Ankommen als kommunale Aufgabe
Forschungsprojekt zeigt, wie „neue“ Ankunftsquartiere Teilhabe und Zusammenhalt stärken können / TU-Team begleitete Fallstudien in Saalfeld und Marzahn-Hellersdorf
Migration prägt längst nicht mehr nur große Städte oder klassische innerstädtische Ankunftsquartiere. Auch kleinere und mittlere Städte sowie Stadtteile, die bislang wenig Erfahrung mit internationaler Zuwanderung hatten, werden zunehmend zu Orten des Ankommens. Wie Kommunen diese Entwicklung gestalten und Teilhabe vor Ort stärken können, zeigt das Forschungs- und Praxisprojekt „Teilhabe in ‚neuen‘ Ankunftsquartieren stärken“, an dem die Technische Universität Berlin beteiligt war. Das Projekt ging der Frage nach, wie Menschen, die neu in einem Quartier ankommen, Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen und Zusammenhalt finden können. Die Ergebnisse sind nun in der Publikation „Was Ankunftsquartiere stark macht“ gebündelt. Das Booklet richtet sich an Akteur*innen aus Forschung, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Kommunen, die sich mit der Frage „Wie gelingt Ankommen“ beschäftigen und zeigt konkrete Handlungsmöglichkeiten für eine zukunftsfähige kommunale Migrations- und Stadtentwicklungspolitik.
Zwischen 2023 und 2026 begleitete ein Konsortium aus ILS Research, Technischer Universität Berlin, Deutschem Institut für Urbanistik und STADTRAUMKONZEPT bundesweit elf Kommunen. Gefördert wurde das Projekt von der Stiftung Mercator. Gemeinsam mit lokalen Akteur*innen wurden Bedarfe in Ankunftsquartieren analysiert, neue Ansätze erprobt und Strategien entwickelt, um gesellschaftliche Teilhabe, Zugänge zu sozialen Infrastrukturen und den Zusammenhalt im Quartier zu stärken. „Ankommen und Nachbarschaft funktionieren häufig viel unaufgeregter, als wir denken“, sagt Prof. Dr. Heike Hanhörster von der TU Berlin. „Es braucht Orte, an denen sich Nachbar*innen auf Augenhöhe begegnen können und an denen sie gemeinsame Anliegen verfolgen.“
Ankommen als geteilte Erfahrung: Die Fallstudie Marzahn-Hellersdorf
Das Team der TU Berlin begleitete im Projekt die Fallstudien Saalfeld in Thüringen und Marzahn-Hellersdorf in Berlin. In beiden Fallstudien stand im Mittelpunkt, wie Zugewanderte und bereits länger ansässige Bewohner*innen Zugang zu lokalen Angeboten, Netzwerken und Mitgestaltungsmöglichkeiten finden. Die Forschung macht deutlich: Ankunftsquartiere sind weit mehr als Orte des ersten Wohnens. Sie bieten Orientierung, lokales Wissen, Beratungsangebote, soziale Beziehungen und niedrigschwellige Zugänge zu Bildung, Arbeit, Wohnen und gesellschaftlicher Teilhabe.
Die Fallstudie Hellersdorf zeigt, wie Gemeinsamkeiten von Bewohner*innen über soziale, biografische und kulturelle Grenzen hinweg gestärkt werden können. In einem Stadtteil, der selbst durch kontinuierliches Ankommen geprägt ist, wird deutlich: Ankommen ist ein dauerhafter sozialräumlicher Aushandlungsprozess, der alle betrifft. Im Trickfilmprojekt „Über den frischen Wind“, das gemeinsam mit lokalen Künstler*innen und Bewohner*innen entwickelt wurde, standen unterschiedliche und geteilte Erfahrungen des Ankommens im Bezirk im Mittelpunkt. Der Film zeigt, wie kreative Formate durch gemeinsames Erzählen, Zuhören und Gestalten Räume für Austausch schaffen. Biografische Vielfalt wird als Ressource erlebbar und geteilte Alltagserfahrungen schaffen lokale Vertrautheit, die Nachbarschaft über Herkunfts- und Erfahrungslinien hinweg stärken.
Wohnen und Teilhabe kooperativ angehen: Die Fallstudie Saalfeld
Die Fallstudienarbeit in Saalfeld verdeutlicht, dass sichere Wohn- und Lebensbedingungen sowohl auf der Ebene des alltäglichen Zusammenlebens als auch auf der Ebene kommunalpolitischer Rahmenbedingungen gestaltet werden müssen. Niedrigschwellige Angebote, Beteiligungsformate und gemeinschaftliche Bau- und Gestaltungsprozesse im Quartier stärken soziale Netzwerke, fördern Selbstwirksamkeit und ermöglichen die Beteiligung an der Gestaltung des Wohnumfeldes. Sie tragen dazu bei, Problemlagen frühzeitig sichtbar zu machen und gemeinsam Lösungsansätze zu entwickeln. Gleichzeitig trägt der Abstimmungsprozess in Saalfeld und im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt zwischen Verwaltungen, Wohnungsunternehmen und sozialen Trägern dazu bei, dass strukturelle Herausforderungen im Bereich Wohnen durch institutionelle Kooperation, klare Zuständigkeiten und Maßnahmen angegangen werden.
Zentrale Empfehlungen
Gleichzeitig stehen viele dieser Quartiere unter Druck. Hohe Fluktuation, knappe kommunale Ressourcen, Diskriminierungserfahrungen und stigmatisierende öffentliche Debatten erschweren Teilhabe und Zusammenleben. Besonders in „neuen“ Ankunftsquartieren fehlen häufig gewachsene Unterstützungsnetzwerke und etablierte Andockstellen, wie sie in traditionellen Ankunftsquartieren über Jahrzehnte entstanden sind.
Aus den Erfahrungen der beteiligten Kommunen leitet das Projektteam zentrale Empfehlungen ab:
• Ankunftsräume treten in unterschiedlichen städtischen Lagen und räumlichen Maßstabsebenen auf. Oft trifft dort Migration auf bestehende strukturelle Ungleichheiten.
• Es gilt die Dynamik und Logiken von Ankunftsquartieren besser zu verstehen, um strategisch und perspektivisch handeln zu können. Realistische Ziele sind dabei zentral – gleichbleibende Sozialdaten sind zunächst kein Grund zur Sorge.
• Zugänge zu gesellschaftlichen Ressourcen können durch passgenaue Infrastrukturen erleichtert werden. Soziale Infrastrukturen müssen sichtbar und niedrigschwellig zugänglich sein – etwa Beratungsstellen, Bildungsangebote, Begegnungsorte und Unterstützungsangebote im Quartier.
• Zugewanderte und bereits länger ansässige Bewohner*innen sollten stärker an kommunalen Entscheidungsprozessen beteiligt werden, damit ihre Erfahrungen und Bedarfe in Planungen einfließen.
• Quartiersbezogene Ansätze müssen besser mit gesamtstädtischen Strategien der Stadtentwicklung, Integrationspolitik, Wohnungspolitik und Sozialplanung verzahnt werden. Denn: Ankommen und Teilhabe enden nicht an der Quartiersgrenze.
• Kommunen brauchen ein kontinuierliches Monitoring, um Veränderungen in Ankunftsquartieren frühzeitig zu erkennen, Zuwanderungsprozesse besser zu verstehen und passgenau reagieren zu können.
• Ressortübergreifende Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung sowie Kooperationen mit Wohnungswirtschaft, Zivilgesellschaft, Bildungseinrichtungen und lokalen Initiativen sollten systematisch gestärkt werden.
• Teilhabe und Zusammenhalt benötigen verlässliches Personal und Strukturen sowie eine langfristige Finanzierung, damit erfolgreiche Ansätze nicht nur projektförmig bestehen bleiben.
„Ankunftsquartiere betreffen nicht nur Integrationspolitik“, so Prof. Dr. Hanhörster. „Sie berühren Fragen der Stadtentwicklung, der Wohnungspolitik, der sozialen Infrastruktur, der Bildungsgerechtigkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Deshalb braucht es ressortübergreifende Zusammenarbeit, verlässliche Strukturen und eine stärkere Einbindung der Menschen vor Ort.“
Die Publikation „Was Ankunftsquartiere stark macht“ steht kostenlos zum Download bereit.´: https://www.ils-forschung.de/files_publikationen/pdfs/BROSCH%C3%9CRE_Projekt%20Ankunftsquartiere_ONLINE.pdf
Der Trickfilm „Über den frischen Wind“ wird an jedem Freitag im August als Vorfilm des Balkonkinos der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ‚STADT UND LAND‘ am Cecilienplatz in Hellersdorf gezeigt: https://stadtundland.de/unternehmen/veranstaltungen/balkonkino-hellersdorf
Weitere Informationen finden Sie auf der Projektwebsite: https://www.ankunftsquartiere-staerken.de/
Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Prof. Dr. Heike Hanhörster
Fachgebietsleitung Soziale Kohäsion, Diversität und Migration in der räumlichen Planung
Fakultät VI Planen Bauen Umwelt
E-Mail: h.hanhoerster@tu-berlin.de
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