IWH-Insolvenztrend: Firmenpleiten im zweiten Quartal auf höchstem Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten
Wie das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) in einer heute veröffentlichten Analyse feststellt, stieg die Zahl der Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften in Deutschland im Juni erneut an. Im zweiten Quartal 2026 gab es so viele Firmenpleiten wie seit 21 Jahren nicht mehr. Der Anstieg erfasst nahezu alle großen Branchen.
Die Zahl der Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften in Deutschland liegt laut IWH-Insolvenztrend im Juni bei 1.702 (vgl. Abbildung 1). Das sind 12% mehr als im Mai, 20% mehr als im Juni 2025 und 80% mehr als in einem durchschnittlichen Juni der Jahre 2016 bis 2019, also vor der Corona-Pandemie. Außergewöhnlich hohe Werte gab es im Juni in Nordrhein-Westfalen und Hessen.
Schließungen großer Arbeitgeber führen häufig zu erheblichen und dauerhaften Einkommens- und Lohnverlusten bei den betroffenen Beschäftigten. Die Zahl der von Großinsolvenzen betroffenen Jobs liefert zudem eine gute Annäherung an die Gesamtzahl der von Insolvenz betroffenen Arbeitsplätze. Laut IWH-Insolvenztrend waren im Juni in den größten 10% der insolventen Unternehmen mehr als 14.000 Arbeitsplätze betroffen. Damit liegt die Zahl der betroffenen Beschäftigten 26% über dem Vormonatswert und 11% unter dem Niveau von Juni 2025, aber 30% über dem Durchschnitt eines typischen Junis der Vor-Corona-Jahre 2016 bis 2019 (vgl. Abbildung 2).
Im zweiten Quartal 2026 wurden in Deutschland 4.996 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften verzeichnet – ein Plus von 9% gegenüber dem ersten Quartal. Das ist der höchste Stand seit dem zweiten Quartal 2005, als 5.295 Insolvenzen registriert wurden. Insgesamt waren etwa 45.500 Arbeitsplätze von Insolvenzen betroffen. Zum Vergleich: Im zweiten Quartal 2005, dem bisherigen Höchststand bei der Zahl der Insolvenzen, waren etwa 41.500 Arbeitsplätze betroffen.
Seit Beginn der IWH-Erhebungen zum Jahresbeginn 2020 wurden im zweiten Quartal 2026 in fast allen großen Branchen neue Höchstwerte erreicht, darunter im Baugewerbe, im Grundstücks- und Wohnungswesen, im Handel, im Gastgewerbe und in den Dienstleistungen. Eine der wenigen Ausnahmen ist das Verarbeitende Gewerbe: Dort blieben die Werte unter dem Höchststand aus dem zweiten Quartal 2025. Auch regional wurden in den meisten Bundesländern neue Höchstwerte seit Januar 2020 erreicht. Ausnahmen sind mehrere ostdeutsche Flächenländer, die bereits im zweiten Quartal 2025 besonders hohe Werte verzeichnet hatten.
Das IWH erhebt Frühindikatoren, die dem Insolvenzgeschehen um zwei bis drei Monate vorauslaufen. Die Frühindikatoren gingen im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem ersten Quartal leicht zurück, lagen aber 13% über dem Wert des zweiten Quartals 2025. „Die aktuellen Zahlen zeigen, dass das Insolvenzgeschehen weiterhin auf einem außergewöhnlich hohen Niveau liegt“, sagt Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung. „Die Lage ist schwierig: Die Insolvenzen treffen die Wirtschaft in der Breite. Viele Branchen und Regionen sind gleichzeitig betroffen. Für das dritte Quartal ist weiterhin mit höheren Insolvenzzahlen als im Vorjahr zu rechnen.“
IWH-Insolvenztrend: Hintergrund, Daten, Methodik
Deutlich schneller als die amtliche Statistik liefert der IWH-Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) jeden Monat einen belastbaren Befund zum bundesweiten Insolvenzgeschehen für Personen- und Kapitalgesellschaften. Die Ergebnisse weisen nur geringfügige Abweichungen von den amtlichen Zahlen auf, die mit etwa zwei Monaten Zeitverzug eine umfassende Einschätzung der Lage erlauben (vgl. Abbildung 3).
Der IWH-Insolvenztrend ist deshalb ein verlässlicher Frühindikator für das Insolvenzgeschehen und die wirtschaftliche Entwicklung. Für seine Analysen wertet das IWH die aktuellen Insolvenzbekanntmachungen der deutschen Registergerichte aus und verknüpft sie mit Bilanzkennzahlen betroffener Unternehmen. Dank seiner langjährigen Expertise, gebündelt in der IWH-Insolvenzforschungsstelle, gehört das Institut bundesweit zu den führenden Einrichtungen auf diesem Themengebiet.
Die im IWH-Insolvenztrend gemeldeten Insolvenzen von Kapital- und Personen-gesellschaften umfassen in der Regel mehr als 90% der von Unternehmensinsolvenz betroffenen Arbeitsplätze und 95% der Forderungen. Damit bilden diese Zahlen ver-lässlich die direkten volkswirtschaftlichen Konsequenzen des Insolvenzgeschehens ab.
Anders abgegrenzt sind Statistiken zu Regelinsolvenzen und Unternehmensinsolvenzen. Regelinsolvenzen umfassen neben Unternehmensinsolvenzen auch bestimmte natürliche Personen wie Selbstständige oder ehemals selbstständig Tätige mit unüberschaubaren Vermögensverhältnissen sowie privat haftende Gesellschafter und Einzelunternehmer.
Die amtliche Statistik zu den Unternehmensinsolvenzen erfasst zusätzlich zu den im IWH-Insolvenztrend erfassten Personen- und Kapitalgesellschaften auch die gesamtwirtschaftlich wenig relevante Gruppe der Kleinstunternehmen. Die Zahl der insolventen Personen- und Kapitalgesellschaften macht weniger als die Hälfte der Regelinsolvenzen und etwa zwei Drittel der Unternehmensinsolvenzen aus. Die prozentualen monatlichen Veränderungen bei den Regelinsolvenzen und den Unternehmensinsolvenzen können sich aufgrund der Vielzahl gesamtwirtschaftlich unbe-deutender Insolvenzfälle deutlich von denen der Personen- und Kapitalgesellschaften unterscheiden.
Mehr zur IWH-Insolvenzforschung und zur Methodik hinter dem IWH-Insolvenztrend: www.iwh-halle.de/insolvenzforschung.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Professor Dr. Steffen Müller
Tel +49 345 7753 708
Steffen.Mueller@iwh-halle.de
https://www.iwh-halle.de/ueber-das-iwh/team/detail/steffen-mueller
Weitere Informationen:
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