Ein Liebesgedicht aus dem 15. Jahrhundert: Greifswalder Baltist deutet altpreußischen Fund neu
Petrus Wickeraus fünfundzwanzig Worte gehören zu den ältesten überlieferten Texten des Altpreußischen. Als das Manuskript 2013 entdeckt und veröffentlicht wurde, sprach die baltistische Fachwelt von einer Sensation. Die Quellenlage zum Altpreußischen ist dünn, jedes neue Zeugnis wiegt schwer. Von Anfang an wirkte der Greifswalder Baltist Prof. Dr. Stephan Kessler an der Wiederentdeckung und der ersten Übersetzung mit. Dreizehn Jahre später legt er nun eine Neuinterpretation vor. Sie erweitert den Blick auf Sprache, Kultur und Gesellschaft der Altpreußen und gibt der Forschung neue Impulse.
„Vor etwa dreizehn Jahren stand Wickeraus Manuskript zum Verkauf“, berichtet Kessler. Die Verkäufer baten den Experten Prof. Dr. Stephen Mossman von der Universität Manchester um eine Einschätzung. Wegen eines unklaren Zusatzes zog er Kessler hinzu. „Außer dass es sich um Altpreußisch handeln musste, war am Anfang nichts klar“, sagt der Greifswalder Forscher.
In seiner neuen Deutung weist Stephan Kessler nach, dass die fünfundzwanzig Worte kein zufälliger Eintrag sind, sondern ein Gedicht. Wickerau richtet es an einen unbekannten Adressaten. Kessler vermutet, dass es sich um den Auftraggeber der Abschrift handeln könnte. Beide kannten sich offenbar gut.
Liebe, Zurückweisung und zwei falsche Pferde
Das Gedicht spricht offen von Begehren und Zurückweisung: „du verlangtest nach meiner Liebe, / allein, du führtest nicht meine Zustimmung herbei.“ Der Zurückgewiesene habe sich, so heißt es weiter, „ein Stück weit getötet“. Wickerau rät ihm jedoch, nicht „im Leinengewand“ wie ein Büßer dazustehen, sondern sich zum Singen unter eine Linde zu stellen.
Am Ende steht ein sprachliches Bild: „Zwei falsche Pferde scheuen das Jagen.“ Zwei Menschen, die nicht zueinander passen, erreichen gemeinsam nichts. Inhalt und Tonfall heben das Textdenkmal deutlich von den übrigen altpreußischen Überlieferungen ab.
Das Gedicht findet sich am Schluss einer lateinischen Abschrift, die Petrus Wickerau 1440 auf Kreta vollendete. Über seine Person ist kaum etwas bekannt. Der eigenwillige altpreußische Zusatz war Fachleuten zwar aufgefallen, doch lange keiner Sprache zuzuordnen. Erst die jüngste Deutung erschließt seinen poetischen Charakter.
Weitere Informationen
Angaben zur Publikation: Kessler, Stephan: Neuinterpretation von Petrus Wickeraus altpreußischen Zeilen (1440). Greifswald (digitales Repositorium der UB) 2026. Freier Download: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:9-oa-000032
Zum Projekt: https://baltistik.uni-greifswald.de/portalseite-forschung/wickerau/
Webseite von Prof. Dr. Stephan Kessler: https://baltistik.uni-greifswald.de/institut/organisation/direktor-1/
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Prof. Dr. Stephan Kessler
Institut für Baltistik
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https://baltistik.uni-greifswald.de
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