Ernst-Otto-Czempiel-Preis 2026: PRIF würdigt Forschung zu den Zusammenhängen zwischen Erinnerungspolitik und Frieden
Frankfurt am Main, 22. Juni 2026. Das PRIF - Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung zeichnet die 2024 erschienene Monografie „Peace and the Politics of Memory“ mit dem diesjährigen Ernst-Otto-Czempiel-Preis aus. Das Buch untersucht anhand von fünf Fallstudien, wie sich Erinnerungspolitik auf den Frieden in Gesellschaften auswirkt, die von einer gewaltvollen Vergangenheit geprägt sind. Es wurde von einem fünfköpfigen, internationalen Autor*innenteam verfasst: Johanna Mannergren, Annika Björkdahl, Susanne Buckley-Zistel, Stefanie Kappler und Timothy Williams. Der Ernst-Otto-Czempiel-Preis 2026 wird am 3. März 2027 in Frankfurt am Main verliehen.
Mit dem diesjährigen Ernst-Otto-Czempiel-Preis zeichnet das PRIF die beste Monografie im Bereich der Friedensforschung der Jahre 2023 bis 2025 aus. Der Preis wird seit 2008 verliehen und ist mit 5.000 Euro dotiert. Er ist nach dem international renommierten Friedensforscher Ernst-Otto Czempiel (1927-2017) benannt, der Mitgründer und langjähriger Leiter des PRIF war.
In ihrer Begründung hebt die Jury hervor, dass „Peace and the Politics of Memory“ einen wegweisenden Beitrag zur internationalen Friedensforschung leistet. Die Monografie entwickelt einen überzeugenden theoretischen Rahmen, so die Jury, der Erkenntnisse aus der Friedens- und Konfliktforschung und der Erinnerungsforschung miteinander verbindet. Dadurch ermöglicht die Studie zu verstehen, wie Erinnerungspolitik die Konstruktion und die Qualität des Friedens in Nachkriegsgesellschaften prägt.
Die Jury, der Charlotte Dany, Eva Senghaas-Knobloch und Jonas Wolff angehören, lobt die Originalität und den Umfang des theoretischen Rahmens, der sich auf das Zusammenspiel von Orten, Handlungsmacht, Erzählungen und Ereignissen bei der Konstruktion von Erinnerung bezieht. Dieser Ansatz ermöglicht eine systematische Untersuchung gesellschaftlicher Schlüsselthemen der Erinnerungspolitik (so genannte „mnemonic formations“).
Die Jury würdigt insbesondere, wie Johanna Mannergren, Annika Björkdahl, Susanne Buckley-Zistel, Stefanie Kappler und Timothy Williams diesen Rahmen in fünf Fallstudien anwenden, die mit hoher methodischer Sorgfalt durchgeführt wurden. Diese belegen den Wert der Theorie und bieten faszinierende Einblicke in die Dynamiken und Folgen von Erinnerungspolitik.
Die Jury betont nicht zuletzt die Bedeutung der Monografie über akademische Debatten hinaus. Wie Jury-Mitglied Eva Senghaas-Knobloch ausführt, ermöglicht die Publikation Erkenntnisse, die auch für die Praxis der Friedenspolitik wegweisend sind: „Die friedenspolitische Relevanz der Studie zeigt sich in der detaillierten Darstellung fallspezifisch verschiedener öffentlicher Erinnerungsformationen am Ende von Bürgerkriegen. Dass das Ende von Kriegen nicht selten den Keim für neue Kriegshandlungen in sich trägt, hat einen sozio-kulturellen Kern: Ob das Ende bewaffneter Auseinandersetzung in einen Prozess für nachhaltigen Frieden überführt werden kann, hängt davon ab, ob es gelingt, in einer zuvor zerrissenen politischen Gemeinschaft alle vom Kriegsgeschehen betroffenen Gruppierungen mit ihren besonderen Bedürfnissen in die öffentliche Erinnerung so einzubeziehen, dass sie sich in ihrer Würde anerkannt sehen.“ Erinnerungspolitik und Friedensförderung müssen daher als miteinander verflochtene Prozesse innerhalb spezifischer Zeiten und Räume verstanden werden.
Der Ernst-Otto-Czempiel-Preis 2026 wird am 3. März 2027 in Frankfurt am Main verliehen.
Pressekontakt
Helen Breunig
Volontärin Wissenschaftskommunikation - Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
PRIF - Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung
Telefon: +49 69 959104-214
helen.breunig@prif.org
Dr. Ursula Grünenwald
Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
PRIF - Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung
Telefon: +49 69 959104-13
presse@prif.org
___
Über die Preisträger*innen
Prof. Dr. Johanna Mannergren ist Professorin für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der Södertörn University in Stockholm. Ihre Forschung befasst sich mit Friedensprozessen, mit Schwerpunkten auf lokalen Versöhnungsprozessen und Transitional Justice, Erinnerungspolitik und kulturellem Erbe, sowie den Erfahrungen und dem Wissen von Frauen in Bezug auf Krieg und Sicherheit.
Prof. Dr. Annika Björkdahl lehrt als Professorin für Politikwissenschaft und Friedens- und Konfliktforschung an der Lund University. Ihre Forschung konzentriert sich auf Friedensförderung, Transitional Justice, Normen in den internationalen Beziehungen, Gender und räumliche Analysen von Frieden und Konflikt.
Prof. Dr. Susanne Buckley-Zistel ist Professorin für Friedens- und Konfliktforschung und leitet das Zentrum für Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg. Neben Transitional Justice, Vergangenheitsarbeit und Erinnerungsforschung befasst sich ihre Arbeit mit Friedenskonsolidierung, Menschenrechten und Geflüchteten.
Prof. Dr. Stefanie Kappler ist Professorin für Konfliktlösung und Friedensförderung an der Durham University. Ihre Forschung beschäftigt sich mit Formen des Widerstands gegen Maßnahmen der Friedenskonsolidierung. Außerdem befasst sie sich mit den Auswirkungen von Erinnerungen an Gewalt und der Rolle von Kunst in Friedensprozessen.
Prof. Dr. Timothy Williams ist Professor für Unsicherheitsforschung und gesellschaftliche Ordnungsbildung an der Universität der Bundeswehr in München. Seine Forschung und Lehre konzentrieren sich auf die internationale Politik nachhaltiger Transformationen von Gewalt und Diskriminierung, die Politik der Erinnerung, digitale Gewalt, sowie auf Völkermorde und deren Täter.
___
Über die Jury
Prof. Dr. Charlotte Dany lehrt als Professorin für Entwicklungs- und Organisationskommunikation an der Hochschule Darmstadt. Von 2019 bis 2023 war sie Geschäftsführerin der Friedensakademie Rheinland-Pfalz an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau.
Prof. Dr. Eva Senghaas-Knobloch ist Senior Researcher am artec Forschungszentrum Nachhaltigkeit der Universität Bremen. Zuvor war sie Professorin für soziologische Arbeitsforschung mit den Schwerpunkten Decent Work und Konfliktlösung in nationalen und internationalen Organisationen.
Prof. Dr. Jonas Wolff ist Professor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Transformationsforschung in Lateinamerika an der Goethe-Universität Frankfurt. Außerdem ist er Leiter des Programmbereichs „Innerstaatliche Konflikte“ und Vorstandsmitglied am PRIF.
___
Über den Ernst-Otto-Czempiel-Preis
Mit dem Ernst-Otto-Czempiel-Preis zeichnet das PRIF - Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung die beste Monografie im Bereich der Friedensforschung der vorangegangenen zwei bis drei Jahre aus. Der Preis wird seit 2008 verliehen und ist mit 5.000 Euro dotiert. Er ist nach Ernst-Otto Czempiel (1927-2017) benannt, Mitgründer und langjähriger Institutsleiter des PRIF (ehem. HSFK) und international renommierter Friedensforscher. Zu den ehemaligen Preisträger*innen zählen u.a. Roger Mac Ginty, Kerstin von Lingen und Simon Koschut.
Mehr Informationen: https://www.prif.org/dialog-bildung/preise/ernst-otto-czempiel-preis
___
Über das PRIF - Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung
Das PRIF - Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung ist eines der führenden Friedensforschungsinstitute Europas. Es wurde 1970 als Stiftung öffentlichen Rechts gegründet und wird vom Land Hessen und der Bundesregierung finanziert. Ziel des Instituts ist es, die Ursachen internationaler und nationaler Konflikte zu analysieren und Lösungen zu entwickeln. Dafür verbindet das PRIF interdisziplinäre Grundlagenforschung mit dem Transfer von Wissen in Politik, Medien und Gesellschaft. Das Institut ist in zahlreichen nationalen und internationalen Forschungsnetzwerken aktiv. Seit 2009 ist das PRIF Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.
Mehr Informationen: https://www.prif.org/
Originalpublikation:
Mannergren, J., Björkdahl, A., Buckley-Zistel, S., Kappler, S., & Williams, T. (2024). Peace and the Politics of Memory. Manchester University Press. ISBN: 9781526178312
Open Access: https://www.manchesterhive.com/display/9781526178329/9781526178329.xml
Ähnliche Pressemitteilungen im idw