Wie Bildungsinnovationen dauerhaft wirken
Forschende der Uni Jena stärken inklusive Bildungsarbeit an Berufsbildenden Schulen
Jährlich gelingt derzeit etwa 250.000 Jugendlichen der direkte Übergang von der Schule in eine Berufsausbildung nicht. Besonders häufig betrifft das Schülerinnen und Schüler mit einem besonderen Förderbedarf. Viele von ihnen wechseln zunächst in das sogenannte Übergangssystem, wo Berufsbildende Schulen sie noch einmal ein Jahr lang gezielt auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz vorbereiten.
Um die Inklusion in diesem Bereich zu stärken, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler inzwischen eine Vielzahl an Bildungsinnovationen entwickelt und in der Praxis erprobt. Doch nicht immer gelingt es, diese auch langfristig in den Schul- und Unterrichtsalltag zu integrieren. Wirtschaftspädagoginnen und -pädagogen der Friedrich-Schiller-Universität Jena wollen deshalb in den kommenden drei Jahren gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Universitäten Paderborn und Rostock erforschen, wie sich der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis erfolgreicher gestalten lässt. Das Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend fördert das neue Projekt „Inklusion vor Ort“ (IvO) mit rund 800.000 Euro.
„Wir erleben häufig, dass Forschungsprojekte gute und effektive Bildungsinnovationen hervorbringen, die aber ihre Wirkung nicht nachhaltig entfalten können, da es nicht gelingt, sie strukturell zu verankern“, erklärt Prof. Dr. Petra Frehe-Halliwell von der Universität Jena. „Die Partnerinnen und Partner aus der Praxis setzen sich zwar mit den neuen Konzepten auseinander und erproben sie auch – nach dem Ende des Projekts bleiben aber oft weder Zeit noch Mittel, um die Erfahrungen aufzuarbeiten, die Inhalte weiterzuentwickeln, zielgruppenspezifisch anzupassen und sie so langfristig an den entsprechenden Institutionen zu etablieren.“
Die eigenen Stärken freilegen
Damit das in Zukunft besser gelingt, wollen die Forschenden im neuen Projekt die Gelingensbedingungen für den Transfer genau analysieren. Als praktischer Bezug dient ihnen dabei das Vorgängerprojekt „Selbstinszenierungspraktiken als Zugang zu einer selbstbestimmten, multimodalen Kompetenzfeststellung für (aus-)bildungsbenachteiligte Jugendliche“ (SeiP). Darin erarbeiteten die Forschenden Instrumente für eine entwicklungsförderliche Kompetenzerfassung, die nicht Defizite in den Mittelpunkt stellen, sondern vielmehr Stärken, Fähigkeiten und Potenziale sichtbar machen. „Die eigenen Stärken für sich freilegen zu können, ist eine anspruchsvolle Reflexionsfähigkeit“, sagt die Jenaer Wirtschaftspädagogin. „Die Jugendlichen sollen sich intensiv mit sich auseinandersetzen und dann Selbstbewusstsein und Sicherheit aus dem schöpfen, was sie erkannt haben.“
An der Lebenswelt der Jugendlichen orientieren
Die Forschenden erarbeiteten im Rahmen von SeiP gemeinsam mit Berufsbildenden Schulen und anderen Bildungseinrichtungen Formate, die an der Lebenswelt und dem Alltag der Schülerinnen und Schüler anknüpfen. So analysierten die Jugendlichen etwa, wie sie sich auf einem Selfie in den sozialen Medien präsentieren, wie sie sich in Chats und Sprachnachrichten ausdrücken und welche Rolle sie im Schulalltag einnehmen. Die individuellen Ergebnisse präsentierten sie dann auf kreative Weise beispielsweise durch Business-Sedcards, Selbstporträts, Videos oder andere künstlerische Ausdrucksformen.
Das Konzept, bei dem die Bedarfe der Jugendlichen im Zentrum stehen und das auf eine nachhaltige Persönlichkeitsentwicklung setzt, haben sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrkräfte sehr gut angenommen. Nun gilt es zu ergründen, wie sich die Ideen unkompliziert und langfristig an Schulen integrieren lassen. „Das SeiP-Rahmenkonzept ist ein relativ offener Transfergegenstand, da es kein vorgefertigtes Lernprogramm liefert, das man Schritt für Schritt implementiert. Jede Schule kann hier eigenständig herausarbeiten, was zu den gegebenen Bedingungen passt und welchen Fokus sie setzen möchte“, sagt Petra Frehe-Halliwell. „Dieser große Gestaltungsspielraum hilft dabei, sich das Konzept zu eigen zu machen und es langfristig in der Schule zu verankern.“
Erst Gelsenkirchen, dann auch Thüringen
Welche weiteren Bedingungen erfüllt sein müssen, beispielsweise welche Hürden dem möglicherweise im Weg stehen und welche Akteurinnen und Akteure welche Rolle spielen – das gilt es nun im Folgeprojekt herauszufinden. Zunächst wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Umsetzung in einem Berufskolleg in Gelsenkirchen und später an weiteren Einrichtungen, etwa auch in Thüringen, analysierend begleiten. Darüber hinaus wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein Studien- und Weiterbildungskonzept einschließlich entsprechender Materialien entwickeln, um die Inhalte des SeiP-Projekts auch in die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften zu integrieren.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Petra Frehe-Halliwell
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Jena
Carl-Zeiß-Straße 3, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 943330
E-Mail: petra.frehe@uni-jena.de
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