Großer Erfolg eines kleinen Formats: Die Vielschichtigkeit und Relevanz von Heftromanen
Eine neue DFG-Forschungsgruppe unter LMU-Leitung erforscht den deutschen Heftroman von 1913 bis zur Gegenwart als „Medium, Ware und Werk“.
Liebende, Schurken, Unsterbliche, unfehlbare Heldinnen: Mit dichten Plots, starken Konflikten und besonderen Schauplätzen erfreut sich der Heftroman seit mehr als 100 Jahren in Deutschland großer Beliebtheit. Ob Liebesroman, Krimi oder Science-Fiction: Die Leserinnen und Leser tauchen auf traditionell 64 Seiten ein in Geschichten, die sie fesseln.
Trotz seiner langen Tradition und seines massenhaften Erfolgs wurde der Heftroman bisher wissenschaftlich nur unzureichend in den Blick genommen – dabei bilden die Texte, die einfach sind und sein wollen, nicht zuletzt durch ihre Fülle und Serialität eigene Formen von Komplexität aus. Die neue DFG-Forschungsgruppe „Medium – Ware – Werk: Der deutsche Heftroman von 1913 bis zur Gegenwart“ will diesen Spezialmarkt nun genauer untersuchen.
Prof. Dr. Carola Metzner-Nebelsick, LMU-Vizepräsidentin für Geisteswissenschaften: „Diese Förderung zeigt die Stärke der LMU in den Geisteswissenschaften. Sie sind an unserer Universität kein Randbereich, sondern ein tragender Pfeiler unseres akademischen Selbstverständnisses. Sie prägen unser Profil durch methodische Vielfalt, historische Tiefenschärfe und gesellschaftliche Reflexionskraft. Aktuell sind die Geisteswissenschaften wichtiger denn je, denn sie bieten Einordnung und Orientierung in einer Zeit, in der KI eine zunehmend prägende Rolle spielt.
Die Forschungsgruppe hebt u.a. durch den Einsatz von KI zur Sprachmustererkennung mit ihrem Vorhaben einen bislang ungenutzten Schatz. Der Heftroman mit riesigen Auflagenzahlen über mehr als ein Jahrhundert und über signifikante historische wie gesellschaftliche Umbrüche hinweg bietet ein enormes, bislang ungenutztes Erkenntnispotenzial aus dem Bereich der Populärkultur. Gleichzeitig adressieren die Forschenden Themen und aktuelle Trends wie Self-Publishing, Booktok oder die Begeisterung für aufwändig gestaltete Cover. Damit analysieren sie auch ökonomische Phänomene wie Marktkonzentration im Publikationswesen.“
„Die bisherige Forschung, die über mehrere Disziplinen verteilt ist und deren Anfänge sich bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts finden, ist der Fülle und Eigenständigkeit des Heftromans – als eines Phänomens tatsächlich gelesener Literatur – bisher nur sehr selektiv gerecht geworden,“ sagt Christine Haug, Professorin am Zentrum für Buchwissenschaft der LMU und Sprecherin der neuen Forschungsgruppe.
Texte, die ihre Leserinnen und Leser erreichen
Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interessieren sich für die Produktionsbedingungen und Distributionswege des Heftromans ebenso wie für die Entstehung von Konzentrationsprozessen, Tendenzen zur Monopolisierung oder Markttrends. Außerdem wollen die Forschenden in dem Verbund die spezielle Rolle der Autorinnen und Autoren in Abgrenzung zum klassischen Buchhandel untersuchen und Innovationsschübe wie die Herausbildung neuer Genres und die Gestaltung von Romancovern analysieren.
In engem Austausch untereinander nehmen die Teilprojekte aus unterschiedlichen Fachperspektiven den Liebesheftroman in den Blick, der in der Forschung bislang noch ‚Terra incognita‘ ist. Sie fragen nach dem fortschreitenden Verlust von Serienvielfalt bei Kriminalromanen und analysieren Plot- und Figurenkonstellationen, unter anderem im Segment der Science-Fiction. Darüber hinaus entsteht eine Bibliografie des deutschen Heftromans von seinen Anfängen bis zur Gegenwart. Diese Bibliografie nimmt erstmals auch sogenannte paratextuelle Elemente, also Autorinnen und Illustratoren, Verlage oder Werbung, mit auf.
Mit unterschiedlichen methodischen Zugängen und Beteiligten aus verschiedenen Disziplinen, von der Computerphilologie über die Kunstgeschichte und bis hin zur Buchwissenschaft und den Literaturwissenschaften, wird so ein Forschungsfeld systematisch und interdisziplinär vermessen, über das man trotz – oder wegen? – seiner Popularität noch immer erstaunlich wenig weiß und das bisher nur in Ansätzen untersucht worden ist.
Zugriff auf ein riesiges, digitalisiertes Archiv
Unverzichtbare Kooperationspartnerin des neuen Forschungsverbunds ist dabei die Deutsche Nationalbibliothek. „Die DNB Leipzig sammelte seit 1913 Heftromane, sodass dort ein besonders großer Bestand verwahrt wird,“ sagt Christine Haug. Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare haben unter der Leitung von Dr. Stephanie Jacobs, Direktorin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums in der Deutschen Nationalbibliothek und seit vielen Jahren aktives Mitglied des Zentrum für Buchwissenschaft, diesen Bestand im Vorfeld bereits digitalisiert und den Forschenden des Verbunds zugänglich gemacht.
Die neue Forschungsgruppe setzt sich aus mehreren Teilprojekten zusammen. Von der LMU sind neben Sprecherin Christine Haug auch Johannes Frimmel vom Zentrum für Buchwissenschaft und Julian Schröter, Professor für Digitale Literaturwissenschaften, beteiligt. Außerdem gehören die Kunsthochschule Weissensee, die Julius-Maximilians-Universität Würzburg, die HU Berlin und die Universität Potsdam zum Verbund. DFG-Forschungsgruppen ermöglichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sich aktuellen und drängenden Fragen ihrer Fachgebiete zu widmen und innovative Arbeitsrichtungen zu etablieren. Sie werden bis zu acht Jahre lang gefördert.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Christine Haug
Sprecherin des Zentrum für Buchwissenschaft
Ludwig-Maximilians-Universität München
Tel.:: +49 (0)89 2180-2497
christine.haug@germanistik.uni-muenchen.de
Originalpublikation:
https://www.lmu.de/de/newsroom/newsuebersicht/news/grosser-erfolg-eines-kleinen-formats-die-vielschichtigkeit-und-relevanz-von-heftromanen-bafc6a1e.html
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