Zwischen Demografie, Digitalisierung und Bürokratieabbau: Wo Sachsen-Anhalts Agrarpolitik ansetzen muss
Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt brachte das IAMO rund 50 Vertreter:innen aus dem Agrarsektor, der Wissenschaft sowie Verbände und Verwaltung zusammen, um über die zentralen Herausforderungen für Landwirtschaft und ländliche Räume zu diskutieren. Der Agrardialog fand am 2. Juni 2026 in Halle (Saale) statt und beschäftigte sich mit der Frage, welche politischen Weichen in der kommenden Legislaturperiode gestellt werden müssen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Themen Fachkräftesicherung, Digitalisierung sowie die Frage, wie Nachhaltigkeitsziele erreicht werden können, ohne zusätzliche bürokratische Belastungen für landwirtschaftliche Betriebe zu schaffen.
Zum Auftakt der Veranstaltung skizzierte IAMO-Direktor Prof. Dr. Alfons Balmann die vielfältigen Herausforderungen, vor denen die Landwirtschaft derzeit steht. Neben steigenden Anforderungen im Klima-, Umwelt- und Tierschutz verändern technologische Innovationen, geopolitische Unsicherheiten und der demografische Wandel die Rahmenbedingungen für landwirtschaftliche Betriebe grundlegend.
„Die Debatte wird oft als Gegensatz zwischen Umwelt- und Produktionszielen geführt. Tatsächlich müssen wir Wege finden, beides gleichzeitig zu stärken. Dafür brauchen wir Innovationen, geeignete Rahmenbedingungen und die Bereitschaft, Wandel aktiv zu gestalten“, sagte Balmann.
Fachkräfte sichern und ländliche Räume stärken
Die erste Diskussionsrunde widmete sich den Folgen des demografischen Wandels und dem zunehmenden Fachkräftemangel. Ein Vergleich der Parteiprogramme zur Landtagswahl zeigte, dass alle relevanten politischen Akteure die Sicherung von Fachkräften und die Entwicklung ländlicher Räume als zentrale Zukunftsaufgabe betrachten. Unterschiede bestehen vor allem bei den vorgeschlagenen Lösungsansätzen. Aus Sicht der landwirtschaftlichen Praxis macht sich der Fachkräftemangel bereits heute deutlich bemerkbar. Gesucht werden Mitarbeitende in nahezu allen Bereichen – vom Feldbau über die Tierhaltung bis hin zu technischen und administrativen Tätigkeiten.
„Der Fachkräftemangel ist längst kein Zukunftsthema mehr. Viele Betriebe spüren die Auswirkungen bereits heute in nahezu allen Arbeitsbereichen“, erklärte Kathrin Beberhold, Vizepräsidentin des Landesbauernverbandes Sachsen-Anhalt und geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Burgscheidungen.
Die Diskutierenden waren sich einig, dass attraktive Arbeitsbedingungen, gute Bildungs- und Betreuungsangebote sowie leistungsfähige Infrastrukturen entscheidend dafür sind, Menschen langfristig für ländliche Regionen zu gewinnen und dort zu halten. Auch Migration wurde als wichtiger Baustein zur Deckung des zukünftigen Arbeitskräftebedarfs diskutiert.
Digitalisierung: Technik vorhanden, Prozesse oft nicht
In der zweiten Session stand die Digitalisierung der Landwirtschaft und der Verwaltung im Mittelpunkt. Moderne Technologien wie GPS-gesteuerte Maschinen, Farmmanagementsysteme oder Sensortechnik gehören in vielen Betrieben bereits zum Alltag. Gleichzeitig wurde deutlich, dass digitale Potenziale häufig durch fehlende Schnittstellen und komplexe Verwaltungsabläufe begrenzt werden. Die Teilnehmenden forderten einen konsequenten Ausbau digitaler Infrastrukturen, offene Datenstandards sowie die stärkere Vernetzung bestehender Systeme. Ein wiederkehrendes Thema war dabei das sogenannte Once-Only-Prinzip, bei dem Daten nur einmal erfasst und anschließend mehrfach genutzt werden können. Einigkeit bestand darin, dass Prozesse zunächst vereinfacht und anschließend digitalisiert werden sollten. Digitalisierung könne nur dann zur Entlastung beitragen, wenn bestehende Verwaltungsabläufe grundlegend verbessert werden.
Nachhaltigkeit und Bürokratieabbau gemeinsam denken
Die dritte Diskussionsrunde beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Nachhaltigkeitszielen und bürokratischen Anforderungen. Vertreter:innen aus Landwirtschaft, Naturschutz und Verwaltung berichteten von langwierigen Genehmigungsverfahren, umfangreichen Dokumentationspflichten und teilweise widersprüchlichen Regelungen. Diskutiert wurden unter anderem ergebnisorientierte Förderansätze, die stärker auf tatsächlich erreichte Umweltwirkungen abzielen, sowie einfachere Verfahren und klarere Zuständigkeiten in der Verwaltung.
Viele Lösungen sind bekannt
Trotz unterschiedlicher Perspektiven zeigte die Diskussion in vielen Punkten bemerkenswerte Übereinstimmungen. Verwaltungsverfahren sollten vereinfacht, digitale Prozesse besser miteinander verknüpft und Genehmigungen beschleunigt werden. Gleichzeitig braucht es Investitionen in Bildung, Qualifizierung und Infrastruktur, um die Attraktivität ländlicher Räume langfristig zu stärken.
Der Agrardialog machte deutlich, dass zahlreiche Lösungsansätze bereits bekannt sind. Die zentrale Herausforderung besteht nun darin, diese konsequent umzusetzen. Vor dem Hintergrund der Landtagswahl 2026 wird es darauf ankommen, die notwendigen politischen und administrativen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Landwirtschaft und ländliche Räume den anstehenden Wandel erfolgreich gestalten können.
Über das IAMO
Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.
Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO)
Theodor-Lieser-Straße 2
06120 Halle (Saale)
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