Konjunktur aktuell: Konjunktur zwischen Energiekrise und KI-Boom
Die deutsche Wirtschaft befand sich bis zum Ausbruch der Energiekrise auf Erholungskurs. Aber nur wenn sich der Golfkonflikt entspannt und die Energiepreise nicht weiter steigen, wird sich die Erholung im Laufe des Jahres 2026 fortsetzen. Das ist in der vorliegenden Sommerprognose des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) unterstellt. In diesem Fall dürfte die Produktion in diesem und im folgenden Jahr um 0,9% zunehmen. Ähnliche Expansionsraten sind auch für Ostdeutschland zu erwarten. Im März waren die IWH-Konjunkturforscher für die deutsche Wirtschaft von einem Zuwachs von 0,7% für 2026 und 1% für 2027 ausgegangen.
Der Golfkonflikt hat die Energiepreise in die Höhe getrieben und die Verbraucherpreise weltweit steigen lassen. Der Angebotsausfall von Erdöl wird derzeit durch einen Abbau der Lager und nur zu einem geringen Teil durch geringeren Verbrauch kompensiert, denn es wird damit gerechnet, dass die Straße von Hormus im Lauf des Sommers wieder befahrbar wird. Daneben gibt der KI-Boom der Weltkonjunktur weiterhin kräftige Impulse. Ostasien stellt viele der für die Künstliche Intelligenz benötigten Kapitalgüter zur Verfügung, investiert wird in die Anlagen nicht nur, aber zu einem großen Teil in den USA. Was die Konjunktur vielerorts zusätzlich stützt, sind erhöhte Investitionen in Waffensysteme sowie in erneuerbare Energien. Dämpfend werden dagegen vielerorts Zinserhöhungen als Reaktion auf gestiegene Inflationsraten wirken. Auch bleibt die Binnennachfrage in China schwach, und die Wirtschaft im Euroraum hat mit dem harten Wettbewerbsdruck durch chinesische Anbieter und den US-Zollerhöhungen zu kämpfen.
Zu Jahresbeginn schien sich für die deutsche Wirtschaft ein moderater Aufschwung abzuzeichnen. Im ersten Quartal legte die Produktion recht deutlich zu. Ausschlaggebend dafür war eine Zunahme der Exporte, vor allem in europäische Nachbarländer. Ob 2026 ein Aufschwungsjahr wird, scheint im Sommer aber wieder sehr zweifelhaft. Denn die gestiegenen Energiepreise erhöhen auch hierzulande die Produktionskosten der Unternehmen und belasten die Einkommen der privaten Haushalte, und die drohende Energiekrise nagt an der wirtschaftlichen Zuversicht. Auch ist die Zahl der Erwerbstätigen schon seit vergangenem Sommer leicht rückläufig, im Verarbeitenden Gewerbe hat sich der Beschäftigungsabbau sogar beschleunigt. Dass es wohl trotzdem zu keinem konjunkturellen Einbruch kommt, liegt auch an der expansiven Ausrichtung der Finanzpolitik. So dürfte der öffentliche Konsum weiter deutlich ausgeweitet werden, und die öffentlichen Investitionsprogramme werden die Bauinvestitionen steigen lassen. Bei den Exporten stehen die Chancen gut, dass es nach drei Jahren Rückgang wieder zu einem leichten Anstieg kommt. Denn die letztjährigen Zollerhöhungen der USA dürften sich nicht wiederholen, und die Ausfuhren in die europäischen Nachbarländer steigen tendenziell. Die privaten Konsumausgaben dürften, zusammen mit den real verfügbaren Einkommen, leicht ausgeweitet werden.
„Das wesentliche Risiko für die Weltwirtschaft wie auch für die deutsche Konjunktur liegt im ungewissen Fortgang des Golfkonflikts“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des IWH. Sollte die Straße von Hormus den Sommer über geschlossen bleiben, würde Erdöl noch wesentlich teurer werden, und es wäre mit höheren Inflationsraten und Zinssätzen zu rechnen. Auch wäre ein Rückschlag für die deutschen Exporte wahrscheinlich. Unter diesen Bedingungen würde die deutsche Wirtschaftsleistung im Jahr 2026 bestenfalls stagnieren. „Darüber hinaus bringt die Implementierung der Künstlichen Intelligenz Aufwärts- und Abwärtsrisiken mit sich“, ergänzt Oliver Holtemöller. Es besteht die Chance, dass KI die gesamtwirtschaftliche Produktivität deutlich erhöht. Kurzfristig könnten die Abwärtsrisiken überwiegen, etwa aufgrund von Arbeitsplatzverlusten, auch für Personen mit recht hoher Qualifikation.
Die Langfassung der Prognose enthält zwei Kästen:
Kasten 1: Künstliche Intelligenz und Arbeitsmarkt: erste Evidenz und aktuelle Entwicklungen: https://www.iwh-halle.de/fileadmin/user_upload/press/press_releases/iwh-press-release_2026-17_Kasten1.pdf
Kasten 2: Zur Schätzung des Produktionspotenzials: https://www.iwh-halle.de/fileadmin/user_upload/press/press_releases/iwh-press-release_2026-17_Kasten2.pdf
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Professor Dr. Oliver Holtemöller
Tel +49 345 7753 800
oliver.holtemoeller@iwh-halle.de
Originalpublikation:
Drygalla, Andrej; Exß, Franziska; Gutsch, Alexandra; Heinisch, Katja; Holtemöller, Oliver; Kämpfe, Martina; Kozyrev, Boris; Lindner, Axel; Mukherjee, Sukanya; Sardone, Alessandro; Schultz, Birgit; Zeddies, Götz: Konjunktur zwischen Energiekrise und KI-Boom. IWH, Konjunktur aktuell, Jg. 14 (2), 2026. Halle (Saale) 2026.
Weitere Informationen:
https://www.iwh-halle.de/fileadmin/user_upload/publications/konjunktur_aktuell/Konjunktur-aktuell_2026-2.pdf
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