Nächtliche Entdeckungen in St. Michaelis
HAWK-Forschende finden verlorengeglaubte Inschriften auf Heiligenfiguren
Prof. Dr. Barbara Beckett, Professorin für Konservierung und Restaurierung von Steinobjekten und Architekturoberflächen an der Fakultät Bauen und Erhalten der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen am Standort Hildesheim und ihr Masterstudent Andreas Fitze haben unter UV-Licht die noch ursprünglichen Beschriftungen auf einigen Spruchbändern der Heiligen an der Chorschranke der Michaeliskirche in Hildesheim nachgewiesen.
Die Michaeliskirche gehört zu den berühmtesten Kirchenbauten Europas. Viele haben über sie geforscht und über so gewonnene Erkenntnisse geschrieben, vor allem über ihre ersten beiden Jahrhunderte bis zirka zum Jahr 1220. Dass es immer noch Verlorengeglaubtes zu entdecken gibt, haben jetzt die Wandmalereirestauratorinnen und -restauratoren der HAWK bei einer nächtlichen Aktion in der Kirche bewiesen. Mit UV-Licht machten sie die noch ursprünglichen Beschriftungen auf einigen Spruchbändern der Heiligenfiguren an der Chorschranke sichtbar, denn ultraviolette Strahlen regen die Fluoreszenz von Firnissen, Bindemitteln und Pigmenten an. UVL-Aufnahmen, um den bedeutsamen Fund zu dokumentieren, funktionieren nur bei Dunkelheit wirklich gut, sodass die Forschenden die Aufnahmen nach Sonnenuntergang anfertigen mussten. Die einzige Lichtquelle waren dabei UV-LED-Flächenstrahler.
Dass es diese Inschriften noch gibt, ist eine kleine Sensation. Bislang galten sie als verloren und waren nur durch Abschriften des Hildesheimer Privatgelehrten Johann Michael Kratz aus der Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt. Die Idee, nach ihnen mit restauratorischer Technik zu suchen, wurde dem Hornemann Institut der HAWK angetragen. Das Institut hatte anlässlich seiner Tagung „Dem Welterbe ganz nah“ im März 2026 ein großes Gerüst an der Chorschranke aufbauen lassen und sowohl die Öffentlichkeit wie auch Expertinnen und Experten eingeladen, sich die berühmten Stuckaturen aus der Nähe anzuschauen. Dabei zückte ein Kollege eine kleine UV-Lampe und entdeckte die auf das Schriftband von Bischof Bernward aufgemalte Inschrift. „Er kannte aber nicht alle Unterlagen und wusste daher gar nicht, dass er damit etwas Neues entdeckt hatte. Mir hat er es leider erst erzählt, als das teure Gerüst schon wieder abgebaut war“, so Dr. Angela Weyer, die Leiterin des Hornemann Instituts. Die Spezialistin für Hildesheimer Inschriften, Dr. Christine Wulf in Göttingen, zeigte sich sofort begeistert und datierte die Inschrift in die Zeit der Romanik. „Ich bin sehr glücklich, dass die Kolleginnen und Kollegen alle Reste qualifiziert dokumentiert haben und wir nun genau wissen, was noch erhalten ist.“ Auf den laut Johann Michael Kratz „in dunkelgrauer Farbe“ aufgemalten Inschriften stehen kurze Sprüche aus der Bibel oder der Benediktsregel.
Die Erhaltung solcher Inschriften ist keinesfalls selbstverständlich. Bei den ebenfalls stuckierten Personifikationen der Seligpreisungen gegenüber den Eingängen ins südliche Seitenschiff der Michaeliskirche wurden 1847 auch Inschriften auf den Spruchbändern freigelegt. Diese wurden aber später mit verwunderlichen, für die Betrachter kaum erkennbaren Sprüchen übermalt. Bei der vierten Figur lässt sich „Spargel“ entziffern.
Aber es bleiben Fragen:
Warum hat die Inschriften bislang niemand gesehen? Im Restaurierungsbericht von 1991 steht sogar, dass im UV-Licht nichts erkennbar sei. Prof. Dr. Barbara Beckett meint hierzu, dass die UV-Wellenlänge damals dieselbe war wie heute, aber die Lampentechnik anders. Möglich wäre aber auch, dass diese Inschriften 1991 noch verdeckt waren, denn bei späteren Restaurierungen wurden jüngere Fassungen aus den 1850ern und von 1950 abgenommen. Kratz erwähnt auch noch weitere Inschriften mit den Namen der Dargestellten, die über den Baldachinen „in den Stuck eingegraben und mit einer feineren Gypsmasse ausgefüllt“ waren. Von ihnen fehlen bislang eindeutige Spuren. „Die sind für uns auch sehr interessant, vor allem finden wir diese Technik sehr spannend“, so Angela Weyer, „denn wir kennen solche eingeritzten Inschriften eher von Gipsfußböden, aber die hatten auch farbige Einlagen und nicht nur feinere Gipsmasse.“
Und wie geht es nun weiter?
Die Abschriften von Johann Michael Kratz sind von der Inschriftenkommission Niedersachsen veröffentlicht, in Buchform, aber auch frei im Internet auf inschriften.net ( http://www.inschriften.net/hildesheim/inschrift/nr/di058-0048.html ) zugänglich. Die HAWK hat ihre Fotos, die der Fotograf des Kunsthistorischen Instituts der Universität Heidelberg, einem Partner des Hornemann Instituts, noch optimiert hat, der Inschriftenkommission zur weiteren Erforschung und Publikation übersendet. „Wir selbst werden in unserem Buch zu den Stuckfragmenten von St. Michaelis nur eine einzige veröffentlichen können. Ich würde mich freuen, wenn unsere Restauratorinnen und Restauratoren in der Zukunft den eingravierten Inschriften nachspüren könnten. Hierfür wären jedoch andere Untersuchungstechniken nötig“, so Angela Weyer.
„Das ist das Schicksal von Wissenschaft: Es geht immer weiter. Man beantwortet Fragen und es tun sich neue auf. In der Denkmalpflege gibt es immer mal wieder Entdeckungen, auch weil die restauratorische Untersuchungsmöglichkeiten immer besser werden.“
Weitere Informationen:
http://www.inschriften.net/hildesheim/inschrift/nr/di058-0048.html Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim
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