Wie sich die Ideologie der Tech-Milliardäre verbreitet hat
Wie haben sich die ideologischen Strömungen der "Tech Right" gebildet, und wie ist es ihren Protagonisten gelungen, mit extremistischen und antidemokratischen Ideen gesellschaftlich und politisch Einfluss zu nehmen? In einem neuen Projekt an der Universität Oldenburg untersucht das Forschungsteam die Wurzeln und dynamische Entwicklung der Bewegung im digitalen Raum.
In den USA üben Gründer und Investoren aus dem Silicon Valley einen großen Einfluss auf die Politik aus – mit weltweiten Folgen. Wie sich ihr antiliberales, techno-optimistisches Weltbild entwickelt hat, ist bislang kaum erforscht. Nun widmet sich ein Team um die Philosophin Prof. Dr. Anna-Verena Nosthoff und den Politikwissenschaftler Prof. Dr. Marius Sältzer, beide von der Universität Oldenburg, dieser Frage mit einer neuen Methode. Die Forschenden verknüpfen theoretische Analysen mit einer empirischen Untersuchung von Onlinemedien und Onlineforen. Das Forschungsprojekt „Mapping the Ideological Online Dynamics of the Tech Right: Tracing the Evolution, Influence, and Normalization of Silicon Valley's Neo-Reactionary Thought” wird von der VolkswagenStiftung in der Förderinitiative „Aufbruch – Neue Forschungsräume für die Geistes- und Kulturwissenschaften“ für 18 Monate mit 300.000 Euro unterstützt.
Nosthoff und Sältzer wollen in ihrem Vorhaben herausfinden, wie sich die wichtigsten ideologischen Strömungen der oft als „Tech Right“ oder „Technofaschisten“ bezeichneten Gruppe gebildet haben und wie es ihren Protagonisten gelungen ist, ihre extremistischen, teils widersprüchlichen und antidemokratischen Ideen zu normalisieren – und Einfluss auf die reale Welt zu nehmen. Die Forschenden kombinieren dafür verschiedene Herangehensweisen, etwa aus politischer Theorie, Ideologietheorie und empirischen Sozialwissenschaften. „Diese komplexen Denkbewegungen unterlaufen teils herkömmliche ideologische Verortungen und sind hochdynamisch. Sie stellen die Ideologieforschung vor Herausforderungen, deshalb wählen wir einen multiperspektivischen Ansatz“, erklärt Nosthoff, Juniorprofessorin für Ethik der Digitalisierung am Institut für Philosophie sowie Ko-Direktorin des in Berlin und Oldenburg angesiedelten Critical Data Lab.
Um aufzuzeigen, wie sich die Tech-Ideologien in digitalen Räumen verbreitet haben, planen die Oldenburger Forschenden etwa, große Textmengen aus Onlinemedien wie Reddit, 4chan, Telegram oder X teilautomatisch mit Hilfe von KI-Sprachmodellen und parallel über interpretative theoretische Methoden zu analysieren. „Da Online-Textquellen Kommentare, Zitate und Links enthalten, können wir durch diesen Ansatz Netzwerkstrukturen und ideologische Querverbindungen aufdecken“, erklärt Sältzer, Juniorprofessor für digitale Sozialwissenschaften. Ziel der Forschenden ist es insbesondere, die dynamische Entwicklung der Tech-Ideologien möglichst unmittelbar nachzuvollziehen.
Die Förderinitiative „Aufbruch – Neue Forschungsräume für die Geistes- und Kulturwissenschaften“ der VolkswagenStiftung suchte Projekte mit einem „Aufbruchcharakter“, die neue Forschungsthemen explorieren. Die Stiftung möchte kreative, wagemutige und neugierige Wissenschaftler*innen ermutigen, unkonventionelle Ideen voranzubringen, Risiko zu wagen und mit unorthodoxen Fragestellungen und experimentellen Ansätzen zur Lösung großer, wissenschaftsgetriebener Herausforderungen beizutragen.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Marius Sältzer, Telefon: +49 (0) 441 798-2635, E-Mail: marius.saeltzer@uol.de;
Prof. Dr. Anna-Verena Nosthoff, Telefon: +49 (0) 441 798-4794, E-Mail: anna-verena.nosthoff@uol.de
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