Wie Trauer den Blick lenkt: DFG fördert innovative Trauerforschung
Der Tod eines geliebten Menschen gehört zu den einschneidendsten Erfahrungen im Leben. Während die meisten nach gewisser Zeit wieder in den Alltag zurückzufinden, gelingt dies einigen Trauernden nicht. Sie bleiben gedanklich dauerhaft bei der verstorbenen Person und richten ihren Blick kaum noch auf die Zukunft. Warum das so ist, untersucht ein neues Forschungsprojekt. In einem innovativen Ansatz kombinieren Prof. Dr. Christina Pfeuffer von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) und Prof. Dr. Hannah Comteße von der FernUniversität Hagen modernes Eye-Tracking mit klinischer Trauerforschung.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Vorhaben zu Aufmerksamkeitsprozessen bei Trauer für drei Jahre. Unterstützt werden Pfeuffer und Comteße von Doktorandin Sarah Debus. Die Anhaltende Trauerstörung (ATS) ist erst seit kurzem als eigenständige psychische Diagnose im internationalen Klassifikationssystem verankert. Betroffene leiden über einen langen Zeitraum unter intensivem Vermissen und einer gedanklichen Fixierung auf die verstorbene Person, was ihren Alltag massiv beeinträchtigt. Etwa fünf Prozent der Trauernden entwickeln solche Beschwerden. „Wir wissen, dass es Betroffenen schwerfällt, die Realität des Verlustes zu akzeptieren“, erläutert Prof. Dr. Hannah Comteße, die vor ihrer Tätigkeit an der Fernuniversität an der KU forschte. „Sie versuchen, die Nähe zur verstorbenen Person aufrechtzuerhalten, indem sie zum Beispiel im Kopf ständig bei der Person und der gemeinsamen Zeit sind, also in der Vergangenheit.“ Warum genau manche Menschen in der Trauer gefangen bleiben, gelte es zu erforschen.
Aufmerksamkeitsprozesse könnten dabei eine entscheidende Rolle spielen. „Die Annahme ist, dass trauernde Menschen Reize, die an die verstorbene Person erinnern, viel schneller und leichter verarbeiten“, erklärt Comteße. „Dagegen könnte es sein, dass Reize, die an den Tod an sich oder die konkrete Verlustsituation erinnern, aktiv vermieden werden.“ Genau diese Gleichzeitigkeit von Annäherung und Vermeidung mache Trauerreaktionen im Allgemeinen aus wissenschaftlicher Sicht so komplex.
Bisherige Studien mit trauernden Menschen, die sich vor allem auf Reaktionszeitmessungen stützen, konnten diese vermuteten Mechanismen nicht vollständig abbilden. Hier setzt die besondere Stärke des Projekts von Pfeuffer und Comteße an: Während Comteße die klinische Perspektive und Expertise einbringt, untersucht Christina Pfeuffer als Experimentalpsychologin im Bereich Kognitionspsychologie die Mechanismen von Aufmerksamkeit. So entsteht ein Synergieeffekt, wie Pfeuffer hervorhebt: „Gemeinsam konnten wir eine Studie konzipieren, mit der wir experimentell erforschen können, welche Mechanismen Trauerreaktionen im Allgemeinen zugrunde liegen.“
Dafür setzen die Forscherinnen auf moderne Eye-Tracking-Verfahren. Dabei werden Blickbewegungen präzise aufgezeichnet und ausgewertet. Da Menschen in der Regel dorthin schauen, wo sie Informationen verarbeiten, lassen sich aus den Blickbewegungen Rückschlüsse ziehen, welche Reize Aufmerksamkeit anziehen oder vermieden werden. „Eyetracking ist das direkteste Maß für Aufmerksamkeit, zudem ist eine gezielte Beeinflussung der Ergebnisse durch die Studienteilnehmenden kaum möglich“, unterstreicht die KU-Professorin die Vorteile ihrer Methode.
In der Studie sollen insbesondere sogenannte Antisakkadeneffekte betrachtet werden. Dabei gibt es zwei Phasen: In der ersten Phase blickt die Versuchsperson auf die Bildschirmmitte, dann erscheint links oder rechts davon ein Stimulus, in diesem Fall ein Foto. Aufgabe der Teilnehmenden ist es, so schnell wie möglich auf das Foto zu blicken. „Das ist die Pro-Sakkade und misst, wie schnell die Aufmerksamkeit auf etwas gelenkt werden kann“, erläutert Pfeuffer. In der zweiten Phase bleibt das Setting, jedoch bekommen die Teilnehmenden die Aufgabe in die andere Richtung wie das erscheinende Bild zu blicken. „Dafür braucht die Person viel Kontrolle, und zwar umso mehr, je stärker ihre Aufmerksamkeit automatisch vom Foto angezogen wird.“ Ergänzt wird der Experimentalaufbau um ein proaktives Element: Wie richten Betroffene ihre Aufmerksamkeit aus, bevor ein Reiz erscheint?
Eine besondere Herausforderung ist die Rekrutierung von Studienteilnehmenden. Die Forscherinnen nutzen öffentliche Aufrufe sowie den Kontakt zu speziellen Organisationen für Trauernde wie Selbsthilfegruppen im Großraum Nürnberg – denn hier erfolgt die Datenerhebung. „Wir suchen Personen, die trauern und Lust haben, unsere Forschung zu unterstützen. Das Ausmaß der Trauer spielt dabei keine Rolle.“, erklärt Hannah Comteße. „Natürlich helfen wir im Bedarfsfall auch bei der Suche nach passenden Unterstützungsangeboten.“
Mit den Ergebnissen ihrer Studie erhoffen sich die Forscherinnen nicht nur einen Beitrag zur Grundlagenforschung zu leisten, sondern perspektivisch auch Trauernden helfen zu können. „Wenn wir die vermuteten Mechanismen der Aufmerksamkeit zeigen können, ist das der erste Schritt für eine Erforschung der Frage: Wie können wir das wieder revidieren?“, sagt Comteße. Denkbar seien beispielsweise gezielte Trainings zur Aufmerksamkeitsverlagerung, die sich auch präventiv einsetzen lassen.
Einladung zur Teilnahme an der Studie:
Alle interessierten Personen im Großraum Nürnberg sind herzlich zur Teilnahme eingeladen. Zudem sollten folgenden Punkte auf Sie zutreffen: Verlust einer geliebten Person innerhalb der letzten fünf Jahre; Alter zwischen 18 und 65 Jahren und ausreichende deutsche Sprachkenntnisse; normale Sehkraft oder Sehschwäche durch Sehhilfe ausgeglichen; keine bekannten Farbsehschwächen. Bei Fragen oder Interesse können Sie sich an Sarah Debus via Mail an aufmerksamkeitsstudie(at)fernuni-hagen.de wenden.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Christina Pfeuffer - christina.pfeuffer@ku.de
Prof. Dr. Hannah Comteße - hannah.comtesse@fernuni-hagen.de>
Ähnliche Pressemitteilungen im idw