird.
Nun ist es einem internationalen Team von Physiker*innen aus Berlin, Dresden, Jülich und Eindhoven gelungen, diesen Prozess erstmals direkt zu beobachten. Die Forschenden zeigen, wie der Drehimpuls zwischen verschiedenen Gitterschwingungen – kollektiven Bewegungen der Atome im Kristall – übertragen wird. Damit liefern sie eine wichtige Grundlage, um zu verstehen, wie sich Magnetismus in Festkörpern einstellt und stabilisiert.
Gezielte Kontrolle des Drehimpulses mit Terahertz-Laserlicht
Darüber hinaus konnte das Team die Drehrichtung atomarer Kreisbewegungen mithilfe ultrastarker Laserimpulse im Terahertz-Spektralbereich gezielt kontrollieren. Diese unsichtbaren Laserimpulse steuern eine bestimmte Gitterschwingung auf eine Kreisbahn, während ein zweiter ultrakurzer Laserimpuls eine andere gekoppelte Schwingung des Kristalls abtastet. Dabei zeigte sich ein überraschender Effekt: Beim Übergang zwischen diesen Schwingungen kehrt sich die Richtung des Drehimpulses um.
Ursache dafür ist die besondere Rotationssymmetrie des Kristallgitters: Bestimmte Drehzustände sind darin physikalisch gleichwertig, auch wenn sie entgegengesetzte Drehrichtungen haben. Die experimentelle Beobachtung stellt damit einen direkten quantenmechanischen „Fingerabdruck“ der Drehimpulserhaltung im Festkörper dar.
Für das untersuchte Quantenmaterial Bismutselenid zeigt sich daher ein ungewohntes Bild: Die an die Gitterschwingungen gebundenen Drehimpulse – sogenannte Gitterdrehimpulse – können sich so kombinieren, dass eine Rotation mit doppelter Frequenz, aber umgekehrter Drehrichtung entsteht. Anschaulich entspricht dieses „1 + 1 = −1“ einem sogenannten Umklapp-Prozess, bei dem sich die Bewegungsrichtung durch die Symmetrie des Kristallgitters gewissermaßen umkehrt. Ein solcher Prozess konnte nun erstmals experimentell für Gitterdrehimpulse nachgewiesen werden.
„Ich finde es außerordentlich ästhetisch, wie physikalische Gesetze direkt durch die Symmetrien der Natur vorgegeben werden“, sagt Olga Minakova, Doktorandin am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft und federführende Experimentalphysikerin der Studie. Sebastian Maehrlein, Abteilungsleiter am Institut für Strahlenphysik des HZDR, Professor an der TU Dresden und Leiter der Studie, ergänzt: „Für mich sind das außergewöhnlich spannende Ergebnisse. Wir haben hier etwas fundamental Neues entdeckt, das hoffentlich in die Lehrbücher eingehen wird.“
Langfristig ebnen die Ergebnisse den Weg für die gezielte Steuerung ultraschneller Prozesse in Quantenmaterialien und könnten so neue Impulse für zukünftige Informationstechnologien und innovative Datenspeicher liefern.
Beteiligte Institute:
Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft (Berlin), Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, Technische Universität Dresden, Forschungszentrum Jülich, Technische Universität Eindhoven (Niederlande)
Publikation:
O. Minakova, C. Paiva, M. Frenzel, M. S. Spencer, J. M. Urban, C. Ringkamp, M. Wolf, G. Mussler, D. M. Juraschek, S. F. Maehrlein: Observation of angular momentum transfer among crystal lattice modes, in Nature Physics, 2026. (DOI: 10.1038/s41567-026-03274-8)
Weitere Informationen:
Prof. Sebastian F. Maehrlein | Leiter Hochfeld-THz getriebene Phänomene
Institut für Strahlenphysik am HZDR
Tel.: +49 351 260 2240 | E-Mail: s.maehrlein@hzdr.de
Medienkontakt:
Simon Schmitt | Leitung und Pressesprecher
Abteilung Kommunikation und Medien am HZDR
Tel.: +49 351 260 3400 | Mobil: +49 175 874 2865 | E-Mail: s.schmitt@hzdr.de
Das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) forscht auf den Gebieten Energie, Gesundheit und Materie. Folgende Fragestellungen stehen hierbei im Fokus:
• Wie nutzt man Energie und Ressourcen effizient, sicher und nachhaltig?
• Wie können Krebserkrankungen besser visualisiert, charakterisiert und wirksam behandelt werden?
• Wie verhalten sich Materie und Materialien unter dem Einfluss hoher Felder und in kleinsten Dimensionen?
Das HZDR entwickelt und betreibt große Infrastrukturen, die auch von externen Messgästen genutzt werden: Ionenstrahlzentrum, Hochfeld-Magnetlabor Dresden und ELBE-Zentrum für Hochleistungs-Strahlenquellen.
Es ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, hat sechs Standorte (Dresden, Freiberg, Görlitz, Grenoble, Leipzig, Schenefeld bei Hamburg) und beschäftigt fast 1.500 Mitarbeiter*innen – davon etwa 700 Wissenschaftler*innen inklusive 200 Doktorand*innen.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Sebastian F. Maehrlein | Leiter Hochfeld-THz getriebene Phänomene
Institut für Strahlenphysik am HZDR
Tel.: +49 351 260 2240 | E-Mail: s.maehrlein@hzdr.de
Originalpublikation:
O. Minakova, C. Paiva, M. Frenzel, M. S. Spencer, J. M. Urban, C. Ringkamp, M. Wolf, G. Mussler, D. M. Juraschek, S. F. Maehrlein: Observation of angular momentum transfer among crystal lattice modes, in Nature Physics, 2026. (DOI: 10.1038/s41567-026-03274-8)
Weitere Informationen:
https://www.hzdr.de/presse/pam
Ähnliche Pressemitteilungen im idw