Schlaf-Apps & Wearables: DGSM-Experte Dr. Hans-Günter Weeß warnt im Pressegespräch vor falschen Versprechen
Im Online-Pressegespräch anlässlich des Aktionstags „Erholsamer Schlaf“ der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin e.V. (DGSM) stand das Thema „Sport und Schlaf“ sowie die zunehmende Bedeutung digitaler Angebote zur Schlafoptimierung im Mittelpunkt. Dabei wurde deutlich: Der Markt für Schlaftracker, Wearables und sogenannte „Sleep Hacks“ boomt – doch der wissenschaftliche Nutzen vieler dieser Produkte ist begrenzt.
Der Markt für Schlaftracker, Wearables und sogenannte „Sleep Hacks“ boomt – doch der wissenschaftliche Nutzen vieler dieser Produkte ist fraglich. Anlässlich des diesjährigen Aktionstags „Erholsamer Schlaf“ der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin e.V. (DGSM) warnt Dr. Hans-Günter Weeß, Referent der Fortbildungsakademie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), vor Fehlentwicklungen im boomenden Markt technischer Schlafhilfen. Während Millionen Menschen auf technische Lösungen setzen, bleiben valide Diagnostik und wirksame Therapie häufig auf der Strecke.
Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnie) zählen zu den häufigsten Erkrankungen, so Schlafforscher Hans-Günter Weeß. Epidemiologische Studien zeigen, dass zwischen 6 und 10 Prozent der Bevölkerung an einer behandlungsbedürftigen Insomnie leiden. Nach internationalen Studien leiden mehr als 70 Prozent der Betroffenen länger als ein Jahr und fast 50 Prozent länger als drei Jahre an dieser Erkrankung. Das sind mindestens 5 Millionen Bundesbürger. Da wundert es nicht, dass in Deutschland, je nach Studie zwischen 1,1 und 1,9 Millionen Menschen Schlafmittel einnehmen und sich an diese gewöhnt haben.
Insomnien sind mit zahlreichen Einschränkungen in Bezug auf das psychosoziale Leistungsvermögen, die Gesundheit und die Lebensqualität verbunden. Es konnte gezeigt werden, dass bis zu 1,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland (ca. 50 Milliarden Euro) infolge von Insomnien als volkswirtschaftlicher Schaden jährlich entstehen. Die Insomnie ist weiterhin assoziiert mit einer erhöhten Anzahl von Arbeits- und Verkehrsunfällen. Die chronische Insomnie ist ein Risikofaktor für die Entwicklung psychischer Störungen und in unbehandelter Form stellt sie bei Depressionen und Alkoholabhängigkeit ein erhöhtes Rückfallrisiko dar. Weiterhin geht die Insomnie mit einem ungünstigeren Krankheitsverlauf bei chronischen Schmerzen einher. Chronische Insomnien erhöhen zudem das Risiko für körperliche Volkskrankheiten, wie z.B. Herz-Kreislauf und Stoffwechselerkrankungen.
Milliardenmarkt Schlaf
Da wundert es nicht, dass viele Menschen nach Hilfe suchen. Es werden Milliarden ausgegeben für technische Schlafhilfen. Laut aktuellen Marktstudien werden bis zum Jahr 2030 ungefähr 100 bis 130 Milliarden US-Dollar für technische Schlafhilfen ausgegeben. Viele Projekte, für die Investoren gesucht werden, versprechen einen besseren Schlaf, einen verbesserten Start in den Tag oder mehr Leistungsvermögen und Wohlbefinden durch eine bessere Schlafqualität.
Viele Sleeptracker und Apps auf dem Markt werden zur Vermessung des eigenen Schlafes angeboten. Manche sollen die Diagnose von Schlafstörungen, wie beispielsweise das krankhafte Schnarchen (Schlafapnoe) ermöglichen. Zu den Gadgets, die für einen besseren Schlaf sorgen sollen, gehören Kuschel-Schlafroboter, die synchron mit den Schlafenden atmen, Gewichtsdecken, Lichtmetronome, Lichtwecker, Stirnbänder zur Stimulation der Gehirnströme, intelligente Schlafmatten und vieles mehr. Alle suggerieren den Käufer:innen die Auflösung von Schlafproblemen, einen tiefen und festen Schlaf sowie mehr Leistungsvermögen am Tage.
Allerdings sind die allerwenigsten dieser Gadgets wissenschaftlich erprobt und in ihrer Wirksamkeit evaluiert. Viele Nutzer:innen sind nach dem Kauf enttäuscht. „Bei vielen Schlaftrackern und Apps handelt es sich im eigentlichen Sinne um Steinzeitmethoden der Schlafforschung“, so Hans-Günter Weeß, Referent der Fortbildungsakademie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Sie vermitteln aufgrund ihrer Erscheinungsform einen hochtechnischen und wissenschaftlichen Charakter. Viele beruhen aber im eigentlichen Sinne auf der Analyse der Bewegungshäufigkeit und nutzen häufig als einziges Biosignal den Puls.
Mit diesen Parametern können aber nicht, wie häufig suggeriert, valide Aussagen zur Schlafqualität getroffen werden. Studien haben vielmehr gezeigt, dass sich mit diesen Parametern lediglich orientierende Aussagen zur Gesamtschlafmenge, die Einschlafzeit und nächtlichen Wachphasen treffen lassen. „Würde es sich dabei um valide Parameter zur Analyse des Schlafes handeln, würden wir diese längst in der schlafmedizinischen Praxis einsetzen“, so Weeß. Zudem wurden die meisten Validierungsstudien zu Smartwatches und vergleichbaren Wearables an gesunden Personen durchgeführt. Daher eignen sich diese Geräte eher als Wellness-Produkte, nicht jedoch für medizinische Diagnosen. Dies hat bereits zu regulatorischen Konflikten mit Behörden wie der US-amerikanischen FDA geführt, etwa bei Herstellern, die Funktionen zur Blutdruckmessung in Smartwatches bewerben.
Wenn Schlaftracking krank macht
In gewisser Weise bergen diese Methoden auch Risiken in sich. Menschen, welche Ihren Schlaf tracken, um diesen zu optimieren, entwickeln laut Studien in 14 oder mehr Prozent der Fälle eine Verstärkung ihrer Schlafstörung, eine sogenannte Orthosomnie. Diese resultiert zum einen aus einer verstärkten Selbstbeobachtung und Selbstoptimierung des eigenen Schlafvermögens und wirkt in der Konsequenz häufig anspannungs- und in der Folge schlafstörungsverstärkend. Weiterhin verlassen sich viele Menschen nicht mehr auf das eigene Körpergefühl am Morgen, sondern schauen erst auf das Ergebnis des Schlaftrackers und fühlen sich dann entsprechend. Darüber hinaus können die Geräte aufgrund ihrer fehlenden Genauigkeit Menschen mit Schlafstörungen einen gesunden Schlaf attestieren, sodass diese keine weitere Hilfe in Anspruch nehmen. Anderseits ist es möglich, dass Menschen mit einem gesunden Schlaf ein nicht erholsamer Schlaf attestiert wird, was diese wiederum verunsichern kann.
Wenn man den Schlafgadgets einen Vorteil zuschreiben möchte, dann die Tatsache, dass sie darauf aufmerksam machen, wie wichtig und bedeutsam der Schlaf für den Menschen ist. In unserer Gesellschaft wird der Schlaf häufig viel zu wenig geschätzt, was man an Schimpfwörtern wie Schnarchnase und Schlafmütze ablesen kann.
Dabei können digitale Methoden mit Anwendung in der heimischen Umgebung durchaus die Behandlung von Menschen mit Schlafstörungen wirksam unterstützen. Die DGSM fordert aus diesem Grunde moderne wissenschaftlich evaluierte Methoden, welche medizinischen, diagnostischen und therapeutischen Standards für die Behandlung von Menschen mit Schlafstörungen entsprechen.
Weitere Informationen:
https://www.dgsm.de/gesellschaft/aktionstag/dgsm-aktionstag-erholsamer-schlaf-2026 – Weitere Details zum DGSM-Aktionstag Erholsamer Schlaf 2026
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