Resilienz: Bemerkenswerte Widerstandskraft von Kriegskindern des Zweiten Weltkriegs
Menschen, die in ihrer Kindheit stark von den Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs in Deutschland betroffen waren, unterscheiden sich im höheren Erwachsenenalter weder in ihrer psychischen noch in ihrer körperlichen Gesundheit von Gleichaltrigen, die weniger stark betroffen waren. Das zeigt eine neue Studie der Universität Greifswald, die im Journal of Personality and Social Psychology erschienen ist. Auch bei den erwachsenen Kindern der Kriegsgeneration fanden die Forschenden keine Anzeichen einer Weitergabe negativer Auswirkungen.
„Unsere Ergebnisse sprechen für eine überraschend hohe Resilienz der damaligen Kinder“, sagt Studienleiterin Dr. Theresa Entringer vom Institut für Psychologie der Universität Greifswald. „Sie geben Hoffnung, dass frühe, extrem belastende Erfahrungen nicht zwangsläufig zu dauerhaften Beeinträchtigungen führen müssen.“
Innovativer Forschungsansatz: Historische Bombadierungsdaten verknüpft mit Langzeitstudie
Das Team verzichtete auf rückblickende Befragungen, die für Erinnerungsverzerrungen anfällig sind. Stattdessen verknüpfte es historische Zerstörungsdaten von rund 1700 Gemeinden mit dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), einer der größten Langzeitstudien weltweit. Wie stark die Orte, in denen die damaligen Kinder lebten, bombardiert und zerstört wurden, diente als objektives Maß dafür, wie stark sie in ihrer frühen Kindheit Kriegserfahrungen ausgesetzt waren.
Rund 2000 Kriegskinder, die zur Zeit der Bombardierungen 0 bis 15 Jahre alt waren, wurden im Jahre 2012, also 67 Jahre nach Kriegsende, zu Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden und Gesundheit befragt. Dazu kamen Daten von 1800 Kindern der Kriegskinder, die zur Zeit der Befragung etwa 52 Jahre waren.
Hohe Resilienz statt dauerhafter Schäden
Das zentrale Ergebnis: Zwischen dem Ausmaß der Bombardierungen in der Kindheit und der psychischen oder körperlichen Verfassung im hohen Alter zeigte sich kein negativer Zusammenhang. In einer Teilstichprobe berichteten stärker vom Krieg betroffene Personen sogar eine leicht bessere psychische Gesundheit. Auffällig war zudem, dass Menschen aus stärker zerstörten Regionen später im Leben tendenziell besser ausgebildet waren und ein höheres Einkommen erzielten. Auch in der nachfolgenden Generation – den Kindern der Kriegskohorten – fanden sich keine Hinweise auf negative Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit, selbst wenn beide Elternteile während des Krieges dem Risiko von Bombardierungen ausgesetzt waren.
Die Forschenden führen die Ergebnisse unter anderem auf die Resilienz der damaligen Kriegskinder zurück – also die Fähigkeit, nach extremen Belastungen innere Stärke und Stabilität wiederzufinden. Über den Zeitraum von mehr als 60 Jahren könnten zudem spätere Lebenserfahrungen die Auswirkungen früh erlebter Traumata abgeschwächt haben – im Sinne der lebenslangen Plastizität menschlicher Entwicklung.
„Denkbar ist auch, dass Personen aus stärker bombardierten Gemeinden in Umgebungen aufgewachsen sind, die durch eine ,Überlebenskultur‘ geprägt waren“, ergänzt Dr. Entringer. „In diesen Gebieten könnten ein engerer sozialer Zusammenhalt und zusätzliche finanzielle Mittel für Wiederaufbau und Bildung, langfristig förderliche Bedingungen geschaffen haben. Dies verdeutlicht die Bedeutung von Resilienzförderung – durch soziale Netzwerke, Bildung und andere finanzielle Investitionen, die stabile Lebensbedingungen fördern.“
Relevanz für aktuelle Konflikte
Fast jedes fünfte Kind auf der Welt wächst in Krisen- und Konfliktgebieten auf. Angesichts dieser erschreckenden Zahl ist es von Bedeutung, die langfristigen Folgen für die Gesundheit und das Wohlbefinden besser zu verstehen. Die Studie relativiert keinesfalls die akuten Traumata des Krieges. Sie stellt jedoch die Annahme infrage, dass schwere frühe Kriegserfahrungen zwangsläufig zu lebenslangen Schäden führen müssen, die an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. „Entscheidend sind Nachkriegsbedingungen wie Unterstützung, Bildung und Sicherheit“, so Entringer.
Weitere Informationen
Publikation: Entringer, T. M., Halbmeier, C., Buchinger, L., & Reitz, A. K. (2026). Within-nation variation in war exposure and psychological and physical adjustment. Journal of Personality and Social Psychology. Advance online publication. https://dx.doi.org/10.1037/pspp0000601
Ansprechpartnerin an der Universität Greifswald
Dr. Theresa M. Entringer
Personality Psychology & Psychological Assessment
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theresa.entringer@uni-greifswald.de
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