Studie untersucht Alterseffekte bei schulischen Diagnosen sowie ADHS
Durch die Einschulungsstichtage können Kinder innerhalb derselben Klassenstufe fast ein Jahr Altersunterschied aufweisen. Gerade im Kindesalter entspricht dies erheblichen Entwicklungsunterschieden. Eine Studie der Bergischen Universität Wuppertal zeigt nun, dass diese relativen Altersunterschiede einen systematischen Einfluss darauf haben, ob Kinder als sonderpädagogisch förderbedürftig eingestuft oder mit ADHS diagnostiziert werden.
Die Forschenden Prof. Dr. Janka Goldan vom Institut für Bildungsforschung und Dr. Franz G. Westermaier vom Wuppertaler Institut für bildungsökonomische Forschung (WIB) der Bergischen Universität Wuppertal analysierten Daten von mehr als 67.000 Schüler*innen der vierten und neunten Klassen aus den bundesweiten IQB-Bildungstrends. Untersucht wurde, welchen Einfluss das sogenannte relative Alter hat – also ob ein Kind innerhalb seiner Klassenstufe zu den älteren oder jüngeren gehört.
Wahrscheinlichkeit für Diagnosen bei relativ jüngeren Kindern deutlich höher
Das Ergebnis: Kinder, die innerhalb ihres Jahrgangs zu den jüngsten gehören, werden signifikant häufiger als sonderpädagogisch förderbedürftig eingestuft. Besonders deutlich zeigt sich dies in den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung. Für die Schüler*innen der vierten Klasse lag die Wahrscheinlichkeit einer entsprechenden Einstufung um rund 21 Prozent höher, in der neunten Klasse sogar um bis zu 27 Prozent.
Auch bei ADHS – der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – zeigen sich signifikante Unterschiede. Viertklässler*innen, die zu den jüngsten ihrer Klassenstufe gehören, erhalten etwa 52 Prozent häufiger eine ADHS-Diagnose als ältere Kinder desselben Jahrgangs.
Relative Altersunterschiede beeinflussen diagnostische Entscheidungen
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass bei diagnostischen Entscheidungen nicht nur tatsächliche Lern- und Verhaltensmerkmale eine Rolle spielen, sondern auch das relative Alter eines Kindes innerhalb der Klassenstufe“, erklärt Janka Goldan. „Jüngere Kinder können insbesondere in der Grundschulzeit im Vergleich zu älteren Mitschüler*innen eher als unaufmerksam, impulsiv oder lernschwächer wahrgenommen werden, obwohl solche Unterschiede häufig entwicklungsbedingt und altersgemäß sind.“
Für ihre Untersuchung nutzten die Forschenden ein statistisches Verfahren, das sich die unterschiedlichen Einschulungsstichtage zwischen den Bundesländern zunutze macht, wodurch ein quasi-experimentelles Design entsteht. Dadurch konnten sie den ursächlichen Einfluss des relativen Alters auf diagnostische Entscheidungen bestimmen.
Diagnosen können Bildungswege langfristig prägen
Ein sonderpädagogischer Förderstatus oder eine ADHS-Diagnose kann dazu beitragen, dass Kinder gezielte Unterstützung erhalten. Gleichzeitig können solche Entscheidungen langfristige negative Folgen für Bildungsbiografien haben, etwa durch veränderte Erwartungen, Stigmatisierung oder schulische Laufbahnentscheidungen.
„Was zunächst ein normaler Entwicklungsunterschied zwischen jüngeren und älteren Kindern ist, kann durch diagnostische Entscheidungen langfristige Auswirkungen auf den weiteren Bildungsweg haben“, sagt Franz G. Westermaier.
Forschende fordern stärker entwicklungsorientierte Diagnoseverfahren
Die Forschenden sprechen sich daher für stärker entwicklungsorientierte und standardisierte Diagnoseverfahren aus. Entscheidungen über sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf oder ADHS sollten nicht auf subjektiven Einschätzungen beruhen, sondern das Alter eines Kindes im Verhältnis zu seinen Mitschüler*innen ausdrücklich berücksichtigen. Darüber hinaus empfehlen sie unabhängige multiprofessionelle Diagnostik und Förderkonzepte, die sich an den individuellen Bedürfnissen und der Entwicklung der Kinder orientieren.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Janka Goldan
School of Education
Telefon 0202/439-60072
E-Mail goldan@uni-wuppertal.de
Originalpublikation:
https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/00144029261441922
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