Erziehungswissenschaftlerin der MLU in Heisenberg-Programm aufgenommen
Dr. Tatyana Tyagunova ist neue Heisenberg-Forscherin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert die Arbeit der Wissenschaftlerin im Rahmen des Heisenberg-Programms mit bis zu 700.000 Euro. Tyagunova forscht zum Verhältnis von sozialer Interaktion und fachlichem Lernen in Schulen und Hochschulen.
Wie entsteht Wissen im Unterricht, wie wird es mit Geltung ausgestattet? Wie wird Fachwissen in mündlichen Prüfungen an Universitäten generiert und validiert? Diesen Fragen geht Dr. Tatyana Tyagunova in ihrer Forschung im Detail nach. „Fachliches Lernen ist in soziale Interaktionen eingebettet. In jeweils konkreten Unterrichts- oder Prüfungssituationen entscheidet sich, was als Wissen gilt und was nicht. Bislang ist diese soziale Praxis in der Erziehungswissenschaft aber noch nicht ausreichend erforscht“, sagt die Forscherin.
Im Rahmen der Heisenberg-Förderung wird sich Tyagunova dem Thema in drei Teilvorhaben widmen. Das erste Teilprojekt untersucht auf Basis von Videodaten, wie formale Interaktionsstrukturen und inhaltliche Lernprozesse im Grundschulunterricht zusammenhängen. Hierfür greift sie auf eine umfangreiche Videostudie zurück: Aufgenommen wurden 37 Deutsch- und Mathematikstunden in dritten Klassen in Sachsen-Anhalt und Hessen. Da jede Unterrichtsstunde mit bis zu 17 Kameraperspektiven aufgezeichnet wurde, umfasst das Korpus etwa 480 einzelne Videos. Das zweite Teilprojekt analysiert Audio- und Videoaufnahmen von mündlichen Prüfungen im Lehramtsstudium und geht der Frage nach, wie in verschiedenen Fächern Wissen erzeugt, bewertet und legitimiert wird. Das dritte Teilprojekt bündelt die Ergebnisse der vorherigen Vorhaben und entwickelt ein übergreifendes analytisches und theoretisches Konzept für die Frage, durch welche Praktiken und Mechanismen jenes Wissen her- und sichergestellt wird, das in Schule und Hochschule als zu lernende Inhalte und Lernstoff gilt.
Die gebürtige Belarussin Tyagunova studierte Psychologie und Sozialpädagogik an der Belarussischen Staatlichen Universität Minsk und am Institut für Hochschule in Minsk. Von 2004 bis 2011 war sie an der Belarussischen Staatlichen Universität Minsk als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Anschließend wechselte die Forscherin mit einem Promotionsstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an die MLU, an der sie in verschiedenen Forschungsprojekten mitarbeitete. 2016 wurde sie hier promoviert. Von 2023 bis 2024 vertrat sie für zwei Semester eine Professur für Erziehungswissenschaft an der Universität Kassel.
Das Heisenberg-Programm der DFG ist nach dem Physiker Werner Heisenberg benannt, der mit 31 Jahren den Nobelpreis für Physik erhielt. Das Programm dient der Förderung etablierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die bereits alle Voraussetzungen für den Ruf auf eine Professur erfüllen. Die Forschenden erhalten die Möglichkeit, ambitionierte Forschungsprojekte an einem Ort ihrer Wahl umzusetzen und so ihr wissenschaftliches Profil weiter auszubauen.
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