Bauarchäologie am ottonenzeitlichen St. Marien Stift in Walbeck an der Aller
Die Ruine der einstigen Stiftskirche St. Marien zu Walbeck an der Aller, nach 941 von Graf Lothar II. als Sühneleistung für die Beteiligung an einer Verschwörung gegen Otto I. gegründet, gilt als ein bedeutendes architektonisches Zeugnis der Ottonenzeit weit über das heutige Sachsen-Anhalt hinaus. Das aufgehende Mauerwerk war wiederholt Gegenstand der Bauforschung. Im Untergrund befinden sich archäologische Befunde, die neue Erkenntnisse zur Datierung und zu baulichen Eigenheiten liefern.
Die Stiftskirche St. Marien zu Walbeck im Fokus von Denkmalpflege und Archäologie
Die Ruine der Stiftskirche St. Marien in Walbeck an der Aller zählt zu den herausragenden Denkmalen an der Straße der Romanik. Mit der Erforschung und Erhaltung der Kirche sowie insbesondere der außergewöhnlichen Stucktumba aus ihrer Vierung, die sich heute in der Walbecker Dorfkirche befindet, befasst sich bereits seit langem die Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt. Erstmals seit der Bergung der Stucktumba im Jahr 1932 widmete sich 2025 eine archäologische Untersuchung auch den im Untergrund erhaltenen Zeugnissen der Kirche, die einst zu einem nach 941 von Graf Lothar II. als Sühneleistung für die Beteiligung an einer Verschwörung gegen Otto I. gegründeten Kanonikerstift gehörte.
Neue Erkenntnisse zum Grab in der Kirche
Im Mittelpunkt der letztjährigen Forschungsgrabung des LDA Sachsen-Anhalt stand die Grabkammer am ursprünglichen Standort der Stucktumba in der Vierung der Stiftskirche. Diese wurde seit der Bergung der Tumba erstmals erneut untersucht. Ziel war es, unter Anwendung aktueller Methoden mehr über die Fundumstände und den einstigen Aufstellungskontext der Stucktumba zu erfahren. Der Antwort auf die Frage danach, ob sie, wie traditionell angenommen wird, tatsächlich die Grablege des Kirchenstifters kennzeichnete, kam die Auswertung der Grabungsfunde in den darauffolgenden Monaten näher. Aus der Wiederverfüllung der Grabkammer von 1932 konnten 2025 kleine Fragmente von Holz, Stuck und Knochen geborgen werden. Deren naturwissenschaftliche Datierung mit Hilfe der Radiokarbonmethode sowie die Ergebnisse archäogenetischer Untersuchungen an den Skelettresten belegen, dass die Grabkammer im Frühmittelalter die Bestattung eines Mannes aufnahm. Zusammengenommen legen die Analyseergebnisse es nahe, dass es sich bei ihm tatsächlich um Graf Lothar II. von Walbeck, den Stifter der Kirche, handelte.
Die aktuelle archäologische Ausgrabung: Fragestellungen, Ziele und weiterführende Untersuchungen
Im Rahmen der derzeit laufenden dreiwöchigen Lehr- und Forschungsgrabung des LDA Sachsen-Anhalt an der Walbecker Stiftskirche wird der bereits 1932 und 2025 erfasste ausgemauerte Graben beiderseits der ehemaligen Grabkammer im Querschiff der Kirche weiter untersucht, der ebenfalls aus der Ottonenzeit stammt, dessen Funktion sich bislang nicht eindeutig erschließen lässt. In diesem Graben standen ursprünglich mehrere Keramiktöpfe des 10./11. Jahrhunderts. Seine erneute Untersuchung in diesem Jahr erbrachte einige spannende Neufunde, darunter ein Beinplättchen mit Kreisaugenzier, das aller Wahrscheinlichkeit nach einst zu einem Reliquienkästchen gehörte. Auch zeichnet sich ab, dass der Graben ursprünglich kreuzförmig angelegt war, wobei der östliche Arm durch die zentrale Grablege durchschlagen wurde. Eine ganz ähnliche Situation ist aus der Klosterkirche St. Georg auf der Prager Burg bekannt. Dort wird ein ausgemauerter kreuzförmiger Graben durch das Grab des böhmischen Herzogs Boleslav II. (gestorben 999) geschnitten.
Daneben steht die Baugeschichte des ottonenzeitlichen Stiftes im Mittelpunkt der aktuellen Untersuchungen. Durch die Erweiterung der Untersuchungsflächen auf die seitlichen Querarme der Kirche konnten weiterführende Erkenntnisse über die verschiedenen Bauphasen des Gebäudes gewonnen werden. Schichten, die bei der Erneuerung von Fußböden eingebracht wurden, abgelagerte Brand- und Schuttschichten sowie erhaltene Einbauten und Fundamentierungen erlauben es, Abfolge und Zeitstellung der am erhaltenen aufgehenden Mauerwerk noch erkennbaren baulichen Veränderungen genauer einzuordnen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Kreuzgang des Stifts im Süden außerhalb der Kirche. Der ehemalige Gebäudebestand ist dort obertägig weitgehend abgetragen. Mit Hilfe geophysikalischer Untersuchungen konnten im Vorfeld der Grabung erhaltene Mauerstrukturen im Untergrund nachgewiesen und Erkenntnisse über Größe und Struktur des ehemaligen Kreuzganges gewonnen werden. Die zur Klärung des zeitlichen Verhältnisses von Klausur und Kirche im Südosten des Kreuzganges angelegte Untersuchungsfläche zeigt nicht nur, dass die Räume noch bis in das 19. Jahrhundert genutzt und dann der obere Bereich abgebrochen wurden, sondern auch, dass die Innenmauer des Kreuzgangs nach Ausrichtung, Fugenbild und Mörtel durchaus in das 10./11. Jahrhundert datierten könnte.
Die Forschungen zum ottonenzeitlichen Stift St. Marien zu Walbeck werden durch den Verein für Walbecker Geschichte und Heimatpflege e.V. unterstützt, der sich unter anderem für den Unterhalt der Ruine der Walbecker Stiftskirche engagiert. Die Arbeiten vor Ort enden am 14. August 2026. Neben der Forschung kommt die Ausgrabung auch der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zugute. So gehören dem insgesamt zeitweise bis zu zwanzigköpfigen Grabungsteam neben den örtlichen Grabungsleitern auch Archäologiestudierende der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Universität Leipzig sowie zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der ehrenamtlichen Bodendenkmalpflege an.
Das Stift St. Marien zu Walbeck und sein historischer Hintergrund
Die Ruine der Stiftskirche St. Marien in Walbeck (Landkreis Börde) zählt zu den wichtigsten und malerischsten Stationen auf der Straße der Romanik. Gegründet wurde das der Jungfrau Maria geweihte, hoch über der Aller gelegene Kanonikerstift, zu dem die Kirche einst gehörte, durch Graf Lothar II. von Walbeck auf dessen Eigengut. Graf Lothar war Angehöriger eines Adelsgeschlechtes, das sowohl in der sächsischen Geschichte als auch in der Reichsgeschichte eine herausgehobene Rolle spielte. Bedeutendster Vertreter dieses Adelsgeschlechtes war der spätere Bischof von Merseburg und wichtigster Geschichtsschreiber der ottonischen Epoche Thietmar, dessen Chronik einige Informationen über Anfangszeit des Stiftes enthält. Lothar II. war zu Ostern des Jahres 941 an einem Komplott Heinrichs, des späteren Herzogs von Bayern, gegen dessen Bruder König Otto I., den späteren Kaiser Otto den Großen, beteiligt gewesen. Die geplante Ermordung des Königs in Quedlinburg schlug fehl, etliche Mitverschwörer Heinrichs wurden hingerichtet. Lothar II. von Walbeck allerdings wurde begnadigt. Als Sühneleistung gründete er ein Stift. Dieses wurde erst nach seinem Tod im Jahr 964 vollendet.
Obwohl seit dem 19. Jahrhundert nur noch als Ruine erhalten, zählt die Kirche des einstigen Stifts zu den bedeutenden architektonischen Zeugnissen der Ottonenzeit in Deutschland, denn nur an sehr wenigen Bauten hat sich aufgehendes Mauerwerk aus dieser Zeit erhalten.
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