Kraftwerksstrategie: geplanter Zubau von Erdgaskraftwerken deutlich überdimensioniert
Der Zubau neuer Erdgaskraftwerke in Deutschland, den die Bundesregierung in ihrer Kraftwerksstrategie (StromVKG) vorsieht, ist unter konsequenter Berücksichtigung alternativer Flexibilitätsoptionen deutlich überdimensioniert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wuppertal Instituts im Auftrag von Greenpeace Deutschland: Flexible, klimafreundliche Optionen wie Strom- und Wärmespeicher, Energieeffizienz und flexible Biogaskraftwerke können Engpässe in der Energieversorgung kosteneffizient und zuverlässig ausgleichen – und dadurch den Bedarf an neuen Kraftwerken deutlich reduzieren, so die Autor*innen.
Wuppertal, 28. Mai 2026: Die Analyse mit dem Titel "Studie zur Lastabdeckung und Versorgungssicherheit in einem zukünftigen Energiesystem mit hohem Anteil von fluktuierenden erneuerbaren Energien" erweitert die Debatte um neue Gaskraftwerke – und zeigt einen klimafreundlichen Weg aus der Abhängigkeit von Öl und Gas: Ein Zusammenspiel verschiedener Flexibilitätsoptionen kann Schwankungen bei Wind- und Solarstrom zumindest mittelfristig zuverlässig ausgleichen. Die Forschenden analysieren in der Studie folgende Flexibilitätsoptionen als Alternativen zu steuerbaren Backup-Kraftwerken auf Erdgasbasis: gezielte Energieeffizienz auf Nachfrage- und Versorgungsseite, Demand Response in der Industrie, Batteriespeicher, flexible Elektrolyse, Geothermiekraftwerke, steuerbare Wärmepumpen, Power-to-Heat-Anlagen sowie die sogenannte Überbauung von Biogasanlagen, bei der die Kapazität der Anlagen deutlich erhöht wird, damit sie bei Bedarf sehr viel mehr Strom liefern können als im Normalbetrieb.
Dunkelflauten: neue steuerbare Kapazitäten nur selten als Backup nötig
Die in der Studie vorgestellten Flexibilitätsoptionen können auch sogenannte Dunkelflauten, also Zeiten, in denen weder Wind weht noch die Sonne scheint, bis zu fünf Tage überbrücken. Zusätzliche Backup-Kapazitäten werden erst bei noch längeren Dunkelflauten, die im Durchschnitt weniger als einmal pro Jahr auftreten, relevant für die sichere Stromversorgung in Deutschland. Energiesystemanalysen zeigen, dass bei solchen langen Ereignissen mit hoher Residuallast – also dem Teil der Last, der nicht durch erneuerbare Energien gedeckt wird – im Jahr 2035 voraussichtlich eine Versorgungslücke von rund 12 Gigawatt entsteht. Aber: Wie groß diese Lücke tatsächlich ausfällt und inwieweit sie durch steuerbare Gaskraftwerke ausgefüllt werden muss, hängt stark vom Ausbau der alternativen Flexibilitätsoptionen ab.
Energieeffizienz und alternative Flexibilitätsoptionen entlasten das Energiesystem und senken den Bedarf für neue Gaskraftwerke sowie die Kosten
Durch konsequente Umsetzung von Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz – vor allem Wärmedämmung für Gebäude und effiziente Industrie- und Beleuchtungsanlagen – sowie durch die Flexibilisierung von elektrischer Wärmeerzeugung lässt sich die Lücke deutlich verringern oder sogar schließen. Wenn dann noch weitere Backup-Kapazitäten benötigt werden, sollten sie vorrangig durch die Überbauung bestehender Biogasanlagen bereitgestellt werden. Zusätzliche Gas-Backup-Kraftwerke sollten nur gebaut werden, wenn sie in Zukunft vollständig auf grünen Wasserstoff umgestellt werden. So können Versorgungssicherheit und Klimaschutz gleichermaßen erreicht werden. Eine Umstellung auf Wasserstoff ist laut den Autor*innen ab etwa 2035 möglich.
Für die Jahre 2035 bis 2045 erwarten viele Langfristszenarien eine größere Deckungslücke – und damit einen höheren Bedarf an neuen Wasserstoff-Kraftwerken als Backup-Kapazitäten, unter anderem aufgrund des durch die Elektrifizierung ansteigenden Strombedarfs. Umso wichtiger ist vor diesem Hintergrund ein zielgerichteter und rechtzeitiger Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur.
"Unsere Ergebnisse zeigen: Es ist unsicher, ob neue Kapazitäten in dem Umfang, der von der Bundesregierung im Rahmen der Kraftwerksstrategie aktuell geplant wird, bis 2032 überhaupt schon benötigt werden," sagt Dr. Stefan Thomas, Leiter der Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut, und ergänzt: "Statt in der Ausschreibung primär auf neue Gaskraftwerke zu setzen, sollten wir vorrangig die großen Potenziale der alternativen Flexibilitätsoptionen für die Verringerung oder Deckung der Residuallast nutzen. Denn sie sparen nicht nur Kosten und sind vergleichsweise schnell umsetzbar, sie können neben der reinen Lastabdeckung auch viele weitere Beiträge leisten, die für eine sichere und effiziente Stromversorgung in Deutschland nötig sind, etwa die Bereitstellung von Regelleistung, Schwarzstartfähigkeit und Redispatch."
Die Studie steht über den folgenden Link kostenfrei zum Download bereit.
Pressemitteilung
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH
VisdP: Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick, Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer
Kontakt: Christin Hasken, Leitung Kommunikation und Pressesprecherin
Tel: +49 202 2492-187
E-Mail: pr@wupperinst.org
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Stefan Thomas
Leiter der Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut
Tel: +49 202 2492-143
E-Mail: stefan.thomas@wupperinst.org
Originalpublikation:
https://www.greenpeace.de/publikationen/Greenpeace_Flexibilitaet-statt-fossiles-Gas.pdf (Flexibilität
statt fossiles Gas
Studie zur Lastabdeckung und Versorgungssicherheit in
einem zukünftigen Energiesystem mit hohem Anteil von
fluktuierenden erneuerbaren Energien)
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