Henrik Kaessmann erhält den Ernst Schering Preis 2026
Die Schering Stiftung verleiht den Ernst Schering Preis 2026 an Prof. Dr. Henrik Kaessmann vom Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg. Er erhält die mit 50 000 Euro dotierte Auszeichnung für seine wegweisenden Entdeckungen zur Evolution der Genregulation und zur Entstehung neuer Gene.
Der 1971 geborene Wissenschaftler zählt zu den einflussreichsten Evolutionsgenetikern seiner Generation. Mit seinen groß angelegten Genexpressionsanalysen beim Menschen und einer Vielzahl anderer Wirbeltiere – von Schimpansen über Maus und Schnabeltier bis hin zu Huhn und Fischen – hat Prof. Kaessmann fundamentale Beiträge zur Erforschung der Säugetierevolution geleistet. Grundlegend verändert hat er dabei insbesondere das Verständnis der evolutionären Ursprünge und der genetischen Steuerung von Organentwicklung und Organfunktion bei Wirbeltieren, einschließlich des Menschen. In seinen Arbeiten entschlüsselt Prof. Kaessmann, wie Gene in unterschiedlichen Zellen und Organen aktiviert und kontrolliert werden und schafft so auch wichtige Referenzrahmen für die biomedizinische Forschung.
Seine vergleichenden Datensätze und Analysen liefern grundlegende Vergleichsmaßstäbe und neue Ansatzpunkte für die Erforschung vielfältiger Erkrankungen insbesondere von Gehirn, Leber und Geschlechtsorganen. So hat seine Arbeit vielversprechende Kandidatengene aufgedeckt, die mit Krankheitsrisiken oder Fruchtbarkeit in Verbindung stehen können. Besonders hervorzuheben sind seine Studien zur Zelltyp-Diversifizierung im sich entwickelnden Säugetierhirn sowie seine Pionierarbeit zur Entstehung neuer Gene und ihrem Beitrag zur Evolution von Genexpressionsprogrammen.
„Mich begeistert besonders, dass uns solche Vergleiche erlauben, evolutionäre Veränderungen der Genregulation aufzuspüren, die menschenspezifische Merkmale mitgeprägt haben. Indem wir Genexpressionsprogramme von frühen Wirbeltier-Vorfahren bis zum Menschen nachzeichnen, konnten wir etwa solche Veränderungen identifizieren, die im Verlauf der Evolution zur Entwicklung unseres ungewöhnlich großen und komplexen Gehirns sowie zu menschenspezifischen Stoffwechsel- und Ernährungsanpassungen in der Leber beigetragen haben“, betont Henrik Kaessmann.
Bemerkenswert ist, dass Prof. Kaessmann in diesem Jahr gleich von zwei führenden Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen unabhängig voneinander für den Schering Preis nominiert wurde.
Nobelpreisträger Prof. Dr. Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, betonte in diesem Kontext: „Durch die bahnbrechende Entwicklung systematischer, artenübergreifender Analysen der Evolution von Genexpression hat Henrik Kaessmann unser Verständnis grundlegend erweitert, wie regulatorische Veränderungen und die Kräfte der natürlichen Selektion die Evolution wichtiger Organe – insbesondere des Gehirns, der Leber und der Gonaden – bei Wirbeltieren, einschließlich des Menschen, vorangetrieben haben.“
Unabhängig davon nominierte Prof. Dr. Stefan Pfister, Abteilungsleiter am Deutschen
Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Professor an der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg, den Preisträger. Kaessmanns Forschung integriere auf einzigartige Weise Evolutionsbiologie, Entwicklungsgenomik und molekulare Biologie und eröffne so neue konzeptionelle Wege zum Verständnis der Entstehung und Funktion komplexer biologischer Systeme. Pfister hob besonders hervor, dass Kaessmanns evolutionäre Einzelzellstudien zur Gehirnentwicklung erstmals einen Rahmen lieferten, der Zelltyp- Diversifizierung mit der Wirbeltier-Hirnentwicklung verknüpfe. Sie habe eine unmittelbare Relevanz für die Erforschung neuronaler Erkrankungen und von Hirntumoren bei Kindern, so der Wissenschaftler.
Prof. Dr. Max Löhning, Vorsitzender des Stiftungsrats der Schering Stiftung, begründet die Wahl des Preisträgers wie folgt: „Henrik Kaessmann steht für eine Wissenschaft, die Grenzen verschiebt – methodisch wie konzeptionell. Seine Forschung verbindet evolutionäre Grundlagenforschung mit medizinischer Relevanz auf eine Weise, die uns als Stiftung begeistert. Mit diesem Preis ehren wir nicht nur vergangene Leistungen, sondern auch eine wissenschaftliche Vision, von der wir noch viel erwarten.“
Der Preis wird am 17. November 2026 im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin verliehen.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Henrik Kaessmann
Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 330
69120 Heidelberg
Tel.: +49 (0)6221 54 5854 (Assistenz: 6850)
h.kaessmann@zmbh.uni-heidelberg.de
Originalpublikation:
https://www.zmbh.uni-heidelberg.de/Kaessmann/
Ähnliche Pressemitteilungen im idw