Gertrud Roegner: Die Frau, die vor 120 Jahren Universitätsgeschichte in Greifswald schrieb
Frauen in der Wissenschaft sind heute selbstverständlich – vor gut 120 Jahren waren sie es nicht. Gertrud Roegner schrieb am 21. April 1906 Universitätsgeschichte: Mit ihrer Promotion zur Medizinerin war sie die erste Frau, die an der Universität Greifswald promovierte. Ihren Weg dorthin musste sie sich entgegen vieler Hürden bahnen: Sie machte erst mit 27 Jahren das Abitur, studierte an mehreren Universitäten und erhielt schließlich eine Sondergenehmigung, um ihr Medizinstudium in Greifswald zu beenden. Ein neuer Beitrag im Online-Magazin Campus*1456 erzählt die Geschichte der Pionierin und ihrer wissenschaftlichen Arbeit.
Gertrud Roegner wurde 1873 im schlesischen Liegnitz, dem heutigen Legnica, als Tochter eines Kaufmanns geboren. Nach einer Ausbildung zur Handarbeits- und Turnlehrerin und mehreren Jahren im Schuldienst entschied sie sich 1896 für einen beruflichen Neuanfang. Sie wollte Medizin studieren und musste dafür zunächst das Abitur nachholen. 1901 bestand sie die Reifeprüfung am Königlichen Gymnasium in Jauer. Ihr Medizinstudium führte sie von Halle über Göttingen und Breslau nach Greifswald. Dort erhielt sie die Erlaubnis, an Vorlesungen und klinischen Übungen teilzunehmen und ihr Studium abzuschließen. Doch die reguläre Immatrikulation von Frauen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich: Erst zum Wintersemester 1908/09 nahm die Universität Greifswald die ersten fünf Studentinnen offiziell auf. Roegner hatte ihre Promotion da bereits abgeschlossen.
Für ihre Dissertation arbeitete sie am Pathologischen Institut in Greifswald unter der Leitung des Mediziners Prof. Dr. Paul Grawitz. In ihrer Arbeit „Ein Enterokystom des Mesenteriums und Netzes“ untersuchte sie einen seltenen Tumor im Bauchraum. Ihre mikroskopischen Analysen führten sie zu der These, dass der Tumor aus fehlplatziertem embryonalem Gewebe entstanden sein könnte. Die Medizinische Fakultät bewertete ihre Dissertation mit „magna cum laude“ und würdigte ihre wissenschaftliche Eigenständigkeit und Präzision.
Auch nach ihrer Promotion blieb Roegner medizinisch und gesellschaftlich engagiert. Sie arbeitete unter anderem in der Psychiatrie, war während des Ersten Weltkriegs in einem Verwundeten- und Seuchenlazarett tätig und leitete später ein Sanatorium für Frauen mit geringem Einkommen. Sie starb 1923 im Alter von 49 Jahren.
Gertrud Roegners Lebensweg steht exemplarisch für den mühsamen Zugang von Frauen zu Bildung und Wissenschaft. Ihre Promotion war ein wichtiger Schritt in der Geschichte der Universität Greifswald. Heute prägen Frauen Forschung, Lehre und Studium in allen Fakultäten – eine Entwicklung, die vor allem durch die Beharrlichkeit früher Pionierinnen wie Roegner möglich wurde.
Eine ausführliche Geschichte von Gertrud Roegner ist im Online-Magazin Campus*1456 der Universität Greifswald erschienen: https://ugreif.de/ywa9d
Weitere Informationen
Das Universitätsarchiv bewahrt auf 930 Quadratmetern Magazinfläche einzigartige Quellen aus der Geschichte der Universität Greifswald – einer der ältesten Universitäten Deutschlands. Zu den Beständen gehören unter anderem Urkunden und Amtsbücher, Gelehrtennachlässe, Karten der Universitätsgüter, historische Bauzeichnungen und Pläne sowie zahlreiche Fotos, Negative und Dias. Sie dokumentieren nicht nur die Universitätsgeschichte, sondern erzählen auch von der Geschichte Greifswalds und der Region. Gesammelt und dauerhaft aufbewahrt wird, was für die Universität von bleibendem Wert ist.
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