Tiefseebergbau bedroht über 60 Prozent der Weichtiere an Hydrothermalquellen
Senckenberg trägt mit der Bewertung des Aussterberisikos von 17 Arten zum Update der Roten Liste bei. Das neue Update der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN (Internationale Union zur Bewahrung der Natur) zeigt die hohe Gefährdung einzigartiger Tiefseearten und unterstreicht die Bedeutung wissenschaftlicher Daten für internationale Entscheidungen zum Tiefseebergbau. Für das Update koordinierte die Senckenberg Ocean Species Alliance am Frankfurter Forschungsinstitut die Bewertung des Aussterberisikos von 17 bisher nicht erfassten Weichtierarten. Künftig sollen 500 weitere Bewohner von Hydrothermalquellen hinzukommen, darunter auch Tiefseewürmer und Krebstiere.
Während sich Delegierte aus aller Welt in Kingston (Jamaika) zur 31. Sitzung der Internationalen Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority, ISA) treffen, hat die IUCN eine neue Aktualisierung ihrer Roten Liste gefährdeter Arten veröffentlicht. Das Ergebnis ist alarmierend: 62 Prozent der weltweit bewerteten endemischen Weichtiere an Hydrothermalquellen gelten inzwischen als bedroht. Hauptursache ist die zunehmende Erschließung mineralischer Rohstoffe in der Tiefsee.
Hydrothermalquellen liegen in rund 5.000 Metern Wassertiefe und beherbergen einzigartige Lebensgemeinschaften, die ausschließlich an diesen Standorten vorkommen. Die aktuelle Aktualisierung umfasst 17 neu bewertete Arten und ergänzt damit die bereits mehr als 180 bewerteten endemischen Weichtierarten dieser außergewöhnlichen Ökosysteme.
Die neu bewerteten Arten machen deutlich, wie verletzlich hydrothermalquellengebundene Organismen angesichts des Tiefseebergbaus sind. Gleichzeitig stellen sie nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Biodiversität am Meeresboden dar. Hydrothermalquellen sind nur eines von drei Tiefsee-Ökosystemen, die derzeit für einen zukünftigen Rohstoffabbau in Betracht gezogen werden. Auch Manganknollenfelder und kobaltreiche Krusten beherbergen hoch spezialisierte Lebensgemeinschaften – von denen der überwiegende Teil bislang weder wissenschaftlich beschrieben noch hinsichtlich seines Aussterberisikos bewertet wurde.
„Diese Bewertungen zeigen eindrucksvoll, wie empfindlich die Lebensgemeinschaften an Hydrothermalquellen auf Tiefseebergbau reagieren könnten“, erklärt Dr. Ekin Tilic vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und Mitglied der internationalen Rote-Liste-Arbeitsgruppe. „Sie liefern wichtige wissenschaftliche Grundlagen für die aktuellen Verhandlungen über den Schutz dieser Lebensräume.“
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die Tiefseeschnecke Lirapex felix, die ausschließlich an einem einzigen Hydrothermalfeld im Indischen Ozean vorkommt. Aufgrund der dortigen Explorationsaktivitäten wurde sie nun als vom Aussterben bedroht eingestuft. Im Gegensatz dazu wurde Provanna exquisita, deren Lebensraum innerhalb eines Meeresschutzgebietes im Pazifik liegt, als nicht gefährdet bewertet. Von den 17 neu bewerteten Arten gelten elf als bedroht.
Viele Arten an Hydrothermalquellen kommen ausschließlich an einem einzigen Quellensystem vor. Wird dieses durch Bergbau beeinträchtigt oder zerstört, kann dies das vollständige Aussterben einer Art bedeuten.
Um angesichts dieser Dringlichkeit bestehende Wissenslücken zu schließen, koordinierte die Senckenberg Ocean Species Alliance (SOSA) gemeinsam mit internationalen Expert*innen die aktuellen Bewertungen. Im Rahmen der von SOSA geleiteten Marine Invertebrates Red List Authority (MIRLA) arbeitet eine internationale Gruppe von 15 Freiwilligen daran, künftig mehr als 500 Arten aus Hydrothermalquellen hinsichtlich ihres Aussterberisikos zu bewerten. Neben Weichtieren sollen auch Tiefseewürmer und Krebstiere untersucht werden.
„Die nun veröffentlichten Weichtiere sind eher die Ausnahme als die Regel“, sagt Prof. Dr. Julia Sigwart, Weichtierexpertin und Mitinitiatorin der Senckenberg Ocean Species Alliance. „Für den überwiegenden Teil der Tiefseeorganismen fehlen grundlegende Daten. Ohne dieses Wissen lässt sich weder das Aussterberisiko verlässlich einschätzen noch ein möglicher Tiefseebergbau wissenschaftlich fundiert regulieren.“
Die Veröffentlichung der neuen Roten-Liste-Bewertungen geschieht zeitgleich mit den laufenden Verhandlungen der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) in Jamaika, bei denen über zukünftige Regelungen für einen möglichen kommerziellen Tiefseebergbau beraten wird. Die aktuellen Ergebnisse liefern wichtige wissenschaftliche Informationen darüber, welche Arten und Lebensräume durch Eingriffe in die Tiefsee besonders gefährdet wären.
Um diese Erkenntnisse direkt in den internationalen Dialog einzubringen, nehmen Dr. Alica Torkov und Carly Rospert von der Senckenberg Ocean Species Alliance als Beobachterinnen an der ISA-Sitzung in Kingston teil. Dort informieren sie Entscheidungsträger*innen über die Bedeutung von taxonomischer Forschung und Gefährdungsbewertungen als Grundlage für den Schutz der Tiefsee.
„Die aktuellen Bewertungen verdeutlichen, dass wissenschaftliche Daten eine zentrale Voraussetzung für fundierte Entscheidungen über die Nutzung der Tiefsee darstellen. Sie zeigen zugleich, wie dringend die Erforschung und Bewertung bislang unbekannter Tiefseearten vorangetrieben werden muss, bevor irreversible Eingriffe in diese einzigartigen Ökosysteme erfolgen“, schließt Sigwart.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Julia D. Sigwart
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum
Telefon +49 69 7542-1272
julia.sigwart@senckenberg.de
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