Frühe Fernfahrten über das Mittelmeer verbanden Gemeinschaften über mindestens ein Jahrtausend
Die Entdeckung, dass abgelegene Mittelmeerinseln bereits vor der Entwicklung der Landwirtschaft besiedelt wurden, hat die bisherigen Vorstellungen von den maritimen Fähigkeiten der letzten Jäger und Sammler Europas grundlegend verändert. Neue Befunde aus Malta zeigen, dass diese Gruppen über mindestens ein Jahrtausend hinweg wiederholt Seereisen von mindestens 100 Kilometern Länge unternahmen, vermutlich zwischen Sizilien und Malta.
Auf den Punkt gebracht:
Bevölkerungsgrenzen: Die geringe Fläche Maltas konnte nur eine begrenzte Jäger- und- Sammler-Population ernähren, die ohne Kontakt zu größeren Bevölkerungsgruppen langfristig nicht überlebensfähig gewesen wäre.
Kontinuierliche Besiedlung: Archäologische Funde belegen eine ununterbrochene Besiedlung Maltas durch Jäger und Sammler zwischen etwa 8.400 und 7.400 Jahren vor heute.
Soziale Netzwerke: Das langfristige Überleben erforderte Verbindungen zu größeren Bevölkerungsgruppen, was auf wiederholte Seereisen und sozialen Austausch hinweist.
Eine aktuelle Studie, veröffentlicht in PNAS Nexus und geleitet von Dr. Jimbob Blinkhorn von der Universität Liverpool in Kooperation mit Prof. Eleanor Scerri vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie (MPI-GEA) sowie Forschenden der Universität Malta und der Universität Cambridge, zeigt, dass die maltesischen Inseln zu klein waren, um eine Jäger-und-Sammler-Population zu ernähren, die über Jahrhunderte hinweg isoliert hätte überleben können. Die ununterbrochene Präsenz von Jägern und Sammlern auf Malta über mindestens ein Jahrtausend lässt sich nur durch soziale Netzwerke erklären, die wiederholte Seefahrten und Kontakte über das Meer ermöglichten.
„Die Fähigkeit, Langstrecken-Seefahrten durchzuführen, markiert einen bedeutenden Übergang in der Menschheitsgeschichte, in dem zuvor unüberwindbare maritime Barrieren zu Verbindungswegen zwischen Gemeinschaften wurden. Im Mittelmeerraum sind erstmals im Mesolithikum Langstreckenfahrten über offenes Meer ohne Zwischenhalt nachgewiesen“, erläutert Prof. Eleanor Scerri, eine der leitenden Autorinnen der Studie. „Auf Malta konnten wir eine kontinuierliche mesolithische Besiedlung von mindestens 8.400 bis 7.400 Jahren vor heute nachweisen. Handelte es sich dabei um eine zufällige Ankunft oder weist dies auf ein bisher unbekanntes Seefahrtsnetzwerk hin?“
Grenzen von Ressourcen und Bevölkerungsgröße
Zur Beantwortung dieser Frage kombinierte das Forschungsteam unter der Leitung der Gruppe „Computergestützte Archäologie der Steinzeit“ der Universität Liverpool Erkenntnisse aus der modernen Ethnografie mit Paläoklimadaten und Meeresspiegelmodellen. Ziel war es, die wahrscheinliche Bevölkerungsgröße von Jäger- und Sammlergemeinschaften sowie deren langfristige Überlebenschancen zu ermitteln.
„Im Gegensatz zu Bauern sind Jäger und Sammler auf wilde, natürliche Nahrungsressourcen angewiesen, deren Verfügbarkeit stark vom Klima eines Gebiets abhängt. Größere und produktivere Lebensräume können größere Bevölkerungsgruppen ernähren“, erläutert Dr. Jimbob Blinkhorn, Hauptautor der Studie. „Durch die Modellierung des Zusammenhangs zwischen der Bevölkerungsgröße moderner Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften und der Bedingungen ihrer Lebensräume konnten wir mithilfe hochauflösender paläoklimatischer Datensätze potenzielle Bevölkerungsgrößen der Vergangenheit schätzen. Malta war einst über eine Landbrücke mit Sizilien verbunden, die jedoch vor etwa 14.000 Jahren überflutet wurde. Dadurch wurde Malta isoliert und die verfügbare Landfläche für eine Jäger-und-Sammler-Population verkleinert.“
Die Ergebnisse zeigen, dass die maximal mögliche Bevölkerungsgröße, die Malta nach der Isolation von Sizilien ernähren konnte, zwischen 144 und 170 Individuen lag. Realistischere , auf ethnografischen Daten basierende Schätzungen gehen von einer deutlich kleineren Bevölkerung aus. Diese geringe Bevölkerungsdichte bestand über den Zeitraum von 1.000 Jahren, für den jüngste archäologische Funde eine Besiedlung Maltas durch Jäger und Sammler belegen.
Hinweis auf bislang unbekannte Netzwerke
„Das langfristige Überleben einer Population, wie es in den archäologischen Aufzeichnungen über ein Jahrtausend belegt ist, erfordert 500 bis 1.000 Erwachsene im fortpflanzungsfähigen Alter, wobei Kinder und ältere Menschen nicht eingerechnet sind“, erklärt Dr. Blinkhorn.
„Da die prognostizierten Bevölkerungszahlen für Malta deutlich geringer sind, mussten diese Jäger und Sammler Teil eines größeren genetischen Netzwerks gewesen sein, um Inzucht und einen Zusammenbruch der Population zu verhindern. Dies war nur durch wiederholte Verbindungen über das Meer möglich.“
„Unsere Studie zeigt, dass Malta Teil eines bislang unbekannten, über lange Zeit bestehenden Netzwerks für Langstrecken-Seefahrten war“, ergänzt Prof. Scerri. „Die letzten europäischen Jäger und Sammler erschlossen Land und Meer neu und knüpften soziale Verbindungen auf eine bislang unbekannte Weise, indem sie Inseln und Küsten verbanden - eventuell über Kontinente hinweg.“
Dr. Blinkhorn wird durch ein Forschungsstipendium der Universität Liverpool unterstützt. Die Forschungsarbeit wurde durch einen Förderzuschuss des Europäischen Forschungsrats finanziert, der an Prof. Scerri vergeben wurde.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Jimbob Blinkhorn
Department of Archaeology, Classics and Egyptology,
University of Liverpool
Email: j.blinkhorn@liverpool.ac.uk
Eleanor Scerri
Max Planck Institute of Geoanthropology
Email: scerri@gea.mpg.de
Originalpublikation:
Titel: Life on the Edge: Mesolithic Population Size and Viability on Malta
Autor:innen: James Blinkhorn, Lucy Timbrell, Matt Grove, Andrea Manica, Mario Mata-González, Huw S. Groucutt, Nicholas C. Vella, Eleanor M.L. Scerri.
Publikation: PNAS Nexus
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