Junge Engagierte unter Druck
Eine aktuelle Studie von Dr. Gunda Voigts, Professorin für Kinder- und Jugendarbeit an der HAW Hamburg, zeigt: Für junge Menschen wird es zunehmend schwieriger, sich ehrenamtlich zu engagieren. Dagegen formulieren die Autor*innen zwölf Handlungsempfehlungen.
Hamburg, 17. Juni 2026. Jugendverbände sind wichtige Orte gesellschaftlicher Teilhabe: Hier übernehmen junge Menschen Verantwortung, sie organisieren Gemeinschaft und gestalten demokratisches Miteinander. Doch für viele wird es zunehmend schwieriger, sich ehrenamtlich zu engagieren, wie eine jetzt veröffentlichte Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) zeigt.
„Ehrenamtliches Engagement junger Menschen in Jugendverbänden. Ein Praxisforschungsprojekt zur Zukunft von Jugendverbandsarbeit nach Corona“, so der Titel der Studie, durchgeführt gemeinsam mit dem Deutschen Bundesjugendring (DBJR) und gefördert von der Stiftung Jugendmarke e. V. „Junges Engagement steht unter Druck, das zeigen die empirischen Daten deutlich“, resümiert Prof. Dr. Gunda Voigts, Leiterin der Studie und Professorin für Kinder- und Jugendarbeit an der HAW Hamburg.
Zwar erlebten junge Menschen ihr Engagement als sinnstiftend und bereichernd, etwa wenn sie Projekte mit Kindern und Jugendlichen eigenständig gestalteten und dafür positive Rückmeldungen erhielten. Doch zugleich fehle es ihnen häufig an Zeit, Unterstützung und gesellschaftlicher Anerkennung. „Sie engagieren sich mit großer Motivation, sehen sich aber durch Schule, Studium und steigende Anforderungen zunehmend eingeschränkt“, so Voigts.
Die Studie basiert auf einem breiten methodischen Ansatz: Die Autor*innen haben Gruppendiskussionen mit Jugendleiter*innen und Expert*inneninterviews durchgeführt, bundesweite JULEICA-Daten (Jugendleiter*in-Card) ausgewertet und 1.389 junge Engagierte im Alter von 15 bis 27 Jahren online befragt. Die benennen deutliche Hindernisse: fehlende Freiräume, hohe bürokratische Hürden, ungleiche Zugangschancen sowie wachsende pädagogische Anforderungen. Diese Spannungen haben sich seit der Corona-Pandemie weiter verschärft, so die Studie.
„Jugendverbände müssen neue Wege finden, um junge Menschen für langfristiges Engagement zu gewinnen“, betont Voigts. „Dazu brauchen sie aber auch den Rückenwind aus Politik und Gesellschaft, um verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen.“ Daniela Broda, Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings, ergänzt: „Die Studie macht sichtbar, was wir in der Praxis seit Jahren beobachten. Sie liefert eine wichtige Grundlage, um die Interessen junger Engagierter stärker in politische Entscheidungen einzubringen.“
Auf Basis der empirischen Ergebnisse formulieren die Autor*innen zwölf Handlungsempfehlungen für die Zukunft des Engagements junger Menschen – von mehr zeitlichen Freiräumen und gesellschaftlicher Anerkennung über bessere Förderstrukturen bis hin zu weniger Bürokratie. Die zwölf Empfehlungen sind im Anhang vollständig dokumentiert.
ANHANG
Zwölf Handlungsempfehlungen zur Zukunft ehrenamtlichen Engagements junger Menschen in Jugendverbänden
Handlungsempfehlung I
Junge Menschen brauchen neben Schule, Ausbildung, Studium oder Arbeit Freiräume für ehrenamtliches Engagement.
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Die Ausbreitung von Schule in bisherige Freiräume von jungen Menschen macht ehrenamtliches Engagement ebenso schwierig wie die aktuellen Studien- und Ausbildungsbedingungen.
Handlungsempfehlung II
Mehr Anerkennung und Wertschätzung des Engagements ehrenamtlich aktiver junger Menschen in der Gesellschaft ist gefragt.
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Junge Menschen fühlen sich in der Gesellschaft und von Politik in ihrem ehrenamtlichen Engagement zu wenig anerkannt und wertgeschätzt.
Handlungsempfehlung III
Durch Bürokratieabbau junges Ehrenamt stärken
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Bürokratische Anforderungen schrecken ab und belasten ehrenamtlich engagierte junge Menschen.
Handlungsempfehlung IV
Hauptberufliche Supportstrukturen absichern
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Ehrenamtliches Engagement in Jugendverbänden benötigt zur Unterstützung hauptberufliche Fachkräfte.
Handlungsempfehlung V
Finanzielle Förderung von Jugendverbänden langfristig gesichert anlegen
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Ehrenamtliches Engagement in Jugendverbänden benötigt eine langfristige Sicherung der finanziellen Rahmenbedingungen auf allen Ebenen.
Handlungsempfehlung VI
Ungleiche Zugangschancen zu ehrenamtlichem Engagement politisieren und verändern
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Ehrenamtliches Engagement in Jugendverbänden ist mit ungleichen Zugangschancen verbunden.
Handlungsempfehlung VII
Neue Strategien zur Gewinnung von jungen Menschen für ein Ehrenamt in Jugendverbänden finden
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Junge Menschen für eine ehrenamtliche Tätigkeit in Jugendverbänden zu finden, gestaltet sich zunehmend schwieriger, insbesondere bei langfristig angelegtem Engagement mit der Übernahme von Verantwortung.
Handlungsempfehlung VIII
Bewusstsein junger Menschen für ihre Beteiligungsmöglichkeiten stärken
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Junge Menschen gestalten in Jugendverbänden Demokratie, zugleich wird Partizipation in Jugendverbänden und in der Gesellschaft insgesamt von ihnen als Herausforderung erlebt.
Handlungsempfehlung IX
Anspruchsvolles pädagogisches Wirken junger Ehrenamtlicher in Jugendverbänden benötigt Aufmerksamkeit und Unterstützung.
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Ehrenamtlich engagierte junge Menschen haben in ihrem pädagogischen Wirken massive Herausforderungen zu bewältigen.
Handlungsempfehlung X
Folgen der Corona-Pandemie auf junge Menschen wie die Situation von Jugendverbänden müssen im Blick bleiben.
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Die Einschränkungen der Corona-Pandemie für junge Menschen sowie die Kinder- und Jugendarbeit zeigen bis heute Folgen in Jugendverbänden.
Handlungsempfehlung XI
Digitalisierung der Kinder- und Jugendarbeit voranbringen
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Digitale Veranstaltungen und der Einsatz digitaler Tools sind mit der Pandemie auch in Jugendverbänden zu einem Standard des Arbeitens geworden, das benötigt entsprechende, immer wieder zu modernisierende technische Ausstattungen.
Handlungsempfehlung XII
Spannungsfeld zwischen Prinzipien von Jugendverbänden und gesellschaftspolitischen Herausforderungen offensiv diskutieren
Empirische Erkenntnis in Kurzform: Junge Ehrenamtliche sind in ihrem Engagement mit Spannungsfeldern konfrontiert, die sich aus den Herausforderungen gesellschaftlicher Entwicklungen und den Prinzipien jugendverbandlichen Handelns ergeben.
aus: Voigts/Gotzmann/Reifegerst (2026): „Ehrenamtliches Engagement in Jugendverbänden. Ein Praxisforschungsprojekt zur Zukunft von Jugendverbandsarbeit nach Corona.“ Weinheim: Beltz Juventa.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Gunda Voigts
Professorin für Grundlagen der Wissenschaft und Theorien Sozialer Arbeit sowie Theorie und Praxis der (offenen) Kinder- und Jugendarbeit
T +49 40 219 04-2531
gunda.voigts@haw-hamburg.de
Originalpublikation:
https://beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik-soziale-arbeit/ehrenamtliches-engagement-junger-menschen-in-jugendverbaenden/BEL449261
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