35-Stunden-Woche – Wissenschaftlicher Rechercheservice der Hans-Böckler-Stiftung
35-Stunden-Woche – Wissenschaftlicher Rechercheservice
Wie weit verbreitet ist eine tarifliche Arbeitszeit von 35 Stunden? Die durchschnittliche tarifvertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit in Deutschland liegt bei 37,8 Stunden, zeigen Daten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Knapp 20 Prozent (genau 19,6 Prozent) aller Beschäftigten in Deutschland arbeiten in Branchen, in denen Branchentarifverträge gelten, in denen 35 oder weniger Stunden als Regelarbeitszeit vereinbart sind.
Schwerpunkte sind die Metall- und Elektroindustrie, die Holz- und Kunststoffindustrie, die Eisen- und Stahlindustrie, die papierverarbeitende Industrie und die Druckindustrie. Außerdem gibt es die 35-Stunden-Woche in manchen Haustarifverträgen, etwa bei der Deutschen Telekom (dort sind es 34 Stunden; mehr in der Abbildung auf Seite 18 hier: https://www.wsi.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-009340). Wichtig: Die oben angesprochenen knapp 20 Prozent lassen sich nicht auf eine konkrete Personenzahl umrechnen. Denn beispielsweise arbeiten die Beschäftigten der jeweiligen Branchen nicht alle in tarifgebundenen Unternehmen.
Flexibilität gesichert: Die meisten Tarifverträge machen bei der Arbeitszeit zumindest für Teile der Belegschaft Korridore für längere oder kürzere Arbeit möglich. Durch verkürzte Arbeitszeiten im Betrieb können beispielsweise Phasen geringer Auslastung überbrückt werden.
Andererseits können Beschäftigte ihre wöchentliche Arbeitszeit zeitweilig erhöhen, beispielsweise, wenn im Unternehmen Auftragsspitzen bewältigt werden müssen. Um zu verhindern, dass Arbeitgebende die Arbeitszeitregeln an diesem Punkt aushebeln, ist das etwa nach den Tarifverträgen der Metall- und Elektroindustrie nur für einen Teil der Belegschaft, rund ein Fünftel, gleichzeitig möglich. Zudem steigt das Entgelt mit den zusätzlichen Stunden. „Das unterstreicht, was wir auch mit großflächigen Untersuchungen für diverse Branchen gezeigt haben: Tarifverträge bieten auch bei der Arbeitszeit viel Flexibilität. Gleichzeitig stellen sie sicher, dass die Interessen und Bedürfnisse der Beschäftigten in die Gestaltung miteinbezogen werden. Das verhindert eben, dass Arbeitgeber*innen per einseitiger Ansage und nur mit Blick auf ihre kurzfristigen individuellen Interessen Arbeitszeiten ausweiten oder Löhne kürzen – mit negativen Folgen auch für Kaufkraft, Arbeitsmarkt und Sozialkassen“, sagt Prof. Dr. Thorsten Schulten, der das WSI-Tarifarchiv leitet.
„Bereits jetzt ist im Rahmen von Tarifverträgen alles möglich, was Betriebe brauchen, um flexibel auf die Herausforderungen der Arbeitsabläufe reagieren zu können. Aber diese Flexibilität ist dann eben Ergebnis eines Aushandlungsprozesses von Beschäftigten und Arbeitgeber*innen. Damit werden Arbeitszeiten für die Beschäftigten planbarer. Das ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Familien Erwerbsarbeit und Sorgearbeit vereinbaren können und erhöht damit vor allem die Erwerbsmöglichkeiten von Frauen“, sagt Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI. „Die Debatte um Arbeitszeiten in ihren unterschiedlichen Facetten ist daher riskant. Das Zusammenspiel von gesetzlichem Rahmen durch das geltende Arbeitszeitgesetz und passgenauen, fair ausgehandelten tariflichen Lösungen stellt eine absolute Stärke des Standorts Deutschland dar. Unternehmen müssen sie aber auch nutzen, anstatt sich Tarifverträgen zu entziehen oder Verträge und Gesetze spektakulär in Frage zu stellen.“
Aktuelle Studie zu tariflichen Arbeitszeitregeln: https://www.wsi.de/de/faust-detail.htm?produkt=HBS-009296
Breiter Forschungsüberblick zur Arbeitszeit: https://www.boeckler.de/de/auf-einen-blick-17945-debatte-um-die-arbeitszeit-69628.htm
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de
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