ERC Advanced Grant: Afrikanische Museumsgeschichte neu erzählen
Das Projekt REMAPP untersucht historische Praktiken des Sammelns, Bewahrens und Präsentierens materieller Kultur in Afrika – und verändert den Blick darauf, was Museen waren und sein können
Die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Bénédicte Savoy von der Technischen Universität Berlin erhält einen ERC Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats für das Forschungsprojekt REMAPP – Rearticulating Museums: Historical African Practices of Preservation and the Future of Stewardship. Das mit rund 2,5 Millionen geförderte Vorhaben untersucht, welche historischen Formen des Sammelns, Bewahrens, Präsentierens und Aktivierens materieller Kultur in afrikanischen Gesellschaften existierten und wie diese Praktiken das Verständnis von Museen weltweit verändern können.
REMAPP stellt eine bis heute wirkmächtige Grundannahme der Museumsgeschichte infrage: dass das Museum eine genuin europäische Institution sei, die erst mit dem Kolonialismus nach Afrika gelangte. Das Projekt setzt stattdessen bei afrikanischen Wissensordnungen, Orten und Praktiken an, die lange vor oder neben kolonialen Institutionen bestanden. Sie entsprachen nicht eins zu eins den westlichen Definitionen des Museums als öffentlicher Einrichtung mit Sammlung, Ausstellung und wissenschaftlicher Ordnung. Dennoch erfüllten sie zentrale museale Funktionen: Sie bewahrten Objekte, machten materielle Kultur sichtbar, stifteten soziale Zugehörigkeit, verankerten Erinnerung und verbanden Dinge mit rituellen, politischen oder historischen Bedeutungen.
Jenseits europäischer Museumskategorien
„Die Geschichte des Museums beginnt nicht erst dort, wo europäische Begriffe, Gebäude und Institutionen auftauchen“, sagt Prof. Dr. Bénédicte Savoy, Leiterin des Fachgebiets Kunstgeschichte der Moderne. „REMAPP richtet den Blick auf historische afrikanische Formen der Pflege, Präsentation und Weitergabe materieller Kultur, die lange übersehen oder durch europäische Kategorien unkenntlich gemacht wurden. Diese Praktiken erzählen eine andere Geschichte des Museums – und eröffnen neue Perspektiven darauf, was ein Museum heute und in Zukunft sein kann.“
Im Zentrum des Forschungsvorhabens steht ein grundlegender Perspektivwechsel. REMAPP fragt nicht, wie europäische Museumskonzepte nach Afrika übertragen wurden. Untersucht wird vielmehr, welche eigenen Formen der Sammlung, Aufbewahrung, Präsentation und Objektpflege in afrikanischen Gesellschaften historisch nachweisbar sind, wie sie beschrieben wurden und warum sie in der europäischen Wissensgeschichte häufig nicht als museumsähnliche Praktiken berücksichtigt wurden.
Die Quellenlage ist vielschichtig und über zahlreiche schriftliche, visuelle und materielle Zeugnisse verteilt. Für REMAPP werden diese Quellen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert neu ausgewertet. Sie werden mit afrikanischen Museumsdiskursen der 1960er- bis 1980er-Jahre in Beziehung gesetzt – einer Phase, in der Fragen kultureller Selbstbestimmung, postkolonialer Institutionenbildung und neuer musealer Konzepte in vielen afrikanischen Staaten besonders intensiv verhandelt wurden. Durch diese Verbindung historischer und jüngerer Diskurse will REMAPP Wissen über frühere afrikanische Praktiken der Objektpflege und kulturellen Weitergabe rekonstruieren.
Europäische Deutungsrahmen kritisch prüfen
Ein zentrales Anliegen des Projekts ist die kritische Prüfung europäischer Deutungsrahmen. REMAPP untersucht, wie europäische Beobachter*innen, Reisende, Missionare, Kolonialbeamte, Wissenschaftler*innen und Museumsakteur*innen afrikanische Praktiken beschrieben, übersetzten und kategorisierten. Dabei richtet sich der Blick besonders auf semantische Verschiebungen: Welche Begriffe wurden für Objekte, Sammlungen, Aufbewahrungsorte, Rituale, heilige Räume oder Formen der Bewahrung verwendet? Welche Bedeutungen gingen verloren, wenn afrikanische Praktiken in europäische Sprachen und Kategorien übertragen wurden? Und welche Formen des Wissens wurden unsichtbar, weil sie nicht in das europäische Modell des Museums passten?
REMAPP verfolgt drei zentrale Ziele. Erstens werden historische Quellen neu gelesen, um Praktiken der Objektpflege und materiellen Kultur in afrikanischen Gesellschaften sichtbar zu machen. Dazu gehören schriftliche Zeugnisse ebenso wie Bilder, Objekte und materielle Spuren. Zweitens analysiert das Projekt die epistemologischen Rahmen, die die Wahrnehmung und Interpretation dieser Praktiken geprägt oder verzerrt haben. Im Mittelpunkt stehen dabei Sprache, Übersetzung, Klassifikation und Wissensordnungen. Drittens entwickelt REMAPP aus dieser historischen Forschung heraus einen Beitrag zu gegenwärtigen und künftigen museologischen Debatten – in Afrika, Europa und darüber hinaus.
Ein neues Forschungsfeld zwischen Kulturerbe und Museumsgeschichte
Methodisch verbindet das Projekt philologische Genauigkeit mit epistemischer Pluralität. Es geht nicht nur darum, historische Quellen neu auszuwerten, sondern auch darum, unterschiedliche Wissensformen ernst zu nehmen und miteinander ins Gespräch zu bringen. Das Team arbeitet mit Perspektiven aus afrikanischen und europäischen Kontexten und integriert verschiedene sprachliche, kulturelle und methodische Zugänge. Viele historische Praktiken des Bewahrens lassen sich nur verstehen, wenn die Begriffe, Sprachen und kulturellen Logiken rekonstruiert werden, in denen sie ursprünglich verankert waren.
Zugleich bezieht das Projekt zeitgenössische künstlerische und kuratorische Perspektiven ein. Diese Verbindung von historischer Forschung, museologischer Theorie und gegenwärtiger Praxis soll neue Impulse für den Umgang mit Sammlungen, Kulturerbe und Verantwortung geben. REMAPP fragt, welche Zukunft Museen haben können, wenn sie nicht nur aus der europäischen Institutionengeschichte heraus verstanden werden, sondern auch aus afrikanischen Geschichten der Objektpflege, des Erinnerns und des sozialen Gebrauchs materieller Kultur.
Mit diesem Ansatz eröffnet REMAPP ein neues Forschungsfeld an der Schnittstelle von Kulturerbeforschung, Museumsgeschichte und globaler Ideengeschichte. Das Projekt ist nicht nur für die Erforschung afrikanischer Kulturerbepraktiken relevant. Es richtet den Blick auch zurück auf Europa: Wenn die Geschichte des Museums nicht ausschließlich von europäischen Begriffen und Institutionen aus erzählt wird, verändert sich auch das Verständnis europäischer Museen selbst. REMAPP trägt damit zu einer globaleren, historisch differenzierteren und theoretisch offeneren Museumsgeschichte bei.
Zur Person: Bénédicte Savoy
Bénédicte Savoy gehört zu den international prägenden Stimmen der Kunstgeschichte, Museumsgeschichte und Provenienzforschung. Seit 2003 leitet sie an der TU Berlin das Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne. Von 2016 bis 2021 hatte sie parallel am Collège de France in Paris eine Professur für die Kulturgeschichte des künstlerischen Erbes in Europa vom 18. bis 20. Jahrhundert inne. Ihre Forschung gilt der Geschichte von Museen und Sammlungen, der Translokation von Kulturgütern, dem Kulturtransfer in Europa, deutsch-französischen Beziehungen sowie Kunstraub, Beutekunst und Restitution.
Internationale Aufmerksamkeit erhielt Savoy insbesondere durch ihre Forschungen zu kolonialen Sammlungen und zur Rückgabe afrikanischer Kulturgüter. Gemeinsam mit dem senegalesischen Wissenschaftler Felwine Sarr erarbeitete sie 2018 im Auftrag des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron den Bericht zur Restitution afrikanischer Kulturgüter. Der Bericht gab der weltweiten Debatte über koloniale Sammlungen, Provenienzforschung und Rückgaben entscheidende Impulse und machte Savoy weit über die Fachöffentlichkeit hinaus bekannt.
Zu ihren wichtigen Veröffentlichungen zählen unter anderem „Kunstraub. Napoleons Konfiszierungen in Deutschland und die europäischen Folgen“, „Die Provenienz der Kultur“, „Zurückgeben. Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter“, „Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage“ sowie der gemeinsam koordinierte „Atlas der Abwesenheit. Kameruns Kulturerbe in Deutschland“. Ihre Arbeiten verbinden historische Grundlagenforschung mit der Frage, wie Museen, Archive und Sammlungen Verantwortung für die Herkunft, Zirkulation und Aneignung von Kulturgütern übernehmen können.
Auszeichnungen und Ehrungen
Für ihre wissenschaftliche Arbeit und ihre Wirkung in öffentlichen Debatten wurde Bénédicte Savoy vielfach ausgezeichnet. Zu ihren Preisen und Ehrungen zählen unter anderem der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Berliner Wissenschaftspreis, der Walter-de-Gruyter-Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Richard Hamann-Preis für Kunstgeschichte, der Prix de l’Académie de Berlin, der Prix du Rayonnement de la langue et de la littérature françaises der Académie française, der Deutsche Kulturpolitikpreis, der Große Deutsch-Französische Medienpreis, der Clark Prize for Excellence in Arts Writing und der Prix Européen de l’Essai. Savoy ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie Ritterin der französischen Ehrenlegion.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Bénédicte Savoy
Technische Universität Berlin
Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne mit dem Schwerpunkt Wissenskulturen/Institutionsgeschichte/Kunstgeschichte
Fakultät I – Geistes- und Bildungswissenschaften
E-Mail: benedicte.savoy@tu-berlin.de, office@kuk.tu-berlin.de
Tel.: +49 30 314-25014
Ähnliche Pressemitteilungen im idw