Rückläufige Absolvent:innenzahlen im dualen System, Wachstum bei Schulberufen, ungleicher Zugang, hohe Abbruchquoten
Aktuelle SOFI-Ergebnisse aus dem heute erschienenen nationalen Bildungsbericht
zeigen Trends und bleibende Herausforderungen in der beruflichen Ausbildung:
Zahl der Anfänger:innen und Absolvent:innen im dualen System rückläufig +++ Angebots-Nachfrage-Relation wieder deutlich unter 100 bei gleichzeitig hoher Zahl unbesetzter Stellen und unversorgter Bewerber:innen +++ Anfänger:innenzahlen im Schulberufssystem auf Höchststand, insbesondere auf Anstieg in Pflegeberufen zurückzuführen +++ Soziale Ungleichheiten beim Ausbildungszugang und Abschluss bestehen fort +++ Hohe Quote vorzeitiger Vertragslösungen verweist auf Strukturprobleme +++
Immer weniger junge Menschen beginnen eine duale Ausbildung. Während die Nachfrage nach Ausbil-dungsplätzen steigt, geht das betriebliche Angebot weiter zurück. Nur noch 19 Prozent der Betriebe mit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bilden aus – ein neuer Tiefstand, vor allem durch eine rück-läufige Beteiligung von Klein- und Kleinstunternehmen bedingt. Folglich standen im Jahr 2025 bundes-weit für 100 Bewerber:innen lediglich rund 95 Ausbildungsstellen zur Verfügung, mit deutlichen Unterschieden nach Region und Berufsfeld. „Die rückläufigen Vertragszahlen bei gleichzeitig steigender Nachfrage sowie unbesetzten Stellen zeigen, dass das System derzeit nicht ausreichend in der Lage ist, Angebot und Bedarf zusammenzubringen“, resümiert Prof. Susan Seeber. „Es geht längst nicht mehr nur um ein Mengenproblem, sondern um strukturelle Ungleichgewichte.“ Neben regionalen Unterschieden spielen hierfür betriebliche Rahmenbedingungen, Qualifikationen der Bewerbenden und unterschiedliche berufliche Präferenzen eine Rolle.
Gleichzeitig gewinnt das Schulberufssystem weiter an Bedeutung. Mit knapp 233.000 Anfänger:innen wurde 2025 der höchste Stand seit 20 Jahren erreicht. Allerdings zeigen sich auch hier Entwicklungen, die die Fachkräftesicherung erschweren könnten. „Im Erziehungsbereich steigen die Zahlen in niedrigschwelligen Ausbildungen der Kinderpflege und Sozialassistenz, während die Anfängerzahlen in der Erzieher:innenausbildung zurückgehen“, erläutert Dr. Maria Richter. „Gerade dort besteht jedoch ein besonders hoher Fachkräftebedarf - nicht zuletzt aufgrund des eingeführten Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung.“ Zudem stellt die zunehmend heterogene Zusammensetzung der Auszubildenden die Ausbildungseinrichtungen vor neue Herausforderungen. Vor allem in den Bereichen Sprache, Kommunikation und Lernkompetenz wachse der Bedarf an Unterstützungsangeboten.
Die Chancen auf eine vollqualifizierende Ausbildung unterscheiden sich deutlich. Dies wird sichtbar am steigenden Anteil junger Menschen, die zunächst in Maßnahmen des Übergangssektors einmünden. Der Schulabschluss bleibt ein zentraler Faktor für den Zugang zu einer Ausbildung. Auch nichtdeutsche Jugendliche sind trotz steigender Beteiligung weiterhin benachteiligt. „Besonders kritisch ist die Situation für junge Menschen mit sonderpädagogischen Förderbedarf“, betont Prof. Susan Seeber. „Ihre Übergänge in die Ausbildung sind unzureichend dokumentiert, und sie sind häufig auf wenige, oft theoriereduzierte Ausbildungsangebote beschränkt. Hinzu kommen Stigmatisierungserfahrungen, etwa durch den Besuch von Förderschulen. Dadurch steigt das Risiko, dauerhaft ohne Ausbildung oder Beschäftigung zu bleiben.“
Neben dem Zugang bleibt auch die Stabilität von Ausbildungsverläufen eine wesentliche Herausforderung. Fast jede dritte duale Ausbildung wird vorzeitig beendet. „Vertragslösungen sind kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Merkmal“, erklärt Dr. Maria Richter. „Sie hängen mit schulischen Leistungen, sozialer Herkunft, betrieblichen Rahmenbedingungen, regionaler Wirtschaftskraft und berufsspezifischen Kompromissen zusammen. Die steigenden Vertragslösungsquoten zeigen, dass Verbesserungsbedarf in der Berufsorientierung besteht, aber auch eine Begleitung von Auszubildenden während der Ausbildung und bei einem etwaigen Abbruch erforderlich ist. Denn vorzeitige Abbrüche erschweren nicht nur individuelle Bildungsbiografien, sie können auch Fachkräfteengpässe verschärfen.“
Trotz eines neuen Tiefstands von 492.000 beruflichen Ausbildungsabschlüssen bleibt die berufliche Ausbildung ein zentraler Baustein für den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Die Beschäftigungs-perspektiven für Absolvent:innen sind weiterhin gut. Dies zeigt sich sowohl in hohen Übernahmequoten durch Ausbildungsbetriebe als auch in einer niedrigen Arbeitslosenquote.
Die Befunde verdeutlichen insgesamt einen wachsenden Handlungsbedarf zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses. Zwar wurden bereits Maßnahmen wie Berufsorientierungspraktika, die Neuausrichtung der Assistierten Ausbildung oder erweiterte Möglichkeiten der Aufnahme einer außerbetrieblichen Ausbildung eingeführt. „Doch erreichen diese Maßnahmen bislang nicht alle Zielgruppen gleichermaßen“, resümiert Prof. Susan Seeber.
Den aktuellen Bildungsbericht mit weiteren Informationen finden Sie unter:
www.bildungsbericht.de
Über den nationalen Bildungsbericht:
Der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“ wird von einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftler:innen erstellt, die folgende Einrichtungen vertreten: Das DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (Federführung), das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE), das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) an der Georg-August-Universität Göttingen sowie die Statistischen Ämter des Bundes (StBA) und der Länder (vertreten durch das Hessische Statistische Landesamt). Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) fördern die Erarbeitung des Berichts.
Weitere Informationen und Kontakt:
Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen
(SOFI) e.V.
an der Georg-August-Universität
Friedländer Weg 31
37085 Göttingen
Wissenschaftliche Ansprechpartnerin
Dr. Maria Richter
Telefon: +49 551 52205-0
E-Mail: maria.richter@sofi.uni-goettingen.de
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Jennifer Villarama
Telefon: +49 551 52205-19
E-Mail: jennifer.villarama@sofi.uni-goettingen.de
www.sofi.uni-goettingen.de
Georg-August-Universität Göttingen
Professur für
Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung
Platz der Göttinger Sieben 5
37073 Göttingen
Wissenschaftliche Ansprechpartnerin
Prof. Dr. Susan Seeber
Telefon: +49 551 39-244 21
E-Mail: susan.seeber@uni-goettingen.de
www.uni-goettingen.de
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(SOFI) e.V.
an der Georg-August-Universität
Friedländer Weg 31
37085 Göttingen
Dr. Maria Richter
Telefon: +49 551 52205-0
E-Mail: maria.richter@sofi.uni-goettingen.de
Georg-August-Universität Göttingen
Professur für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung
Platz der Göttinger Sieben 5
37073 Göttingen
Prof. Dr. Susan Seeber
Telefon: +49 551 39-244 21
E-Mail: susan.seeber@uni-goettingen.de
Weitere Informationen:
https://www.bildungsbericht.de/de
https://www.sofi.uni-goettingen.de
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