Wenn Fleisch keine Rolle spielt: Weibliche Guinea-Paviane bevorzugen keine Männchen als Partner, die bessere Jäger sind
Eine neue Studie des Deutschen Primatenzentrums zeigt, dass weibliche Guinea-Paviane beim Zugang zu Fleisch weniger auf ihre Hauptpartner angewiesen sind als bisher angenommen
Für wildlebende Guinea-Paviane (Papio papio) ist Fleisch eine seltene und hochgeschätzte Ressource. Eine neue Studie des Deutschen Primatenzentrums – Leibniz-Institut für Primatenforschung (DPZ) zeigt jedoch, dass weibliche Guinea-Paviane im Gegensatz zu langjährigen Annahmen nicht bevorzugt Männchen als Partner wählen, die geschickter darin sind, Fleisch zu beschaffen. Das Forschungsteam um William J. O’Hearn (DPZ & University of Exeter, Großbritannien) hat darüber hinaus den ersten Fall einer von einem Weibchen initiierten Beutejagd dokumentiert und zeigt, dass weibliche Guinea-Paviane für den Zugang zu Fleisch weniger auf ihren Hauptpartner angewiesen sind als bisher angenommen. Die im „American Journal of Biological Anthropology“ veröffentlichten Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die evolutionären Ursprünge der Fleischbeschaffung als Signal für die Qualität eines Männchens bei Primaten.
Die Praxis, Beute zu erlegen und zu teilen, um die Qualität eines Mannes als Versorger zu signalisieren, hat tiefe evolutionäre Wurzeln. In menschlichen Jäger- und Sammlergesellschaften kann das Erlegen von Beute die Qualität eines Mannes als Versorger signalisieren und durch das Teilen der Beute wird dieses Signal in der gesamten Gemeinschaft verbreitet. Guinea-Paviane bieten aufgrund ihrer parallelen Entwicklung mit frühen menschlichen Vorfahren eine wertvolle Analogie zur Evolution menschlicher Praktiken des Nahrungsteilens. Darüber hinaus weisen sie eine mehrstufige soziale Organisation auf, die den verschachtelten sozialen Ebenen menschlicher Gesellschaften gleicht. Die unterste Ebene besteht bei Pavianen aus einem Hauptmännchen, einem bis zu mehreren zugehörigen Weibchen und deren Nachkommen, das Äquivalent einer menschlichen Kernfamilie.
Eine frühere DPZ-Studie, die ebenfalls von O’Hearn geleitet wurde, zeigte, wie Guinea-Paviane Fleisch innerhalb dieser sozialen Organisationen teilen. Häufigeres Teilen findet auf der Ebene der engsten sozialen Einheit statt, ähnlich wie bei menschlichen Jäger- und Sammlergemeinschaften, die ihre erlegte Beute zunächst innerhalb ihrer unmittelbaren Familie teilen. Die aktuelle Studie untersuchte, ob der Erfolg bei der Fleischbeschaffung und das Teilen von Fleisch bei Guinea-Pavianen als Signal für die Qualität des Männchens fungiert. Dies würde ebenfalls den Mustern in menschlichen Jäger- und Sammlergesellschaften ähneln.
Weibliche Paviane sind weniger stark von ihrem Hauptpartner abhängig als erwartet
Um diese Frage zu beantworten, stützten sich die Forscher der Abteilung Kognitive Ethologie am DPZ auf Beobachtungen, die über einen Zeitraum von neun Jahren an der DPZ-Feldstation Simenti im Senegal durchgeführt wurden. Sie kombinierten kommentierte Aufzeichnungen von 109 konkreten Fleischfressvorgängen Fleischfress-Ereignissen mit demografischen und Verhaltensdaten von 465 individuell identifizierten Pavianen. In 11 Prozent dieser Fälle wurde die Beute von einem Weibchen erlegt – dies ist das erste Mal, dass dieses Verhalten bei Guinea-Pavianen beobachtet wurde – und 41 Prozent des von den Weibchen verzehrten Fleisches stammten aus anderen Quellen als von ihrem Hauptmännchen.
In der vorherigen Studie zur Fleischverteilung bei Guinea-Pavianen gaben männliche Paviane bis zu 40 Prozent ihrer Beute an die Weibchen in ihrer Gruppe weiter. Während die Ergebnisse der vorherigen Studie darauf hindeuteten, dass weibliche Paviane für den Zugang zu Fleisch von ihren Männchen abhängig sind, zeigen die neuen Erkenntnisse, dass diese Abhängigkeit nicht so ausgeprägt ist. Dennoch stammte ein großer Teil des Fleisches, zu dem weibliche Paviane Zugang hatten, von ihrem Hauptmännchen.
Keine Präferenz der Weibchen für geschicktere männliche Beutejäger
Zudem zeigten statistische Modelle keinen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit, mit der ein Männchen Fleisch beschaffte oder weitergab, und der Anzahl der Weibchen in seiner Gruppe oder der Dauer der Verbindungen zwischen Männchen und Weibchen. „Entgegen unserer Vorhersage fanden wir keine Hinweise darauf, dass Weibchen es bevorzugten, sich Gruppen von Männchen anzuschließen oder länger in diesen zu verbleiben, wenn diese Männchen häufiger Fleisch beschafften oder teilten. Stattdessen scheinen Weibchen einen erheblichen Teil ihres Fleisches aus anderen Quellen als den Männchen ihrer Gruppe zu beziehen, unter anderem, indem sie Beute selbst erlegen“, sagt Hauptautor William J. O’Hearn.
Der wichtigste Faktor für den Paarungserfolg der Männchen war hingegen das Alter: Männchen im frühen bis mittleren besten Alter hatten mehr Weibchen in ihrer Gruppe als ältere Männchen.
Andere Faktoren könnten die Fortpflanzungsentscheidungen der Weibchen beeinflussen
Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Beutejagd und die Weitergabe von Fleisch bei Guinea-Pavianen wahrscheinlich keine verhaltensrelevanten Indikatoren für die Qualität der Männchen sind. Dies ließe sich durch die Seltenheit des Fleischverzehrs im Leben wild lebender Paviane erklären, der weitaus seltener vorkommt als erfolgreiche Jagden in menschlichen Jäger- und Sammlergemeinschaften.
Stattdessen könnten die Fortpflanzungsentscheidungen der Weibchen durch körperliche Signale der Männchen beeinflusst werden, beispielsweise durch stärker rot gefärbte Flecken am Hinterteil. Ähnliche Signale weisen bei anderen Primaten nachweislich auf die Qualität der Männchen hin. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass sich die Weibchen auf Verhaltens- oder soziale Signale konzentrieren, wie beispielsweise die Neigung eines Männchens, sich um seinen Nachwuchs zu kümmern, oder sein Verhalten gegenüber anderen Weibchen in der Gruppe.
„Guinea-Paviane bieten einen besonders interessanten evolutionären Vergleich zum Menschen, da ähnliche ökologische Bedingungen und soziale Systeme zu Unterschieden in der Bedeutung der Fleischverteilung für die Partnerwahl der Weibchen geführt haben. Wo Weibchen viele Möglichkeiten haben, an Fleisch zu gelangen, muss dies bei der Partnerwahl kein Faktor sein“, sagt William J. O’Hearn.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. William J. O’Hearn
Center for Research in Animal Behaviour
University of Exeter, UK
Telefon: +44 (0) 7442 012101
E-Mail: WOHearn@dpz.eu
Originalpublikation:
O'Hearn, W. J., F. D. Pesco, R. Mundry, and J. Fischer. 2026. “Meat Acquisition Skill and Male Reproductive Success in Guinea Baboons.” American Journal of Biological Anthropology 190, no. 4: e70327. DOI: https://doi.org/10.1002/ajpa.70327
Weitere Informationen:
https://www.dpz.eu/im-dialog/news/artikel/wenn-fleisch-keine-rolle-spielt-weibliche-guinea-paviane-bevorzugen-keine-maennchen-die-bessere-jaeger-sind - Pressemitteilung auf der DPZ Website
https://medien.dpz.eu/pinaccess/pinaccess.do?pinCode=I7P1c3r8Y6K1 - Druckfähige Bilder
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