Ideen vom Essensstand
Im internationalen Netzwerk PolyUrbanWaters arbeitet die TU Berlin an Lösungen für die Wasserprobleme der rasant wachsenden Städte Südostasiens
Gerichte, Tee und andere Getränke angeboten werden. Doch sein Name ist ungewöhnlich. „Angkringan Dari Masa Depan“ steht in leuchtend gelben Buchstaben über der Verkaufsfläche. „Der Angkringan aus der Zukunft“. Und um genau die geht es hier. Die Menschen im indonesischen Randugowang sind eingeladen, ihre Ideen und Wünsche für die nächsten zwanzig Jahre zu formulieren – vor allem, was das Thema Wasser angeht. Pak Surnaji, der die örtliche Nachbarschaftsgemeinschaft leitet, muss da nicht lange überlegen. Seinen Wunsch für die Zukunft seiner Heimat kann er ganz kurz zusammenfassen: „Erstens: Keine Überschwemmungen. Zweitens: Schutz vor Dürre.“
Das Gesprächsangebot am Essensstand ist Teil des 2019 gestarteten Projekts „PolyUrbanWaters“ am Fachgebiet Entwerfen und internationale Urbanistik - Habitat Unit der TU Berlin. Darin entwickelt ein internationales Netzwerk von Fachleuten Lösungen für die Wasserprobleme in den schnell wachsenden Städten Südostasiens. Beteiligt sind die TU Berlin, die Technische Hochhochschule (TH) Köln, die Bremer Arbeitsgemeinschaft für Überseeforschung und Entwicklung e. V. (BORDA) und mehrere Forschungseinrichtungen aus der Region. Dazu kommen Nichtregierungsorganisationen, Wasserversorger und zahlreiche lokale Partner „Wir wollen nicht mit Konzepten aus Deutschland kommen, die wir den Städten überstülpen“, betont Projektmitarbeiterin Ania Wilk-Pham vom Fachgebiet Entwerfen und internationale Urbanistik - Habitat Unit. Ihrer Erfahrung nach entstehen die besten Lösungen gemeinsam mit den Menschen vor Ort. „Denn sie kennen ihre Stadt und ihre Herausforderungen am besten.“
Wenn Städte schneller wachsen als ihre Infrastruktur
An solchen Herausforderungen herrscht gerade in Südostasien kein Mangel. Schon heute steht nicht überall genug sauberes Trinkwasser zur Verfügung, Abwassersysteme sind veraltet oder fehlen ganz, Überschwemmungen gehören mancherorts zum Alltag. Und die Lage verschärft sich weiter. Das rasante und oft unkontrollierte Wachstum vieler Städte führt dazu, dass Reisfelder ebenso überbaut werden wie eigentlich geschützte Feuchtgebiete.
Statt die Niederschläge wie ein Schwamm aufzunehmen, lassen die so versiegelten Flächen das Wasser an der Oberfläche abfließen. Das verstärkt die Gefahr von Überschwemmungen und Erdrutschen. Dazu kommt der Klimawandel, der immer häufiger extreme Niederschläge oder auch Dürren mit sich bringt.
Um das alles in den Griff zu bekommen, setzt das Projektteam auf die sogenannte polyzentrische Wasserwirtschaft. „Das bedeutet, dass wir nicht nur die Aspekte betrachten, die direkt mit Wasser und Abwasser zu tun haben“, erklärt Ania Wilk-Pham. Für sie ist Wasser ein Querschnittsthema, das die verschiedensten Bereiche von der Stadtplanung bis zur Landwirtschaft betrifft. „Deshalb wollen wir mit allen wichtigen Akteuren zusammenarbeiten“, sagt die Forscherin. Politik und Verwaltung seien ebenso gefragt wie Unternehmen und die Bevölkerung vor Ort.
Graue Infrastruktur trifft grün-blaue Lösungen
Gemeinsam sollen alle Beteiligten Maßnahmen entwickeln, um die Städte fit für den Klimawandel zu machen und für mehr Lebensqualität zu sorgen. Dabei geht es zum einen um Verbesserungen in der klassischen „grauen“ Infrastruktur, zu der etwa Kanalnetze oder Kläranlagen gehören. Zum anderen setzt das Projekt aber auch auf Lösungen, die auf natürlichen Prozessen beruhen. Investitionen in diese „grün-blaue“ Infrastruktur umfassen zum Beispiel den Schutz von Feuchtgebieten und natürlichen Wasserläufen, das Anlegen von Parks, Versickerungsflächen und begrünten Dächern oder das Pflanzen von Stadtbäumen.
„Bei der Auswahl ist nicht nur entscheidend, dass die Maßnahmen wirksam und bezahlbar sind“, betont Ania Wilk-Pham. „Es muss auch Menschen vor Ort geben, die sie langfristig betreuen können.“ Die dafür nötigen Kapazitäten zu schaffen, ist daher ebenfalls ein wichtiges Ziel von PolyUrbanWaters.
Drei Städte, drei sehr unterschiedliche Ausgangslagen
Wie das alles in der Praxis aussehen kann, untersucht das Projektteam in drei Pilotstädten. Es hat sich dabei bewusst nicht für die riesigen Mega-Cities Südostasiens entschieden, die sonst oft im Fokus stehen. Stattdessen geht es hier um kleinere und mittlere Städte, die aber rasant wachsen. Bei Sam Neua in Laos und Kratié in Kambodscha hängt dieser Entwicklungsschub damit zusammen, dass sie vor einigen Jahren zu Provinzhauptstädten ernannt wurden. Inzwischen haben beide etwa 30.000 Einwohner. In einer anderen Liga spielt Sleman in Indonesien, wo heute schon 1,2 Millionen Menschen leben.
„Wir hatten eigentlich gedacht, dass wir für alle drei Städte ähnliche Werkzeuge entwickeln könnten“, erinnert sich Ania Wilk-Pham. Die Bebauung von Reisfeldern und Schutzgebieten oder die Probleme mit der Menge und Qualität von Trinkwasser sind dort schließlich überall ein Thema. „Im Laufe des Projekts hat sich aber gezeigt, dass wir für jede Stadt ein maßgeschneidertes Konzept brauchen“, erklärt die Stadtplanerin. „Für Standardlösungen sind sie einfach zu verschieden.“
Das liegt nicht nur daran, dass Sam Neua in einem engen Gebirgstal liegt, Kratié in einer weiten Ebene am Fluss Mekong und Sleman zwischen dem Meer und dem Vulkan Merapi. Neben der Landschaft und dem damit verbundenen Wasserregime unterscheiden sich zum Beispiel auch die Verwaltungsstrukturen massiv.
Im Fall von Sleman hat sich zudem die große Einwohnerzahl als Hindernis erwiesen. „Dort haben wir festgestellt, dass wir in kleinerem Maßstab arbeiten müssen, wenn wir vor Ort Kapazitäten aufbauen wollen“, berichtet Ania Wilk-Pham. Also konzentriert sich das Team jetzt auf Randugowang – einen Stadtteil, in dem Hochhäuser und Reisfelder zum Teil direkt nebeneinander liegen.
Im November 2025 hat dort ein erster Workshop stattgefunden, zu dem unterschiedliche Interessensgruppen und Akteure eingeladen waren. Dabei habe man schon viel gelernt, sagt Wilk-Pham. „Wir wollten dann aber nicht nochmal in einem Raum sitzen und über die Zukunft reden.“ Ein informelleres Format sollte her, bei dem Menschen auch spontan vorbeikommen und ihre Gedanken äußern konnten. So entstand die Idee mit dem „Angkringan aus der Zukunft“.
Ein Kiosk als Ort für Zukunftsideen
„Diese mobilen Kioske sind in Indonesien traditionell Orte, an denen die Menschen auch mit Fremden ins Gespräch kommen“, erklärt die Stadtplanerin. „Deshalb haben wir im März einen gemietet.“ An strategischen Punkten wie etwa neben einem Reisfeld oder an einer großen Straße hat das Team seinen Wagen jeweils für ein paar Stunden aufgestellt – mit Erfolg. Frauen und Männer, 15-jährige Schüler und alte Bauern: Insgesamt haben 40 bis 50 ganz unterschiedliche Menschen ihre Ideen für das Randugowang der Zukunft beigesteuert.
Derzeit ist das Projektteam dabei, alle Erkenntnisse auszuwerten und zusammenzufassen. Es erstellt nicht nur Strategiepapiere für die Politik, Empfehlungen für sinnvolle Maßnahmen und Fahrpläne für deren Umsetzung. „Wir entwickeln auch Leitfäden für die Praxis, mit denen sich einzelne Projekte vor Ort Schritt für Schritt umsetzen lassen“, berichtet Ania Wilk-Pham.
In wenigen Monaten werden die ersten kleinen Neuerungen schon sichtbar werden. Denn das Projektteam organisiert ab dem Wintersemester ein gemeinsames Lehrstudio der TU Berlin, der TH Köln und der Universitas Gadjah Mada in Yogyakarta nahe Sleman. Auf der Basis der bisherigen Erkenntnisse werden Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen in diesem Rahmen zwei vielversprechende und kostengünstige Maßnahmen aus dem Bereich der grün-blauen Infrastruktur planen und umsetzen. „Das kann zum Beispiel eine Dachbegrünung sein oder ein Regenwasser-Sammelsystem“, sagt Ania Wilk-Pham. Es sind kleine Schritte auf dem Weg zu einem großen Ziel, das Dorfvorsteherin Ibu Widjiarti so formuliert: „Ich möchte ein Randugowang hinterlassen, das sicher und gesund bleibt. Wo jeder gut leben kann und wo die Kinder und Enkel den Kampf ihrer Eltern gut fortführen können.“
Website des Projekts: https://polyurbanwaters.org/de/home-deutsch/
Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Fachgebiet Entwerfen und internationale Urbanistik - Habitat Unit
Fak VI – Planen Bauen Umwelt
Prof. Anke Hagemann
E-Mail: anke.hagemann@tu-berlin.de
Ania Wilk-Pham
E-Mail: a.wilk-pham@tu-berlin.de
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