Wissenschaftsrat empfiehlt den Aufbau einer Forschungsinfrastruktur für Daten von Online-Plattformen
In seiner am 27.7.2026 veröffentlichten Stellungnahme befürwortet der Wissenschaftsrat die Umsetzung des Vorhabens „Research Infrastructure for Data from Large Online Platforms“ (RIDLOP) durch GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. RIDLOP soll die erste Forschungsinfrastruktur in Deutschland und Europa sein, die Daten großer Online-Plattformen archiviert und sie der Forschung unter sicheren Bedingungen zugänglich macht.
Als Spezialist für Forschungsdateninfrastrukturen konnte GESIS mit RIDLOP das einzige Projekt aus den Geistes- und Sozialwissenschaften auf der im Juli 2025 veröffentlichten Shortlist im Priorisierungsverfahren des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) platzieren.
Von Forschenden erhobene Datensätze, Datenspenden von Nutzerinnen und Nutzern sowie von Online-Plattformen bereitgestellte Daten sollen in RIDLOP strukturiert zusammengeführt und für die wissenschaftliche Nutzung zugänglich gemacht werden. So soll ein qualitätsgeprüftes Datenportfolio entstehen, das das Angebot von GESIS sinnvoll erweitert. GESIS archiviert in seinem Datenarchiv seit Jahrzehnten sozialwissenschaftliche Forschungsdaten nach international anerkannten Standards.
Verbindung von Daten, Infrastruktur und Expertise
In seiner Stellungnahme hebt der Wissenschaftsrat RIDLOP als wegweisendes Vorhaben für die sozialwissenschaftliche Forschung hervor: Die Kombination aus hochwertigen, kuratierten Daten und der technischen Infrastruktur, um diese Daten zu teilen, ermögliche innovative Forschung zu hochrelevanten Themen. Der Wissenschaftsrat bescheinigt RIDLOP das Potenzial, die Forschung mit Online-Plattformdaten durch Standards für Metadaten, Kuratierung und Datenqualität maßgeblich zu prägen.
Der Wissenschaftsrat betont die Vorreiterrolle im Rahmen des Digital Services Act (DSA) der Europäischen Union: RIDLOP werde voraussichtlich eine der ersten Infrastrukturen sein, die die im DSA vorgesehenen Datenzugänge für die Forschung praktisch umsetzt. Damit könne RIDLOP den Forschungsstandort Deutschland signifikant stärken und als Blaupause für internationale Initiativen dienen. RIDLOP könne Orientierungswissen für Entscheidungsträger*innen generieren und damit die digitale Souveränität Europas stärken.
Die Stellungnahme des Wissenschaftsrats enthält darüber hinaus wertvolle Hinweise und Empfehlungen für eine erfolgreiche Umsetzung des Vorhabens.
„Wir freuen uns, dass der Wissenschaftsrat die Bedeutung von RIDLOP für die deutsche und europäische Forschungslandschaft, für Politik und Gesellschaft anerkennt und GESIS als ideale Institution für den Aufbau der Infrastruktur einschätzt. Die positive Evaluation ist ein Verdienst von vielen Akteur*innen innerhalb und außerhalb des Instituts und wir warten nun gespannt auf die anstehende Entscheidung des Ministeriums“, sagt Prof. Dr. Christof Wolf, Präsident von GESIS.
„Verlässliche Daten und sichere Dateninfrastrukturen gehören zu unseren Kernkompetenzen. Die Expertise, die wir aus jahrzehntelanger Umfrageforschung und Datenarchivierung, aber auch jüngst durch unsere Arbeiten zu digitalen Verhaltensdaten erworben haben, werden wir gezielt in RIDLOP einbringen und auf Online-Plattformdaten ausweiten“, sagt Prof. Dr. Beatrice Rammstedt, Vizepräsidentin von GESIS.
Neue Evidenz zum Einfluss von Online-Plattformen auf die digitale Gesellschaft
Prof. Dr. Katrin Weller und Prof. Dr. Sebastian Stier, die Leiter*innen von RIDLOP, betonen die Bedeutung der neuen Forschungsinfrastruktur. „Soziale Medien, Suchmaschinen, Online-Marktplätze und KI-Chatbots prägen heute zentrale Bereiche unseres Alltags. Gleichzeitig fehlen der Wissenschaft bislang vielfach die Daten, um ihre alltägliche Nutzung fundiert zu untersuchen“, sagt Weller. Stier ergänzt: „RIDLOP stellt Forschenden die Datengrundlage bereit, die sie benötigen, um gesellschaftlich relevante Fragestellungen zu Online-Plattformen zu beantworten. Das Ziel ist es, die Gestaltung unserer digitalen Lebenswelten auf Basis verlässlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse zu ermöglichen.“
Das Priorisierungsverfahren für umfangreiche Forschungsinfrastrukturen
Das BMFTR hat 2024 ein Priorisierungsverfahren für umfangreiche Forschungsinfrastrukturen initiiert und den Wissenschaftsrat mit der wissenschaftsgeleiteten Bewertung der eingereichten Konzepte beauftragt. Geprüft wurden unter anderem das wissenschaftliche Potenzial, die Nutzungsperspektiven, das Innovations- und Transferpotenzial sowie Kosten und Risiken. Im Juli 2025 setzte das Ministerium neun Vorhaben auf die Shortlist des Bundesförderprogramms, darunter RIDLOP als einziges Projekt aus den Sozialwissenschaften. Um eine bestmögliche Umsetzung zu ermöglichen, begutachtet der Wissenschaftsrat die Vorhaben der Shortlist seither einzeln; für RIDLOP fand die Begehung bei GESIS am 20. und 21. April 2026 statt. Auf Basis der Einschätzung des Wissenschaftsrats wird das BMFTR über die Finanzierung des Vorhabens entscheiden.
Ansprechpartnerin bei GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften
Dr. Sophie Zervos
Pressesprecherin
sophie.zervos@gesis.org
Telefon: +49(0)221 / 47694 – 136
Unter Sachsenhausen 6-8
D-50667 Köln
Als eine der weltweit führenden Infrastruktureinrichtungen für die Sozialwissenschaften steht das GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften Forscher*innen mit seiner Expertise und seinen Dienstleistungen auf allen Ebenen ihrer Forschungsvorhaben beratend zur Seite, sodass gesellschaftlich relevante Fragen auf der Basis neuester wissenschaftlicher Methoden, qualitativ hochwertiger Daten und Forschungsinformationen beantwortet werden können. Um diesen Service heute und in Zukunft zu gewährleisten, verknüpft GESIS seine integrierte Erhebungs- und Dateninfrastruktur mit Methoden, Modellen und Algorithmen der Informatik im sozialwissenschaftlichen Anwendungsfeld und erweitert kontinuierlich sein Angebotsportfolio im Bereich digitaler Verhaltensdaten. GESIS ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, Konsortialführerin von KonsortSWD in der NFDI und unterhält institutionelle und projektbezogene Kooperationen mit zahlreichen Universitäten und Forschungseinrichtungen im In- und Ausland. GESIS beteiligt sich an wichtigen europäischen Projekten wie dem European Social Survey (ESS), der European Value Study (EVS), dem europäischen Archivverbund CESSDA oder dem OECD-Projekt Programme for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC).
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Katrin Weller | Abteilungsleiterin Data Services for the Social Sciences | katrin.weller@gesis.org
Prof. Dr. Sebastian Stier | Abteilungsleiter Computational Social Science | sebastian.stier@gesis.org
Weitere Informationen:
https://ridlop.gesis.org/ Website von RIDLOP
https://www.wissenschaftsrat.de/download/2026/3385-26.pdf Veröffentlichte Stellungsnahme des WR
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