Gesundheitsversorgung nach häuslicher und sexualisierter Gewalt: Diversitätssensibles Konzept für bessere Zugänge
Der Gesundheitsbereich ist eine der ersten Anlaufstellen für Betroffene von häuslicher und sexualisierter Gewalt. Er kann dazu beitragen, gesundheitliche Folgen frühzeitig zu erkennen, Verletzungen angemessen zu behandeln und den Zugang zu weiterführender Unterstützung zu erleichtern. Doch vielerorts sind die Angebote nicht ausreichend an den Bedarfen orientiert. Im Forschungsprojekt WesBe untersucht nun ein Team der Hochschule Fulda, wie sich die Gesundheitsversorgung aus Perspektive der Betroffenen weiterentwickeln lässt. Berücksichtigt werden vor allem Gruppen, deren Lebenslagen durch komplexe Problemkonstellationen geprägt sind und die eine erhöhte Vulnerabilität aufweisen.
Zahlreiche Studien belegen, dass Gewalt eine erhebliche Bedrohung für die Gesundheit darstellt und häufig körperliche wie psychische Folgen nach sich zieht. Um langfristige gesundheitliche Beeinträchtigungen zu verhindern, ist es daher zentral, Gewalt frühzeitig zu erkennen und Verletzungen angemessen zu behandeln. Dafür müssen Betroffene Zugang zu einer adäquaten gesundheitlichen Versorgung haben.
Das Fuldaer Forschungsteam um die beiden Projektleiterinnen Professorin Dr. Daphne Hahn und Professorin Dr. Regina Brunnett geht davon aus, dass in Deutschland relevante Versorgungslücken bestehen. Besonders vulnerable Gruppen würden im Hilfesystem oft nicht erreicht, obwohl sie nachweislich häufiger von Gewalt betroffen sind. Entsprechend ungleich seien die Chancen auf eine angemessene gesundheitliche Versorgung nach häuslicher und sexualisierter Gewalt.
Intersektionaler Ansatz: Mehrfachbelastungen im Blick
Ziel des Forschungsprojekts WesBe – Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung nach häuslicher und sexualisierter Gewalt unter Einbeziehung der Betroffenenperspektive – ist es, die gesundheitliche Versorgung nach Gewalt aus der Perspektive der Betroffenen mit einem intersektionalen Ansatz zu analysieren, Versorgungslücken zu erkennen und Ansätze für eine bedarfsgerechte und diversitätssensible Weiterentwicklung der gesundheitlichen Versorgung zu erarbeiten.
Der Fokus richtet sich vor allem auf betroffene Frauen mit Migrationshintergrund, körperlicher Behinderung, niedrigem sozialökonomischem Status sowie hohem Lebensalter; ebenso werden Erfahrungen von Männern berücksichtigt. Treffen mehrere der gesellschaftlich benachteiligenden Faktoren zusammen, kann dies zu einer besonders vulnerablen Lebenslage führen So sind etwa Frauen mit einer Behinderung zwei- bis dreimal häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt.
Erfahrungen aus der Praxis: Gefühl der Fremdbestimmung
„Wir wissen aus bisherigen Projekten in Hessen, dass Versorgungsangebote häufig nicht bekannt sind oder als unpassend empfunden werden; dass Betroffene in der medizinischen Versorgung oftmals ein Gefühl der Fremdbestimmung erleben, ähnlich den Kontroll- und Machtmustern in ihrer Gewaltbeziehung; und dass es insbesondere im ländlichen Raum nur wenige auf Gewalt spezialisierte Gesundheitsversorgungsangebote gibt“, sagt Professorin Dr. Daphne Hahn.
Hinzu kommen strukturelle Schwächen: Betroffenen müssen die Nachsorge vielfach selbst organisieren, weil Kooperationen zwischen Kliniken und dem niedergelassenen Bereich fehlen. Zudem bleiben Kontakte im Rahmen von Routineuntersuchungen häufig ungenutzt, da Gewalterfahrungen nicht angesprochen werden.
Drei Schritte für eine bessere Versorgung:
Die Arbeit des Projektteams erfolgt in drei aufeinander aufbauenden Stufen. Zunächst werden institutionalisierte Versorgungsangebote nach häuslicher und sexueller Gewalt erfasst und analysiert. Darauf aufbauend führt das Team Interviews mit Betroffenen und wertet sie aus einer intersektionalen Perspektive aus. Einbezogen werden insbesondere Menschen mit körperlichen Behinderungen, mit niedrigem sozio-ökonomischem Status, Menschen im höherem Alter sowie mit Migrationsgeschichte. Auf dieser Grundlage erarbeitet das Forschungsteam abschließend in einem partizipativen Prozess mit Betroffenen und Expert:innen konsensbasierte Handlungsempfehlungen für eine diversitäts- und bedürfnisorientierte Gesundheitsversorgung nach häuslicher und sexueller Gewalt.
„Wenn gesundheitliche Folgen von Gewalt früh erkannt und Betroffene gezielt unterstützt werden, können Chronifizierungen, psychische Belastungen und wiederholte Inanspruchnahmen von Gesundheitsleistungen reduziert werden. Eine gute Versorgung – insbesondere auch von vulnerablen Gruppen – hilft damit nicht nur den Betroffenen, sondern entlastet langfristig auch die sozialen Sicherungssysteme", betont Professorin Dr. Daphne Hahn.
Gefördert wird das Forschungsprojekt „WesBe – Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung nach häuslicher und sexualisierter Gewalt unter Einbeziehung der Betroffenenperspektive“ aus Mitteln des Innovationsfonds zur Förderung von Versorgungsforschung mit 489.000 Euro. Es läuft noch bis Januar 2029.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Professorin Dr. Daphne Hahn
Hochschule Fulda, Fachbereich Gesundheitswissenschaften
daphne.hahn@gw.hs-fulda.de
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