Bildungspolitischer Handlungsbedarf in der Weiterbildung – nationaler Bildungsbericht 2026
17. Juni 2026. Der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“ ist erschienen. Schwerpunktthema sind Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft. Der Bericht beleuchtet die Entwicklung des Bildungssystems u.a. unter den Bedingungen von fortschreitender Digitalisierung, Zuwanderung und angespannter Haushaltslagen bei Kommunen, Ländern und Bund.
Das Bildungssystem in Deutschland komme trotz zahlreicher Reformen kaum voran, so die Bilanz von Prof. Dr. Kai Maaz, Sprecher der Gruppe der Autorinnen und Autoren, bei der Vorstellung des Berichts am vergangenen Montag. So blieben soziale Ungleichheiten im gesamten Bildungsverlauf bestehen, der Fachkräftemangel verschärfe sich. Gleichzeitig brächten Zuwanderung, Inklusion, Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel steigende Herausforderungen in allen Bildungsbereichen mit sich, die sich überlagerten und verstärkten. Damit werde eine übergreifend koordinierte, langfristig angelegte Bildungssteuerung mit klaren Zielen dringlicher denn je.
Für die Weiterbildung bedeutet das: Zu den übergreifenden bildungspolitischen Herausforderungen zählen die Verbesserung und die dauerhafte Sicherung institutioneller Strukturen und finanzieller Rahmenbedingungen. Die Bundesregierung verfolgt das Ziel, die Weiterbildungsbeteiligung bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern. Angesichts der zuletzt im Jahr 2022 erhobenen Teilnahmequote von 54 Prozent ist dieses Ziel als ambitioniert zu bewerten.
So ist das Weiterbildungsengagement von Betrieben trotz eines von ihnen selbst konstatierten hohen Weiterbildungsbedarfs weiterhin gebremst und liegt nach wie vor unter dem Niveau von 2019. Gleichzeitig steigt bereits ab dem mittleren Erwerbsalter der Anteil der Personen, die seit längerem nicht mehr an Weiterbildung teilgenommen haben, deutlich an. Besonders gering Qualifizierte bleiben in der non-formalen Weiterbildung unterrepräsentiert, was für internetgestützte Lernaktivitäten in noch stärkerem Maße gilt. Zudem haben kompensatorische Bildungsangebote wie der Zweite Bildungsweg in den letzten 20 Jahren an Bedeutung verloren und auch die höherqualifizierende Berufsbildung ist in Teilen immer noch rückläufig.
Hinzu kommt, dass sich die Integrationschancen für Zugewanderte und Geflüchtete aufgrund haushaltspolitischer Entscheidungen zwischenzeitlich verschlechtert haben. Künftig soll gezielte Deutschsprachförderung nur noch Personen mit Bleibeperspektive zugutekommen. Der Bereich Alphabetisierung und Grundbildung findet trotz hoher Bedarfe weiterhin nicht die nötige Aufmerksamkeit und bleibt strukturell unterfinanziert.
Zusammenfassend muss man konstatieren, dass die ambitionierte Zielsetzung, die Weiter-bildungsbeteiligung deutlich zu steigern, noch nicht in eine konsistente weiterbildungspolitische Strategie übersetzt wurde.
Unklar ist in der Weiterbildung auch, wie die Weiterentwicklung von Qualität bei begrenzten Ressourcen gesichert werden kann. Dabei sind qualifizierte Lehrkräfte unverzichtbar für eine qualitativ gute Weiterbildung. Das Herrenberg-Urteil von 2022 hat jedoch zu erheblicher Unsicherheit bei frei- sowie nebenberuflichen Lehrkräften und auch bei Weiterbildungsanbietern geführt. Wenn die Weiterbildung zur Sicherung des Fachkräftebedarfs beitragen soll, muss sie zunächst selbst ihren Beschäftigten attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Die Beschäftigungsbedingungen weichen aber zum Teil deutlich von den Erwartungen der Lehrkräfte ab. Besonders deutlich wird dies in öffentlich finanzierten Angebotsbereichen. Hier sind Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik gefragt, ihren Handlungsspielraum zu nutzen, um attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen, die sowohl stabile als auch flexible und rechtlich sichere Beschäftigungsbedingungen ermöglichen. Ansonsten könnten sich bereits bestehende Rekrutierungsprobleme verschärfen.
Eine weitere, dauerhaft zu bewältigende Aufgabe für die Weiterbildung besteht darin, die digitale Transformation zu gestalten. Onlinelernaktivitäten nehmen in der Bevölkerung insgesamt weiter zu, sind jedoch nach wie vor sozial ungleich verteilt. Insbesondere Personen mit geringer formaler Bildung sowie Personen ab 55 Jahren nehmen seltener an Onlinekursen teil und verzichten häufiger auf digitale Lernmaterialien. Dazu tragen fehlende Digitalkompetenzen bei, die in den letzten Jahren zwar verbreiteter sind, bei einigen Bevölkerungsgruppen jedoch weiterhin nur sehr gering ausgeprägt sind. Vor diesem Hintergrund ist eine das gesamte Erwachsenenalter umfassende Strategie zur Förderung digitaler Kompetenzen, abgestimmt zwischen Bund und Ländern, dringend angezeigt.
Herausfordernd bleibt die unübersichtliche Finanzierung der Weiterbildung. Daher präsentiert das DIE im Bildungsbericht 2026 erstmals einen Indikator zur Finanzierung der Weiterbildung aus öffentlichen und privaten Mitteln. Über die Finanzierung von Weiterbildung regelmäßig zu berichten, ist auch deshalb bedeutsam, weil kurzfristige Kürzungen, wie im Gesamtprogramm Sprache durch das Innenministerium, mittelfristig zu höheren Sozialausgaben von Bund und Ländern und langfristig geringeren Steuereinnahmen führen können. Damit werden zugleich das komplexe Gefüge, in dem sich die Weiterbildung befindet, und der gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellenwert deutlich. Der Bericht zeigt u.a., dass auch die Teilnehmenden selbst in hohem Maße zur Gesamtfinanzierung der Weiterbildung beitragen. Bildungspolitisch wird aktuell noch kaum beachtet, wie die Finanzierung nicht nur der Weiterbildung, sondern des lebenslangen Lernens insgesamt auf den Staat, die Unternehmen, die Korporationen und Verbände sowie die Individuen verteilt werden kann und soll.
Ob es unter den aktuellen Voraussetzungen gelingt, sowohl die Beteiligung zu steigern als auch soziale Ungleichheiten abzubauen und die Qualität der Angebote nachhaltig zu sichern, wird maßgeblich davon abhängen, inwieweit politische Strategien langfristig angelegt, bedarfsgerecht finanziert, ressortübergreifend abgestimmt und stärker auf bislang weniger erreichte Gruppen sowie den nachhaltigen Aufbau professioneller Strukturen ausgerichtet werden.
„Die Weiterbildungspraxis“, so Prof. Dr. Josef Schrader, „hat in den vergangenen Jahrzehnten unter Beweis gestellt, dass sie schnell und verlässlich zur Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels beitragen kann, auch wenn Veränderungen disruptiv verlaufen. Sie stößt inzwischen aber unübersehbar an Grenzen, da unzureichende institutionelle und finanzielle Rahmenbedingungen sowie teils dysfunktionale Governance-Strukturen ihre Handlungsmöglichkeiten einschränken, auch weil Projektförderung noch nicht hinreichend mit notwendigen strukturellen Reformen verknüpft wird.“
Über den nationalen Bildungsbericht:
Der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“ wird von einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftler*innen erstellt, die folgende Einrichtungen vertreten: Das DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (Federführung), das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE), das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) an der Georg-August-Universität sowie die Statistischen Ämter des Bundes (StBA) und der Länder (vertreten durch das Hessische Statistische Landesamt). Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) fördern die Erarbeitung des Berichts.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Josef Schrader https://www.die-bonn.de/institut/mitarbeitende/josef-schrader
Jonathan Kohl https://www.die-bonn.de/institut/mitarbeitende/3014
Originalpublikation:
www.bildungsbericht.de
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