Die Reformation aus Rebdorfer Sicht: DFG-Projekt widmet sich den Chroniken des Kilian Leib
Die Reformation gilt als eines der einschneidendsten Ereignisse der europäischen Geschichte. Wie dieser tiefgreifende Wandel von katholischen Zeitgenossen erlebt wurde, erforscht ein neues Projekt an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU). Im Mittelpunkt steht der Rebdorfer Augustiner-Chorherren-Prior Kilian Leib (1471–1553), dessen umfangreiche Chroniken einen außergewöhnlichen Blick auf die Umbrüche des frühen 16. Jahrhunderts eröffnen.
Gefördert wird das Forschungsvorhaben „Regionale Deutungen religiöser Transformation: Die Reformation aus der Sicht klösterlicher Zeitchronistik in Süddeutschland“ über drei Jahre durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Initiator und Projektleiter ist Prof. Dr. Bernward Schmidt, Inhaber des Lehrstuhls für Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der KU, unterstützt wird dieser von Immanuel Schoene als wissenschaftlichem Mitarbeiter. Gemeinsam wollen sie die Perspektive katholischer Zeitzeugen erforschen, die den religiösen und gesellschaftlichen Wandel unmittelbar erlebten und dokumentierten. „Einer der DFG-Gutachter hat uns bescheinigt, dass wir damit eine der wenigen Forschungslücken der Reformationsgeschichte gefunden haben“, berichtet Schmidt. Während sich die Forschung bislang vor allem mit Martin Luther und weiteren reformatorischen Akteuren beschäftigt hat, richtet das Eichstätter Projekt den Blick auf die andere Seite. Wie erlebten katholische Ordensgemeinschaften die Umbrüche? Welche Entwicklungen hielten sie für bedeutsam? Und wie bewerteten sie die Veränderungen?
Im Zentrum steht dabei Kilian Leib, Prior des Augustiner-Chorherrenstifts Rebdorf in Eichstätt. Vom Altmühltal aus beobachtete und beschrieb Leib in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die prägenden Entwicklungen seiner Zeit. In seinem umfangreichsten Werk, den „Annales maiores“, berichtet er über geschichtliche Ereignisse in der ihm bekannten Welt – es geht ebenso um große Schlachten zwischen dem Osmanischen Reich und dem lateinischen Europa wie um den Bauernkrieg in Franken. „Kilian Leib war interessiert daran, alles um sich herum zu erfassen und niederzuschreiben. Er war ein sehr fleißiger und aufmerksamer Beobachter“, beschreibt Historiker Immanuel Schoene die Quellenlage. Nicht im Fokus des Projekts, aber dennoch von Interesse ist auch das zweite große historiographische Werk Leibs, die „Annales minores“, die vornehmlich lokale Eichstätter Bistumsgeschichte überliefern. „Wir werden der Frage nachgehen, ob Leib vielleicht sogar plante, die beiden Werke zu einer ,lokalen Weltgeschichte‘ zusammenzufügen.“
Leib beschreibt in seinen „Annales maiores“ nicht nur Kriege und politische Ereignisse, sondern auch die kulturellen und religiösen Veränderungen seiner Zeit, wie Plünderungen von Kirchen, Veränderungen des Gottesdienstes oder Austritte von Ordensangehörigen. Diese breite Darstellung passt zum Wesen der Reformation. „Reformation ist zu verstehen als eine gesellschaftliche und kulturelle Umbruchphase im ganz Großen“, unterstreicht Schoene. Spannend sei dabei Leibs Position: „Er hat einen moralischen Kompass und ein klerikales Selbstbewusstsein. Er findet einige Kritikpunkte der Reformation berechtigt und ist sich bewusst, dass es Reform benötigt – aber er bleibt dabei ganz klar auf dem Boden der Tradition. Der gänzliche Bruch mit allem Bewährten ist für ihn sehr erschütternd“. In Leibs Chronik zeige sich auch eine starke Polemik, die typisch für die Reformationszeit ist: „Leib hält mit seiner Meinung zu Luther nicht hinter dem Berg, wenn er beispielsweise schreibt, Luther beherberge Satan als Gast.“ Diese auf Herabwürdigung anderer zielende Art der Kommunikation, genannt Invektivität, spiele aktuell eine wichtige Rolle in der Reformationsforschung. „Man kann die Reformationszeit auch als Kaskade von Ehrkonflikten lesen“, erklärt Schoene, der sich in seiner Dissertation mit einer Gewaltgeschichte der frühen Reformation befasste.
Eine der beiden Hauptsäulen des DFG-Projekts ist die Erarbeitung einer kritischen, lateinisch-deutschen Edition von Leibs „Annales maiores“, die zudem einen Anmerkungsapparat sowie ein Personen- und Ortsverzeichnis beinhalten soll. In der zweiten Säule geht es dann um eine Erweiterung der Perspektive durch den Vergleich: Die Forscher möchten weitere klösterliche und auch städtische Chroniken aus einem Umkreis von rund 200 Kilometern um Eichstätt sichten, um mögliche Parallelen in der Auswahl der überlieferten Ereignisse sowie ihrer Beschreibung zu identifizieren. „Wir planen dabei nicht nur Männer-, sondern auch Frauenklöster einzubeziehen. Zu prüfen, welche Quellen sich dafür konkret eignen, ist auch Teil unseres Forschungsvorhabens“, erläutert Projektleiter Bernward Schmidt. Beispielsweise gebe es historiographische Aufzeichnungen der gebürtigen Eichstätterin Caritas Pirckheimer, die Äbtissin des Klarissenklosters in Nürnberg war, und auch ihrer Schwester Euphemia Pirckheimer, Äbtissin des Benediktinerinnenklosters Bergen bei Neuburg.
„Nach den drei Jahren werden wir hoffentlich erstmals zeigen können, wie in katholischen Klöstern die frühe Reformationszeit gesehen und bewertet wurde“, sagt Schmidt. Immanuel Schoene hofft auch, dass so deutlicher erkennbar wird, wie tief die Brüche dieser Zeit wirklich waren: „Bei Leib zeigt sich, dass es zwischen den katholischen und den reformatorischen Akteuren damals sogar Gemeinsamkeiten gab – ebenso aber Differenzen, die nicht mehr zu kitten waren.“ Damit liefere das Projekt spannende Impulse nicht nur für die Reformationsforschung, sondern auch für Forschungen zur Ökumene.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Bernward Schmidt - Bernward.Schmidt@ku.de
Immanuel Schoene - Immanuel.Schoene@ku.de
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