Längere Lebensarbeitszeit vor allem für sozial benachteiligte Menschen und jüngere Beschäftigte problematisch
Immer länger arbeiten, funktioniert das? Ein Forschungsteam der MHH hat in dem von der DFG geförderten Projekt „Wie lange können wir arbeiten? Die Entwicklung der Lebensarbeitszeit aus gesundheitlicher Perspektive“ das Verhältnis zwischen steigendem Renteneintrittsalter und der tatsächlichen gesunden Lebensarbeitszeit untersucht. Die zentrale Erkenntnis: Die Entwicklung der gesunden Lebensarbeitszeit passt oft nicht zum steigenden Renteneintrittsalter. Vor allem die Gesundheit Jüngerer und von Menschen in sozial benachteiligten Lebenslagen verschlechtert sich im Zeitverlauf.
Das durchschnittliche Lebensalter der deutschen Bevölkerung steigt. Zusammen mit dem zunehmenden Arbeitskräftemangel stellt die demografische Entwicklung die Rentenversicherungssysteme vor große Herausforderungen. Das Renteneintrittsalter soll daher nach Vorschlägen der Alterssicherungskommission ab 2032 schrittweise an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden. Doch das funktioniert nur, wenn die Menschen auch im höheren Alter noch arbeitsfähig sind. Bisher existierten für Deutschland kaum wissenschaftliche Belege dafür, ob und für wen eine weitere Verlängerung der Lebensarbeitszeit gesundheitlich überhaupt zu leisten ist.
Mit dieser Frage hat sich die Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Soziologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in ihrem Forschungsprojekt „Wie lange können wir arbeiten? Die Entwicklung der Lebensarbeitszeit aus gesundheitlicher Perspektive“ beschäftigt. Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über drei Jahre gefördert. In einer daraus entstandenen Studie hat ein Forschungsteam um Projektleiterin Dr. Juliane Tetzlaff nun untersucht, wie sich die Gesundheit im erwerbsfähigen Alter entwickelt. Ein überraschendes Ergebnis der Untersuchung zeigt, dass sich gerade im jüngeren Erwerbsalter die Gesundheit über die Zeit verschlechtert und immer mehr Jahre in schlechter Gesundheit zwischen dem 18. und 44. Lebensjahr hinzukommen. Hierdurch steigt das Risiko, dass jüngere Generationen das hohe Erwerbsalter künftig in deutlich schlechterer Gesundheit erreichen werden als die heutige Generation älterer Erwerbstätiger. Die Arbeit ist in der Fachzeitschrift „European Journal of Public Health“ veröffentlicht worden.
Daten aus Längsschnittstudien
Ein wichtiger Faktor ist die sogenannte Lebenserwartung bei guter Gesundheit (Healthy Life Expectancy, HLE) im erwerbsfähigen Alter. Sie beziffert die durchschnittlich zu erwartenden Lebensjahre, die ein Mensch frei von schweren Krankheiten, Behinderungen oder gravierenden gesundheitlichen Einschränkungen verbringen kann. Um diese zu erfassen und ein umfassendes Bild der gesundheitlichen Entwicklung in der Bevölkerung zu erhalten, stützt sich das Projekt auf Befragungsdaten aus dem Sozio-Ökonomischen Panel (SOEP), einer Längsschnittstudie, die Daten zu Lebensbedingungen, Einkommen und gesellschaftlichem Wandel in Deutschland erhebt und der länderübergreifenden Längsschnittstudie SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe). Anhand dieser wissenschaftlichen Untersuchungen, die Personengruppen über einen längeren Zeitraum beobachten und befragen, untersuchte das Forschungsteam Gesundheitsindikatoren wie die individuelle Gesundheit oder körperliche Einschränkungen.
Mehr Jahre frei von schweren Erkrankungen
Um die Entwicklung spezifischer Erkrankungen einzuordnen, nutzten die Forschenden Daten aus den Jahren 2005 bis 2018 der AOK Niedersachen von mehr als drei Millionen Versicherten „Diese Daten sind für uns sehr wichtig, denn sie bilden nahezu die komplette Sozialstruktur Deutschlands ab und sind daher über Niedersachsen hinaus aussagekräftig“, sagt Sozial- und Gesundheitsdemografin Dr. Tetzlaff. Einbezogen werden Erkrankungen, die häufig zum vorzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben führen, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Krebserkrankungen. Dabei zeigte sich, dass schwere Erkrankungen wie Krebs oder koronare Herzerkrankungen zurückgehen und auch im Erwerbsalter mehr Jahre ohne diese Erkrankungen verbracht werden. Muskel-Skelett-Erkrankungen treten dagegen immer häufiger und früher im Leben auf und begleiten die Betroffenen über längere Phasen des Erwerbslebens hinweg, so dass weniger gesunde Jahre übrigbleiben.
Niedrige Bildungsabschlüsse besonders betroffen
Einen entscheidenden Einfluss übt offenbar auch der soziale Status aus. „Mit Blick auf die physische und mentale Lebensqualität profitieren Menschen mit höherem Bildungsniveau über die Zeit von einem Anstieg der gesunden Jahre zwischen dem 30. und 69. Lebensjahr und können im Schnitt deutlich mehr gesunde Jahre erwarten als Personen mit niedrigen Bildungsabschlüssen. Diese Ungleichheiten haben sich seit Mitte der 2000er Jahre weiter verschärft. Auch die berufliche Belastung spielt eine Rolle: Personen in Berufen mit hoher physischer oder psychosozialer Belastung haben deutlich weniger gesunde Jahre im Erwerbsalter zu erwarten. Dies gilt etwa für Muskel-Skelett-Erkrankungen und kardiovaskuläre Erkrankungen“, sagt Dr. Tetzlaff. Dieser Trend gelte nicht nur für die körperliche Gesundheit, sondern auch für die mentale Lebensqualität. Wer gesellschaftlich und finanziell bessergestellt ist, ist meist auch länger gesund und zufrieden im Beruf.
Negativer Trend bei Jüngeren
„Insgesamt zeigt unsere Studie, dass die gesundheitliche Entwicklung oft nicht mit dem Anstieg der Lebensarbeitszeit Schritt hält“, stellt die Wissenschaftlerin fest. Gerade bei den jüngeren Altersgruppen sei ein negativer Trend zu verzeichnen. „Vor allem in der Altersspanne zwischen 18 und 44 Jahren nimmt die Zahl der Lebensjahre in guter subjektiver Gesundheit im erwerbsfähigen Alter ab, während gleichzeitig Muskel-Skelett-Erkrankungen zunehmen, die für einen erheblichen Teil der Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland verantwortlich sind.“ Gründe für diese Entwicklung könnten nach Ansicht der Public-Health-Expertin eine Zunahme der Adipositas-Fälle sowie belastende Veränderungen in der Arbeitswelt etwa durch häufigeren Arbeitsplatzwechsel oder eine Arbeitszeit- und Aufgabenverdichtung mit wenig Pausen sein.
Frühere Prävention nötig
„Die Ergebnisse sind teilweise besorgniserregend und deuten darauf hin, dass die Erwerbsbevölkerung nicht nur aufgrund der Bevölkerungsalterung, sondern auch aufgrund der sich verschlechternden Gesundheit zurückgehen könnte, was sowohl für die Gesundheits- als auch für die Arbeitsmarktpolitik wachsende Herausforderungen mit sich bringt“, betont Dr. Tetzlaff. Damit jüngere Erwerbstätige nicht mit einer gesundheitlichen Hypothek in die spätere Erwerbsphase eintreten, empfiehlt die Wissenschaftlerin eine frühere gesundheitliche Prävention. „Präventionsprogramme setzen derzeit noch zu oft erst im höheren Lebensalter an, wenn bereits gesundheitliche Einschränkungen vorliegen.“ Hier sei ein Umdenken erforderlich, weil eine Ausweitung der Lebensarbeitszeit ansonsten bedeute, dass immer mehr ältere Menschen bei schlechter Gesundheit arbeiten müssten.
SERVICE:
Weitere Informationen finden Sie unter: https://gepris.dfg.de/project/438655805
Weitere Informationen erhalten Sie bei Dr. Juliane Tetzlaff, tetzlaff.juliane@mh-hannover.de.
Originalpublikation:
Die Originalarbeit „Getting better or worse? How trends in healthy life expectancy within working age are shaped by diverging trends among age groups“ finden Sie unter:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41985053/
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